Politik

Pandemie als Druckmittel Wie die Taliban Corona für sich nutzen

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Mehrere Taliban beten nach ihrer Freilassung vor dem Pul-i-Charkhi-Gefängnis in Kabul. Die Extremisten knüpfen die Zusammenarbeit bei Corona an die Bedingung, weitere Taliban freizulassen,

(Foto: REUTERS)

Die Corona-Pandemie trifft auch das Bürgerkriegsland Afghanistan hart. Längst haben die Taliban Teile des Gesundheitssystems übernommen - und setzen die Pandemie als Druckmittel ein.

Bis vor ein paar Wochen putzte und kochte Fatima A. aus Kundus noch in Privathaushalten. Doch die Corona-Krise hat auch das Leben im Norden Afghanistans auf den Kopf gestellt. Seit die Pandemie das Land erfasst hat, fällt das Einkommen der Frau gänzlich flach. Die gut situierten Leute, bei denen die 45-Jährige normalerweise arbeitet, nehmen zur Zeit lieber selbst den Wischmopp in die Hand, als das Risiko einzugehen, dass die Putzfrau das Virus ins Haus trägt.

Auch in Afghanistan verhängten die Behörden Ausgangssperren wegen Covid-19. Aber ein Lockdown kann in dem seit Jahrzehnten vom ständigen Kriegszustand zerrütteten Land nicht so funktionieren wie in München oder Moskau. Die übers Fernsehen und soziale Medien kommunizierten Maßnahmen sind fast dieselben: Abstand halten, keine Gruppen bilden, keine Arbeitsplätze dicht an dicht. Die Umsetzung lässt sich noch nicht mal in den Städten wirksam kontrollieren, geschweige denn auf dem Land. Wer Arbeit hat, der geht ihr nach, ganz gleich unter welchen Umständen. In Fabriken und Manufakturen, die noch Aufträge haben, sitzen die Angestellten nach wie vor dicht beieinander.

Eine Tagelöhnerin wie Fatima muss zusehen, wie sie ihre Familie durch die Krise bringt. Auf den Staat kann sie nicht hoffen. Zum einen fehlen die Mittel, zum anderen nutzen die Angestellten von Behörden die begrenzten Ressourcen vor allem dazu, den Erwartungen der eigenen Sippschaft nachzukommen. Fatima sieht zu, wie sie unter den widrigen Umständen in der eigenen Familie möglichst viele Hygienemaßnamen einhält. "Ich kann die Kinder aber nicht den ganzen Tage im Haus gefangen halten", sagt sie. Wenn sie selbst rausgeht, dann nur im gebührendem Abstand zu den Nachbarn. "Die passen ebenfalls auf."

Ohne die Taliban geht in vielen Landesteilen nichts

Vor drei Jahren starb Fatimas Mann an Diabetes. Der erstgeborene Sohn wäre heute 23 Jahre alt. Er fiel als Soldat während eines Gefechts gegen die Taliban. Vor Corona verdiente die Witwe um die 8000 Afghani pro Monat - knapp 100 Euro. Um Strom zu sparen, schalten Fatima und ihre vier Kinder inzwischen nur noch in einem Zimmer das Licht an. Ohne Einkommen kann die Frau die 4000 Rupien Miete nicht zahlen. Fatima ist froh, dass es der Vermieter mittlerweile aufgegeben hat, alle naselang umsonst vorbeizuschauen.

In Afghanistan ist es üblich, für eine Katastrophe gewappnet zu sein. In manchen Haushalten lässt sich Fatima nicht in Geld, sondern in Naturalien bezahlen. Die Währung heißt Mehl. Die Familien bunkern möglichst so viel, dass es für ein Vierteljahr reicht. Außerdem wohnt ihr Bruder in der Nähe, der hin und wieder etwas zustecken kann. Die Gesellschaft funktioniert ohnehin nur, weil es normal ist, dem Nachbarn in der Not zu helfen. Bisher gibt es noch keine Hinweise auf eine Hungersnot. Symptome für Unterernährung fanden sich aber schon vor Corona.

Längst steht Regierungstruppen und Taliban mit dem Coronavirus ein gemeinsamer Feind gegenüber. Am 16. Mai nannten die Behörden 6402 Angesteckte, 778 Genesene und 168 Todesfälle. Jeder weiß: Die tatsächlichen Zahlen liegen um ein Vielfaches höher. In der afghanischen Armee rücke man der Gefahr mit strengen Hygienemaßnamen auf den Leib, erklärt Fawad Aman, ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, dem internationalen Nachrichtenmagazin "The Diplomat".

Das wäre auch nötig, denn in vielen Teilen des Landes passiert gegen den Willen der Taliban nichts - so auch in Kundus. Ein Journalist, der anonym bleiben will, beobachtet, dass sich die Taliban in der Provinz als Retter präsentieren und Schutzmasken verteilen. Wer sich krank fühle, solle sich melden. Sie hätten Kapazitäten, Tests durchzuführen. Wie die Taliban an die Mittel dafür gelangten, wisse er nicht. Aber es gibt einen Verdacht: Wenn eine Ladung Schutzmasken ankommt, werde den Vertretern der örtlichen Behörden schnell klargemacht, dass es besser wäre, die Masken den Taliban zu überlassen.

Taliban-Sprecher weist Vorwürfe zurück

Mohammed Sohail Shaheen, einst Chefredakteur der englischsprachigen "Kabul Times" und mittlerweile in Doha lebender Pressesprecher der Taliban, erklärt im Gespräch über WhatsApp, man stünde nicht nur in Kontakt zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), sondern auch zu der NGO Emergency. Die humanitäre Organisation mit Sitz in Mailand unterhält über 30 Erste-Hilfe-Stationen in Afghanistan. Der Taliban-Sprecher erklärt, als die Pandemie ins Land schwappte, "haben die Mitglieder unserer Gesundheitskommission vom ersten Tag an Flyer verteilt und die Bevölkerung informiert".

Die Vertreter aller Gesundheitsorganisationen könnten sich in Taliban-Gebieten angstfrei bewegen. "Sie haben unseren Schutz", bekräftigt er. Man habe weder die Mitarbeiter der WHO noch die von Emergency unter Druck gesetzt, medizinische Gebrauchsgegenstände zu überlassen. Überprüfen lässt sich das kaum.

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Ein Ende der Anschläge ist nicht in Sicht: Erst am Freitag explodierte wieder eine Bombe in einer Moschee in Kabul.

(Foto: AP)

Traditionell fackeln die Taliban nicht lange, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen geht. Die Geschichten über abgeschlagene Köpfe naher Verwandter im Paket vor der Haustüre beruhen sicher nicht allesamt auf Fantasien. Emergency baute die ersten medizinischen Zentren im Jahr 2000 auf, noch während der offiziellen Herrschaft der Taliban. Die Vertreter der NGO fallen nach dem Kodex der Taliban unter das islamische Gastrecht. Schaden darf man Gästen nicht.

Man nutze Corona nicht als Propagandawaffe, um so neue Kämpfer zu rekrutieren, weist Mohammed Sohail Shaheen einen vielfach von Regierungsseite formulierten Vorwurf zurück. Ohne das näher begründen zu wollen, erklärt der Taliban-Sprecher, Regierungs- und Geheimdienstseite streuten über die Medien falsche Informationen. "Unsere Gesundheitsorganisation arbeitet in ganz Afghanistan, welchen Vorteil sollen wir aus dem Coronavirus bitte ziehen?" Auf jeden Fall können sich die Taliban als Kümmerer gerieren.

"Dann sind wir auch bereit, bei Corona zusammenzuarbeiten"

Am 29. Februar hatte der US-Außenminister Mike Pompeo in Doha mit Vertretern der Taliban ein Papier unterzeichnet, das 18 Jahre nach dem Einmarsch der USA vorschnell als Friedensabkommen durch die Medien zirkulierte. Es handelte sich um Sondierungsgespräche mit dem Ziel der USA, den bisher längsten Krieg ihrer Geschichte so langsam zum Ende zu bringen, die Truppen aus dem Land abzuziehen. Die Taliban sollen zugesagt haben, Terrorgruppen wie Al-Qaida keinen Unterschlupf mehr zu gewähren und Friedensgespräche mit der Regierung in Kabul aufzunehmen.

Die Anschläge gehen jedoch weiter, was Mohammed Sohail Shaheen nicht leugnet. Man greife zurzeit aber keine amerikanischen Stellungen an, auch wenn das Ziel klar definiert sei: "Die Besatzer müssen raus", so Shaheen. In den Verhandlungen sei es auch darum gegangen, die 5000 Talibankämpfer aus den afghanischen Gefängnissen freizubekommen. "Die meisten sitzen immer noch ein." Wenn die Regierung sie freiließe, hörten die Anschläge auf. "Dann sind wir auch bereit, in Sachen Corona zusammenzuarbeiten", sagt er.

Der Verdacht liegt nahe, dass Interessengruppen im Ausland die Taliban-Truppen finanzieren. Der Sprecher bestreitet das: "Wir benötigen kein Geld von außerhalb", entgegnet Shaheen. "Über 70 Prozent der Landwirtschaftsproduktion unterliegen unserer Kontrolle." Die Bauern zahlten Steuern an die Taliban. Die organisierten im Gegenzug Vertrieb und Transport. "Auch das Stromgeschäft liegt in unseren Händen."

Mutter Fatima erklärt, sie wäre bereit, mit den Taliban innerlich ihren Frieden zu schließen, wenn das Töten endlich aufhörte. Das Abkommen von Doha interessiere sie nicht. Sie habe schon viele Reden gehört, aber noch nie Frieden erlebt: "Corona ist leichter zu ertragen als der Krieg", sagt sie.

Quelle: ntv.de