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Natur weicht dem Beton Wie der Flächenfraß gestoppt werden soll

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Die Menge an freiem Boden ist nicht unbegrenzt und muss daher nachhaltig genutzt werden.

(Foto: imago images / Markus Tischler)

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Einfamilienhäuser, Gewerbegebiete, Straßen - für Siedlungen und Verkehr gehen große Naturflächen verloren. Das hat Folgen für die Umwelt, deshalb soll der Flächenverbrauch stark reduziert werden. Doch gerade in Großstädten wie Berlin wird Baufläche dringend gebraucht.

Neugierig beobachten die vier Pferde das Geschehen, als sich Andreas Faensen-Thiebes vom Landesverband Berlin des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) dem Zaun nähert. Sie stehen in Reih und Glied vor ihm. Ohne zu murren lassen sie sich über den Kopf streichen. Dann widmen sie sich wieder den Pflanzen auf dem Boden, die sie in aller Ruhe fressen.

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In Lichterfelde führt Andreas Faensen-Thiebes Zwiegespräche mit den dort weidenden Pferden.

(Foto: Lucas Wendt)

Die Lichterfelder Weidelandschaft am südlichen Stadtrand Berlins wirkt wie eine unberührte Wildnis. Das insgesamt 96 Hektar große Gebiet ist Heimat zahlreicher Pflanzenarten, Wildbienen und Eidechsen; die stark gefährdete Wechselkröte leben ebenfalls hier. Doch lange wird die Idylle nicht mehr unberührt bleiben. 2012 kaufte ein Investor das Gebiet, auf dem bald Wohnhäuser stehen. Insgesamt 39 Hektar gehen so verloren, vor allem die platzfressenden Einfamilienhäuser stoßen bei Faensen-Thiebes auf Kritik.

58 Hektar werden täglich neu bebaut

So wie in Berlin müssen bundesweit naturnahe und unbebaute Gebiete Siedlungen und Straßen weichen. Laut Umweltbundesamt wurden zwischen 2014 und 2017 pro Tag 58 Hektar Land bebaut, das entspricht einer Fläche von etwa 82 Fußballfeldern. Die Bundesregierung will den Flächenverbrauch bis zum Jahr 2030 auf weniger als 30 Hektar pro Tag reduzieren. Langfristig sollen unterm Strich sogar keine neuen Flächen mehr umgewandelt werden. Ob man diese Vorgaben einhalten kann, ist indes völlig ungewiss. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) geht davon aus, dass das Ziel wohl nicht erreicht wird. Man sei aber auf dem Weg, den Flächenverbrauch zu reduzieren, gut vorangekommen, betont der Verband gegenüber n-tv.de.

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Die Bäume hinter dem Zaun werden dem Wohngebiet weichen müssen. Die Äste dienen später den Eidechsen als Sonnenbänke.

(Foto: Lucas Wendt)

Ungefähr die Hälfte dieser Flächen ist versiegelt, sodass kaum Regenwasser in den Erdboden gelangen kann. Dadurch sinkt langfristig der Grundwasserspiegel, außerdem können Überschwemmungen deutlich heftiger ausfallen. Tiere und Pflanzen trifft die Versiegelung von Naturflächen besonders hart. Für ganze Arten kann der Verlust ihrer Lebensräume das Aus bedeuten.

Welche Möglichkeiten gibt es nun, um platzsparender zu bauen? Eine Maßnahme ist die Nutzung von Brachflächen oder Baulücken innerhalb einer Ortschaft. Das befürwortet auch der Zentralverband Deutsches Baugewerbe, im Gegensatz zu einer stärkeren Begrenzung des Flächenverbrauchs. Eine solche Verknappung sei nämlich keine Antwort auf die angespannte Lage am Wohnungsmarkt. Deswegen könne das angestrebte 30 Hektar-Ziel kein Selbstzweck sein, so der Verband weiter.

Auch Christian Hönig vom Berliner BUND plädiert für eine möglichst effiziente Nutzung bereits versiegelter Freiflächen. Für ihn kommen dabei sogar Parkplätze vor Aldi, Lidl und Co. infrage: "Diese Flächen sind in der Regel voll versiegelt und dienen lediglich dazu, für ein paar Stunden ein Auto dort abzustellen. Solche Flächen ließen sich überbauen", sagte er n-tv.de. Auf den Supermärkten selbst können weitere Etagen aufgestockt werden. Schon jetzt sind in Berlin 2000 Wohnungen über Aldi-Discountern geplant.

Ballungszentren benötigen Wohnraum

In dicht besiedelten Großstädten wie Berlin ist die vorhandene Fläche besonders knapp. Etwa 200.000 neue Wohnungen will der Berliner Senat bis 2030 schaffen und das möglichst nicht auf Kosten der Natur. Dennoch soll wegen der wachsenden Einwohnerzahl "auf bisher unbebauten Flächen in randstädtischen Lagen" gebaut werden, wenn auch zurückhaltend.

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Früher war die Weidelandschaft ein Militärgebiet der US-Armee. Überreste der Anlage findet man noch heute.

(Foto: Lucas Wendt)

Umweltverbände wie der BUND in Berlin fordern derweil einen konsequenteren Schutz der städtischen Naturflächen. Darüber hinaus pochen sie auf eine ausgeglichene Flächenbilanz für Berlin bis 2030. "Theoretisch kann das Ziel in Berlin in den nächsten 10 Jahren erreicht werden. Man müsste sich halt jetzt drum kümmern und es angehen", so der BUND-Experte Hönig.

In Berlin-Lichterfelde gibt es immerhin einen Trost: Der Teil der Weidelandschaft, der nicht bebaut wird, soll ein Naturschutzgebiet werden. Faensen-Thiebes ist zuversichtlich, dass diese Vereinbarung mit dem Investor Bestand hat. In Zukunft würden dort nur noch die Bienen surren, keine Baumaschinen.

Am heutigen Dienstag sendet n-tv um 16.30 Uhr das News Spezial "Nachhaltigkeit - Packen wir's an!" mit dem Themenschwerpunkt Umweltfolgen, Wälder und Dürre.

Quelle: n-tv.de

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