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Roland Berger soll BND reformieren Wie Unternehmensberater am Staat verdienen

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Roland Berger bleibt Spitzenreiter: Das Beratungsunternehmen ist auch 2015 wieder die Nummer 1 der Top-10- Managementberatungen in Deutschland,

(Foto: picture alliance / dpa)

Unternehmensberater sollen den Bundesnachrichtendienst reformieren helfen. Das Vordringen ins Innerste des Sicherheitsapparates illustriert den Einfluss der Branche. Die Berater versprechen Effizienz und Kostensenkungen, wecken aber auch Argwohn.

Die Sonntagsfrage lautet, wenn heute Bundestagswahl wäre, wen würden Sie wählen: McKinsey, Roland Berger, pwc oder Capgemini? Entscheiden Sie, von welcher Unternehmensberatung Sie sich am besten vertreten fühlen. Warum Sie das tun sollen? Weil die Berater in Deutschlands Politik und Verwaltung wichtigen Positionen besetzen und so das Land mitgestalten. Doch wie die Beratungsaufträge zustande kommen, was sie kosten und wem sie nützen, bleibt oft unklar.

Diskretion gehört zum Geschäft: Wer Firmen oder Ministerien bei wichtigen Umstrukturierungsprozessen beraten will, muss das dabei erworbene Insiderwissen auch für sich behalten können. Den Ritterschlag in punkto Vertraulichkeit hat nun die deutsche Beratungsfirma Roland Berger erhalten: Sie soll den Bundesnachrichtendienst (BND) modernisieren helfen - und den Laden für seine Chefs beherrschbar machen.

Einem Medienbericht zufolge sollen sich die Experten von Roland Berger überlegen, wie neue Arbeitsprozesse im BND und ein engmaschiges Kontrollsystem für Dienstanordnungen aussehen könnten. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die skandalträchtige Abteilung "Technische Aufklärung", die sich vor allem um das Abhören sowie um Cyber-Bedrohungen und deren Abwehr kümmert. Auf Nachfrage von n-tv.de wollte der BND den angeblichen Auftrag nicht kommentieren.

Milliardenumsätze mit Expertise

Der Zugang zu intimsten Vorgängen innerhalb des BND wäre nur ein weiterer Schritt von vielen, die Unternehmensberater sind längst ins Herz der Republik vorgestoßen. Viele prägende Reformen der vergangenen Jahre wurden von ihnen begleitet und zum Teil auch geprägt: von den Hartz-Reformen über den Wandel der Bundeswehr zur Berufsarmee bis hin zur Modernisierung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BaMF). Hinzu kommen Beratungsleistungen auf Länder- und Kommunalebene, für öffentliche Unternehmen sowie für Politiker und Verbände.

Das Wachstum der Branche ist enorm: Als die Beratungsfirma McKinsey im Jahr 2003 half, die Bundesanstalt für Arbeit zur Bundesagentur zu reformieren, lag der Umsatz der gesamten Branche in Deutschland bei 12,2 Milliarden Euro. Seitdem steigerte sich der Umsatz laut Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) auf rund 27 Milliarden Euro im Jahr 2015.

Zehn Prozent des Branchenumsatzes werden im öffentlichen Sektor erwirtschaftet. Der BDU nennt den öffentlichen Sektor mit je fast neun Prozent Wachstum in 2015 und 2016 als zweitgrößten Wachstumstreiber der Branche. Fast drei Milliarden Euro fließen also in diesem Jahr vom Staat und seinen Unternehmen an die Berater. Doch wofür eigentlich?

Von neuer Software bis zum Personalabbau

"Typische Aufgaben im öffentlichen Sektor sind die Effizienzsteigerung und Kostensenkung, die Beratung bei Personalfragen und die IT-Modernisierung. Hinzu kommt das Erstellen von Gutachten", sagt der Vize-Präsident des BDU, Klaus Neuhäuser. "Die Komplexität der öffentlichen Aufgaben steigt, um nur die Digitalisierung als Beispiel zu nennen."

Das Zauberwort heißt Optimierung. Die Branche verspricht, Verwaltungen und Ministerien genauso wie die von ihnen beratenen Firmen besser zu machen, indem Arbeitsprozesse effizienter gestaltet werden. Dazu gehören auch Kostensenkung, Personalabbau, Outsourcing.

Solche Aufgaben sind persönlich unangenehm für Chefs. Gut also, wenn andere gegen Bezahlung nachweisen, dass Einsparungen unumgänglich sind und sie gleich mit um- oder durchsetzen. Change-Management heißt das in der Branche. Die Unternehmensberater gestalten dann den Wandel, Chefs sparen sich mühsame und zuweilen schmerzhafte persönliche Auseinandersetzungen.

Hausmacht ist käuflich

Im öffentlichen Sektor ist das besonders dort attraktiv, wo gewählte Machtmenschen in Ministerien und Behörden auf verbeamtete Machtmenschen treffen. Das gilt erst recht, wenn die leitenden Ministeriumsangestellten nicht gerade mit der Partei oder Person des neuen Ministers sympathisieren. Vier Jahre sind keine lange Zeit, um Minister und Staatssekretäre auszusitzen. Unternehmensberater dagegen helfen der neuen Leitung, sich die Hausmacht zu verschaffen.

Beispielhaft war dies bei Ursula von der Leyen zu beobachten: Die CDU-Ministerin holte nach ihrem Wechsel in den Bendlerblock McKinsey ins Verteidigungsministerium. Die McKinsey-Leiterin für den Öffentlichen Sektor, Katrin Suder, wurde sogar Staatssekretärin. Die chronisch chaotischen Rüstungsvorhaben des Ministeriums nahmen die Wirtschaftsprüfer von KPMG unter die Lupe. Beratungsfirmen bieten gegen Geld eben auch Loyalität.

Gewarnt wird seit Jahren

Das Thema ist nicht neu: Schon im Jahr 2004 warnte die "Zeit" vor einer entstehenden "Berater-Republik". 2006 rügte der Bundesrechnungshof die ausufernden Beraterverträge, die zu Zweidrittel auf Initiative der jeweiligen Leitung zustande kämen. Untersuchungen des Rechnungshofes belegten, "dass sich die Entscheidungen über den Einsatz externer Berater insgesamt zu selten auf eine ausführliche und nachvollziehbare Problemanalyse stützen".

Auch Transparency International (TI) sieht das Wirken der Berater kritisch. Die Korruptionsbekämpfer zählten 2014 in ihrem Bericht "Lobbying in Deutschland" circa 30 Unternehmensberatungen zu den hiesigen Lobbyisten. TI kritisiert: "Nicht alle Gutachten und Beratungsunterlagen werden veröffentlicht und sind bezüglich des Zustandekommens überprüfbar. In der Regel sind die Beratungsprozesse und die Ergebnisse ebenfalls nicht öffentlich."

Einen bundesweiten Überblick über Kosten und Nutzen der Beraterverträge hat niemand. Die Behörden und Ministerien können sich bei Nachfragen auf die Geschäftsgeheimnisse ihrer Verträge mit den Beratern berufen. Oder wie im Fall des BND auf ihre eigene Geheimhaltungspolitik. Dabei sind die meisten Berateraufgaben völlig unverfänglich: etwa Personalberatung für ein Stadtwerk oder die Modernisierung einer Verwaltungssoftware.

Hausgemachte Interessenskonflikte

Dennoch: Firmen, die für viel Geld in- und ausländische Großkonzerne beraten, wirken in Deutschland auch an Gesetzgebungsprozessen mit und gewinnen Einblick in die Strategien und Entscheidungsstrukturen maßgeblicher Politiker und hoher Beamter. "Interessenskonflikte gibt es nicht sehr häufig und nicht mehr als im privaten Sektor", widerspricht Neuhäuser. "Berater, die gegen unsere Beratungsgrundsätze wie Verschwiegenheit verstoßen, schneiden sich in das eigene Fleisch", sagt er unter Verweis auf den Kodex für BDU-Mitglieder. Von den Beratern, die unter hohem Leistungsdruck arbeiten, wird zeugleich ein hohes Maß persönlicher Integrität verlangt.

Grundsätzlich beanstandet auch kaum jemand das Hinzuholen von Experten. Sie können tatsächlich helfen, Kosten zu sparen, mithin Steuergelder sinnvoller zu verwenden. Doch eine Debatte darüber, was der Staat auch ohne private Berater leisten und wissen sollte, findet eben nicht statt. Und mit dem Siegeszug der Branche sitzen an entscheidenden Stellen zunehmend ausgebildete Zahlenmenschen aus der Privatwirtschaft, die neben dem Kundenwohl auch eigene Interessen verfolgen.

Wenn sie ihren Daumen heben oder senken, entscheiden sie mit darüber, was der Staat seinen Bürgern noch bieten kann, und was einfach nicht effizient genug ist. Doch was heißt schon Effizienz bei Themen wie Bildung, Gesundheit oder Sicherheit? Wessen Maßstäbe gelten, wenn an entscheidender Stelle zuweilen Berater wirken, die Privatisierungen schon von Berufs wegen für eine gute Sache halten? Schließlich verlangt jede Privatisierung auch wieder Change-Management. Und damit eine Beratungsfirma.

Quelle: n-tv.de, shu