Politik

"Hart aber fair" zur Coronakrise Wie überleben wir die nächsten Monate?

Ein Hamburger Mediziner sieht Deutschland vor einer "monatelangen Corona-Quarantäne", der Bundeswirtschaftsminister rechnet immerhin mit "fünf bis sechs Wochen". Eine lange Zeit, in der sich vieles für uns verändern wird - wie gehen wir am besten damit um?

Reden, erklären, informieren: Das sind momentan die schärfsten Waffen im Kampf gegen das Corona-Virus. Viel geredet wird in den deutschen Polit-Talkshows betriebsbedingt zwar ohnehin schon immer, dass der Erklär- und Informationsanteil in den Zeiten der Pandemie wieder so stark in den Vordergrund rückt, ist dagegen eine erfreuliche Entwicklung der vergangenen Wochen. Vor allem "Hart aber fair" etabliert sich dabei immer stärker als Anlaufstelle für die Fragen und Sorgen der Bevölkerung.

"Die Corona-Krise - Wo stehen wir, was kommt noch?", will Moderator Frank Plasberg von seinen Gästen wissen, die diesmal nicht nur vor leeren Rängen miteinander diskutieren, sondern auch so weit auseinandersitzen, wie es die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz vor einer Infektion mittlerweile anraten. Die Kameraleute haben mit diesem vorbildlich praktizierten "Social Distancing" zwar ihre liebe Mühe, dafür minimieren Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, Psychologin Ulrike Scheuermann, Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, ARD-Börsenexpertin Anja Kohl und ihr Kollege aus der Abteilung Recht, Frank Bräutigam, aber auch das Risiko einer Ansteckung.

Mehrere Monate Corona-Quarantäne

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Frank Plasbergs Gäste Jonas Schmidt-Chanasit, Peter Altmaier, Ulrike Scheuermann (v.l.n.r.) und ...

Womit wir auch schon mitten im Thema wären - die Frage nach den Ansteckungsmöglichkeiten ist nämlich eine, bei der besonders große Unsicherheit herrscht: Bis zu 72 Stunden könnten Coronaviren auf Metalloberflächen überleben, lautete vor einigen Tagen eine Schlagzeile - vor allem für Reisende eine Horrorvorstellung. Schmidt-Chanasit, der jeden Tag von Berlin mit dem ICE zur Arbeit in die Hamburger Tropenmedizin pendelt, beruhigt: "Ich kenne die Kontaktpunkte und weiß, dass das Risiko für Schmierinfektionen sehr gering ist." Drei Tage könne das Virus vielleicht unter Laborbedingungen überleben, in freier Wildbahn dagegen nur "wenige Minuten bis maximal wenige Stunden".

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... die ARD-Experten Frank Bräutigam und Anja Kohl passten wegen der Corona-Abstands-Vorkehrungen nicht auf ein Bild.

Keine Illusionen sollte man sich dagegen machen, was die Dauer der Krise angeht: "Wir reden über mehrere Monate Corona-Quarantäne, die wir jetzt durchstehen müssen", sagt der Mediziner. "Wir werden mindestens die kommenden fünf, sechs Wochen in dieser Ausnahmesituation leben", glaubt dagegen Peter Altmaier. Ob nun Wochen oder Monate, für die deutsche Wirtschaft steht es Spitz auf Knopf, viele Unternehmer und Handwerker fürchten um ihre Existenz. Auch deshalb sagt der Wirtschaftsminister mit Nachdruck: "Wir müssen einfach helfen, egal ob das jetzt eine Milliarde mehr oder weniger kostet."

Das schnelle Handeln der Bundesregierung bei der Reform des Gesetzes zum Kurzarbeitergeld hat bei vielen Betroffenen vorerst tatsächlich für eine gewisse Beruhigung gesorgt und Anja Kohl ergänzt: "Die Bundesrepublik ist in einer hervorragenden Ausgangssituation." Zumindest finanziell gesehen sei also einiges möglich, Sorgen bereitet der Börsenexpertin allerdings die Situation der rund fünf Millionen Freiberufler in Deutschland. Musiker, Autoren, Schauspieler, aber auch Fußpfleger und Friseure könnten nicht einfach in Kurzarbeit gehen und hätten häufig auch keine großen Rücklagen. Hier bleibt der Wirtschaftsminister eine befriedigende Antwort schuldig, Altmaier stöpselt herum: "Wir werden versuchen, das so zu lösen, dass der Mensch im Mittelpunkt steht."

Erst Hamsterkäufe, dann Solidarität?

Allzu viel Zeit sollte sich die Regierung dabei zwar nicht lassen, momentan sind allerdings noch akutere Probleme zu bewältigen. Vor allem die Frage, wie rigoros das öffentliche Leben in der kommenden Zeit einzuschränken sei, ist gar nicht so einfach: "Auch wenn der Staat hart eingreifen darf, muss er immer verhältnismäßig bleiben", sagt Rechtsexperte Frank Bräutigam. Was genau gerade verhältnismäßig ist, müsse täglich neu bewertet werden und hänge auch mit der "Vernunft oder Unvernunft der Bürger" zusammen. Oder anders gesagt: Je enger sich die Bevölkerung an die empfohlenen Handlungsanweisungen der Regierung halte, desto weniger müsse mit Verboten gearbeitet werden.

Die Hamsterkäufe der vergangenen Wochen auf der einen und Bilder von vollen Großveranstaltungen auf der anderen - in der Sendung wird ein Bild des vollen Münchner Viktualienmarkts am vergangenen Wochenende gezeigt - lassen zwar berechtigte Zweifel daran aufkommen, wie vernünftig wir uns in Krisenzeiten tatsächlich verhalten. Allerdings beruhigt sich die Lage nach und nach nicht nur, es zeigen sich auch immer mehr Reaktionen, die Mut machen - etwa wenn Bürger ihren älteren Mitmenschen Nachbarschaftshilfe anbieten, für sie einkaufen gehen. Die Psychologin in der Runde bestätigt den ersten Eindruck: "Je mehr der erste Stress abflaut, desto besser kommt die Hilfsbereitschaft durch: Ich glaube, die wird immer mehr werden und dann kommen wir mehr in einen Hilfemodus rein." Drücken wir die Daumen, dass die wiederentdeckte Solidarität gekommen ist, um zu bleiben.

Quelle: ntv.de