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Hitlers erstes Kriegsverbrechen Wie Janusz Witt den Polen-Angriff überlebte

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Hunderte Menschen starben bei dem deutschen Angriff auf das strategisch unwichtige Städtchen Wielun.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der eigentliche Beginn des Zweiten Weltkriegs ist kaum bekannt. Am 1. September 1939 bombardieren die Nazis in aller Früh das polnische Städtchen Wielun. Hunderte sterben, es ist das erste Kriegsverbrechen der Nazis. Janusz Witt überlebt das Morden, noch heute hört er die Bomben explodieren.

Am ersten September 1939 schreckte der fünfjährige Janusz Witt jäh aus dem Schlaf. "Da war zuerst ein Brummen", erinnert er sich heute. "Ein Brummen von Flugzeugen, das immer stärker und stärker wurde. Und dann kam das Sausen der Bomben." Dutzende Bomben, abgeworfen von deutschen Stukas über dem polnischen Städtchen Wielun. Es ist 4.37 Uhr, die Deutschen beginnen den Zweiten Weltkrieg - so, wie sie ihn in den kommenden sechs Jahren fortführen werden: mit Verbrechen und Terror. Am Ende des Tages sind in Wielun rund 1200 seiner 16.000 Einwohner tot. Sie sind die ersten Opfer des Krieges, der noch 60 Millionen Menschen das Leben kosten wird.

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Janusz Witt mit seinen beiden Geschwistern vor der ausgebrannten Kirche von Wielun.

(Foto: privat)

Auch in Witts Garten fällt eine Bombe, doch seine Familie hat Glück. "Gott sei Dank war es offenbar ein Blindgänger", sagt er heute. Das Gemeindehaus, in dem er mit seinen Eltern wohnt, bleibt heil, es wird nur durch die Explosion von einer Schicht Erde überzogen. Die Kirche zehn Meter weiter steht in Flammen und brennt aus. Seine Eltern ziehen ihn und seine beiden kleineren Geschwister schnell an und zerren sie unter einen dicken Tisch im Gemeindesaal. Hier überleben sie diese und die nächste Angriffswelle zwei Stunden später. Erst danach können sie auf einem Leiterwagen aus dem Ort fliehen. Vorbei an brennenden Häusern, an Verletzten und Toten. Die ganze Stadt steht in Flammen.

Eine der ersten Bomben zerstört das Krankenhaus, auf dessen Dach ein rotes Kreuz prangt - nach der Haager Landkriegsordnung ein klares Verbrechen. Das Stadtzentrum wird zu einem großen Teil verwüstet. "Direkt auf den Marktplatz", kommentiert voller Zufriedenheit ein Kommandeur einen Abwurf. Nach den Bombardierungen geben deutsche Soldaten aus den Flugzeugen noch gezielte Salven auf die Bevölkerung ab.

Der zuständige Befehlshaber des Angriffs kennt sich mit Zerstörung aus: Wolfram von Richthofen warf bereits 1937 mit der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg 30 Tonnen Sprengstoff auf das baskische Städtchen Guernica, Hunderte Menschen starben. Im strategisch und wirtschaftlich unbedeutenden Wielun, so vermuten es Historiker, wollte er vor allem die Funktionstüchtigkeit der Sturzkampfbomber erproben.

Hitlers mehrfache Lüge

Der Angriff auf Wielun spielt in der öffentlichen Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges kaum eine Rolle. Lange gelten die Schüsse auf das polnische Munitionsdepot Westerplatte um 4.45 Uhr als offizieller Beginn des Weltkrieges - wobei Adolf Hitler diesen sogar noch um eine Stunde nach hinten verlegte. In einer Reichstagsrede am 1. September verkündete er: "Polen hat nun heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!"

Das ist gleich eine mehrfache Lüge: Nicht nur die Uhrzeit ist falsch, auch die Angabe, dass die Polen zuerst geschossen hätten. Tatsächlich bereitet die deutsche Wehrmacht seit Monaten den Angriffskrieg im Osten vor, von dem Hitler schon so lange träumte. Mit dem sowjetischen Diktator Josef Stalin handelt er in einem Geheimpakt Ende August die erneute Aufteilung Polens aus - es ist die vierte in der Geschichte des Landes. Die Lage ist angespannt im Sommer 1939, aus Angst vor einem Krieg beruft Polen bereits Männer zum Militärdienst ein. "Die Atmosphäre im August war so, dass wir merkten: Etwas ist los. Vielleicht kommt Krieg", erinnert sich Janusz Witt. Für alle Fälle bekamen er und seine Geschwister kleine Gasmasken aus gelbem Filz.

Einen Gasangriff erlebt er nicht, dafür andere Schrecken des Krieges, der in seiner Heimat besonders wütet und sechs Millionen Polen das Leben kostet - unter ihnen drei Millionen Juden. Als Janusz Witt und seine Familie wenige Tage nach der Bombardierung nach Wielun zurückkehren, steht kaum mehr ein Stein auf dem anderen. Unter den Trümmern liegen noch die Toten, Leichengeruch hängt über dem Städtchen. Immerhin: Die Wohnung der Witts ist weitgehend unangetastet, lediglich die Fensterscheiben sind nach dem Bombardement zerborsten. "Man hatte nichts geplündert. Nur zwei Flaschen Wein standen ausgetrunken auf dem Tisch. Vielleicht hat die sogar Stauffenberg getrunken", sagt Witt. Denn auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der spätere Hitler-Attentäter, zog in diesen ersten Tagen durch das Städtchen rund 100 Kilometer östlich von Breslau.

Schikaniert von der SA

Schon bald dürfen polnische Kinder nicht mehr die Schule besuchen. Januszs Vater, Bertram Witt, der vor dem Krieg als Kantor der evangelischen Gemeinde und als Lehrer gearbeitet hatte, unterrichtet seine beiden Söhne und deren Freunde heimlich. Ständig wird er schikaniert und festgenommen. Weil er deutsche Vorfahren hat, bedrängen ihn die Nazis, die sogenannte deutsche Volksliste zu unterschreiben. Diese dient später unter anderem auch dazu, Soldaten für die Wehrmacht zu rekrutieren. Doch der Kantor, der bei Kriegsbeginn zur Verteidigung Polens nach Warschau geeilt war, weigert sich. Fast jeden Montag um 9 Uhr muss er deshalb bei den deutschen Besatzern vorsprechen, immer wieder holen ihn SA-Leute ab - auch damit er mit seiner Geige vor deren Ortsgruppe vorspielt: "Auf der Heide blüht ein kleines Blümeleien" oder "Wir fahren gegen Engeland". Die SA-Männer marschieren und lärmen dann zu den Liedern.

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Bertram Witt muss regelmäßig bei den deutschen Behörden vorsprechen.

(Foto: n-tv.de)

Irgendwann wird die Lage immer brenzliger für Bertram Witt. Im März 1942 steht er schließlich auf der Liste eines Transports nach Osten, ins Vernichtungslager Auschwitz. Erst als der Pfarrer und andere Volksdeutsche sich bei der Gestapo für ihn einsetzen, kommt er frei, unter der Bedingung, dass seine Frau einen Antrag für die Volksliste stellt. "Das hat meine Mutter gemacht und so meinen Vater gerettet", sagt Janusz Witt. "Ich bewundere noch immer meinen Vater, dass er diese Zivilcourage gezeigt hat und den Deutschen klar und deutlich gesagt hat: 'Ich werde niemals auf Adolf Hitler einen Eid ablegen können.'"

Tausend anderer Bewohner Wieluns kommen nicht davon. Schon bald werden die Juden des Städtchens - wie überall unter der deutschen Herrschaft - terrorisiert und verfolgt. Viele müssen in den Kellern der ausgebombten Stadt hausen. Um Ostern 1942 schließlich werden die noch in der Stadt verbliebenen Juden - mehrere Tausend lebten dort zu Beginn des Krieges - in mehreren Aktionen zur Deportation zusammengetrieben und später im Vernichtungslager Chelmo umgebracht.

"Das Jammern höre ich noch heute"

Auch Witt erinnert sich daran, wie die jüdischen Kinder, mit denen er bis dahin auf der Straße gespielt hatte, zusammen mit den Frauen in die katholische Kirche gepfercht werden. Die Männer hocken auf dem Gras davor. "Das Jammern der jüdischen Frauen und Kinder höre ich noch heute", sagt Witt. Aus der Entfernung werfen Schaulustige Steine in die Küchenfenster. "Das haben die Wachen zugelassen, denn es amüsierte sie: Treffen sie die Scheiben oder nicht?"

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Für immer vom Krieg geprägt: Janusz Witt in seiner Wohnung in Breslau.

(Foto: n-tv.de)

Manche Juden werden gleich in der Kirche exekutiert - mithilfe der örtlichen Polizeibehörden. Einige versuchen noch vor der Deportation zu fliehen, drei Männer stürzen auch in den Hof der Witts, dicht gefolgt von den Deutschen. Einer schafft es sogar in die Wohnung und bittet Bertram Witt, ihn zu verstecken. Doch die Deutschen stürmen mit Hunden hinterher, die Geflohenen haben keine Chance. Nur wenige Juden aus Wielun überleben den Holocaust, bei dem europaweit insgesamt sechs Millionen Juden ermordet werden.

Janusz Witts Vater hätte das Ende des Krieges fast nicht erlebt. Als die sowjetischen Truppen näher rücken, soll er sich noch zum Volkssturm melden, um diese mit Panzerfäusten anzugreifen. Doch der Vater weigert sich, für die Deutschen zu kämpfen - obwohl darauf die Todesstrafe steht. "Er hat sich dadurch gerettet", sagt sein Sohn Jahrzehnte später. "Alle, die sich gemeldet haben, liegen jetzt irgendwo auf dem evangelischen Friedhof."

Janusz Witt weiß: Letztlich hat er viel Glück gehabt. Er, seine jüngeren Geschwister und seine Eltern überleben den Vernichtungskrieg, der ganze Landstriche seiner Heimat verwüstete, Millionen Polen tötete und vertrieb. "Das alles hat mich für immer geprägt",sagt er heute. Einen Groll gegen die Deutschen hegt er trotzdem nicht. Vielmehr glaubt er - und das sieht er als Erbe seines Vater - an die Macht des Dialogs und der Toleranz. Nach dem Krieg lehrt er Deutsch an der Wirtschaftsuniversität in Breslau und setzt sich für Versöhnung mit den ehemaligen Besatzern ein. "Schließlich gibt es gute und schlechte Deutsche." Als Kind habe er bereits erlebt: "Das Leben ist nicht schwarz-weiß, sondern manchmal grau."

Quelle: n-tv.de

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