Politik
Ausgesperrt? Syrische Soldaten beobachten die andere Seite der Grenze.
Ausgesperrt? Syrische Soldaten beobachten die andere Seite der Grenze.(Foto: REUTERS)
Samstag, 15. September 2018

Geheime Mission in Syrien: Wie Israel seine Partner im Stich ließ

Von Tal Leder, Herzliya

Israel hat syrische Rebellengruppen unterstützt, um iranische Streitkräfte von seiner Grenze fernzuhalten. Als syrische Regierungstruppen die Rebellen angreifen, hilft Jerusalem nicht mehr.

Ein Seminar zum syrischen Bürgerkrieg beim Weltgipfel für Terrorismusbekämpfung in Herzliya, Israel. Experten diskutieren über die Beteiligung verschiedener Länder und die möglichen Folgen des Konflikts. Ein arabisch aussehender Mann schüttelt am Rande seinen Kopf. "Das ist doch nur die halbe Wahrheit", sagte er zu seinem Begleiter. "Die sollten auch erzählen, dass der Westen und Israel die oppositionellen Kräfte in meiner Heimat unterstützt haben und dann im Stich ließen."

Der arabisch aussehende Mann mit dem dunklen Oberlippenbart ist Syrer, 50 Jahre alt, und heißt Farid al-Bakri*. Noch bis Ende Juli kämpfte er als Kommandeur der Freien Syrischen Armee (FSA) gegen das Regime von Baschar al-Assad. Nun untermauert er einen heftig diskutierten Bericht des US-Magazins "Foreign Policy".

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Das Magazin berichtete Anfang September basierend auf mehr als zwei Dutzend Interviews mit Beteiligten, dass Israel in aller Stille mindestens zwölf Rebellengruppen in Syrien unterstützt hat, um iranische Milizen und Kämpfer des selbsternannten Islamischen Staates (IS) von der israelischen Grenze fernzuhalten.

"Israel stand heldenhaft an unserer Seite", sagt Bakri. "Ohne ihre Hilfe hätten wir niemals so lange überlebt." Syrien habe eine reiche Geschichte und hätte einen Neuanfang verdient. Die Hilfe aus Jerusalem hätte in der Zeit nach Assad eine wichtige Rolle bei Friedensgespräche beider Länder spielen können. "Als Israel uns versorgte, glaubten wir an eine Revolution in unserem Land", so Bakri.

Zur militärischen Unterstützung, von der die Rede ist, gehörten laut "Foreign Policy" Sturm und Maschinengewehre, Mörserwerfer und Transportfahrzeuge. Israelische Sicherheitsbehörden lieferten die Waffen demnach durch die Grenzübergänge, welche die Golanhöhen mit Syrien verbindet. Dem Bericht zufolge zahlte der jüdische Staat jedem Kämpfer etwa 75 US-Dollar im Monat und lieferte noch zusätzliches Geld, das die jeweiligen Gruppen verwendeten, um Waffen auf dem syrischen Schwarzmarkt zu kaufen.

(Foto: REUTERS)

Neben rund 200 Luftangriffen in den vergangenen anderthalb Jahren und politischen Druck über Russland versuchte Jerusalem durch die Unterstützung der Rebellengruppen, den Iran und seine Milizen daran zu hindern, seine Position im Land zu festigen. Das Mullah-Regime bestimmt bereits die Politik in Gaza und im Libanon. Sollte der Iran seinen Einfluss in Syrien ausweiten, würde Israel noch fester in den persischen Zangengriff geraten. Staatsdoktrin des Irans ist die Vernichtung des jüdischen Staates.

Die Unterstützung syrischer Rebellen war allerdings nicht mit Hilfen aus Staaten wie Katar, Saudi Arabien, der Türkei und den USA zu vergleichen. Israel wollte die Versorgung der Aufständischen geheim halten. Jerusalem lehnt überdies eine Einmischung in den inneren Konflikt seines Nachbarlandes eigentlich ab.

"Es wird bald zur großen Eskalation kommen"

Auch Bakris Begleiter untermauert den Bericht über die geheime Unterstützung syrischer Rebellen durch Israel. Der Begleiter heißt Eli Navon* und ist ein ehemaliger Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes Mossad. "Wir begannen 2013 verschiedene Gruppen zu bewaffnen, die mit der Freien Syrischen Armee in Verbindung standen", sagt er. "Dazu gehörten auch die Forsan al-Jolan (die Golan Ritter) in Quneitra, Daraa und den südlichen Gebieten von Damaskus." Navon muss das wissen, er war bis vor kurzem noch für verdeckte Operationen im Feindgebiet verantwortlich.

Die Versorgung, von der die Rede ist, blieb für einige Zeit stabil, wurde im vergangenen Jahr aber massiv ausgeweitet. Die Zunahme der Hilfe fiel mit einer Änderung der israelischen Politik in Syrien zusammen. Jerusalem setzte auf eine aggressivere Politik, nachdem Appelle an die US-Regierung und den Kreml verhallten. Jerusalem forderte vergeblich ein Abkommen, das sicherstellen würde, dass von Iran unterstützte Milizen von der israelisch-syrischen Grenze ferngehalten werden würden.

Viele oppositionelle Syrer sahen Jerusalem angesichts der Hilfen als Verbündeten. Auch wegen der humanitären Initiativen Israels. Das Land behandelte zum Beispiel Verletzte des Syrien-Krieges in israelischen Krankenhäusern. Doch als dann die syrische Armee weite Teile des ehemals von Rebellen gehaltenen Territoriums zurückeroberte, suchte Israel andere Wege, um seine Interessen entlang der Grenze zu vertreten. Obwohl der Vormarsch der Assad-Truppen nicht nur von Moskau, sondern auch von iranischen Milizen unterstützt wurde. Jerusalem wollte offenbar die Konfrontation mit Assad verhindern.

Im Juli kam es zu einem Deal mit Moskau: Die syrischen Regierungstruppen durften basierend auf dem Pakt in die Gebiete zurückkehren, die an die Golanhöhen angrenzen. Im Gegenzug versicherte der Kreml, dass sich die vom Iran unterstützten Milizen 80 Kilometer von der israelischen Grenze zurückziehen. Der jüdische Staat stellte seine Hilfe für die Aufständischen daraufhin ein. Und wandte sich von den Rebellen ab.

Die erwarteten nach all der Hilfe, dass Jerusalem sie schützen würde, wenn es für sie eng wird. Als die Regimekräfte vorrückten, ließ Israel die Rebellengruppen aber im Stich. "Aus Furcht vor Vergeltung der Assad-Schergen, suchten ich und einige weitere Kommandeure Asyl in Israel und Jordanien und bekamen es", erzählt Bakri. Doch das galt nicht für alle Kommandeure, geschweige denn für alle Rebellen. Aber nicht nur deshalb ist Bakri enttäuscht. "Der jüdische Staat hat langfristig gesehen einen Fehler gemacht", sagt er. Er glaubt nicht, dass sich die iranischen Milizen an den Deal, von der Grenze fernzubleiben halten. "Mit dem Iran an seiner Grenze wird es bald zur großen Eskalation kommen."

*Die Namen der Protagonisten wurden zu derem Schutz geändert.

Quelle: n-tv.de