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Noch wird in der Europäischen Union zweimal pro Jahr an der Uhr gedreht.
Noch wird in der Europäischen Union zweimal pro Jahr an der Uhr gedreht.(Foto: picture alliance/dpa)
Freitag, 31. August 2018

EU-Kommission kündigt Taten an: Wie wird die Zeitumstellung abgeschafft?

In einer Online-Befragung haben sich einige Millionen Bürger für die Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Zwar war die Abstimmung weder repräsentativ noch bindend, trotzdem will sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude-Juncker jetzt dafür einsetzen.

Was hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker angekündigt?

Da sich in der Umfrage eine Mehrheit der EU-Bürger gegen die Zeitumstellung ausgesprochen habe, werde die EU-Kommission einen entsprechenden Beschluss fällen, sagte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im ZDF. "Millionen haben geantwortet und sind der Auffassung, dass es so sein sollte, dass die Sommerzeit in Zukunft für alle Zeit gilt. So wird das auch kommen", sagte Juncker. Es wäre sinnlos, die Menschen erst zu einem Thema zu befragen, und dann, wenn es einem nicht passe, dem nicht zu folgen.

Wie wird der Vorschlag der Kommission aussehen?

Die Europäische Kommission muss zeitnah einen Vorschlag machen, der die Zeitumstellung abschafft. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wird die komplette Richtlinie aufgehoben. In diesem Fall kann jedes Mitgliedsland allein entscheiden, ob es die Zeit umstellt oder nicht. "Die wahrscheinlichere Variante ist allerdings, dass die Europäische Kommission vorschlägt die Richtlinie zu ändern", sagt der Europaabgeordnete Peter Liese n-tv.de. Dann könne jedes Mitgliedsland selbst entscheiden, ob es dauerhaft die Mitteleuropäische Normalzeit oder die Sommerzeit einführt. Der Vorschlag geht anschließend ins Europäische Parlament und zeitgleich in den Ministerrat, in dem sich die Vertreter der nationalen Regierungen damit befassen. Die Befürworter der Abschaffung sind sich sicher, dass es im EU-Parlament eine Mehrheit dafür gibt. Im Rat der Mitgliedsländer ist die Lage unübersichtlicher. Auch Deutschland hat sich bisher nicht positioniert.

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Wann könnte die Zeitumstellung endgültig abgeschafft werden?

"Wenn wir uns beeilen, könnte vor der Europawahl am 26. Mai im nächsten Jahr diese Änderung schon beschlossen sein", sagt Liese. Sie würde dann frühestens ein Jahr später in Kraft treten. Schließlich seien die Uhren im Mai schon wieder umgestellt, sodass im März 2020 die Uhren entweder nicht mehr umgestellt oder im Oktober nicht mehr zurückgestellt werden.

Sollte Deutschland die Sommer- oder Winterzeit beibehalten?

Mehr als 80 Prozent haben in der Umfrage für das Ende des halbjährlichen Hin und Hers und für die Beibehaltung der Sommerzeit gestimmt. Forscher gehen allerdings davon aus, dass es speziell für Kinder wichtig ist, dass sie morgens etwas Tageslicht bekommen, bevor sie in die Schule gehen. "Wenn wir ganzjährig die sogenannte Sommerzeit einführen würden, müssten die Kinder etwa fünf Monate im Dunkeln in die Schule gehen", sagt Liese. Bei der Entscheidung seien noch ein paar Fragen offen, deswegen spricht er sich dafür aus, dass nicht die EU festlegt, sondern Deutschland das noch in Ruhe diskutieren kann und der Bundestag nach ausführlicher Debatte darüber entscheidet.

Warum gab es die Bürger-Konsultation überhaupt?

Die Zeitumstellung ist schon lange umstritten. Zuletzt machte das Europa-Parlament Druck. Die Abgeordneten forderten die EU-Kommission auf, Vor- und Nachteile unter die Lupe zu nehmen und die Regelung gegebenenfalls abzuschaffen. Auch Litauen, Estland, Lettland und Finnland äußerten Bedenken und sprachen sich ebenso für eine Abschaffung aus.

Wie war das Echo auf die Bürger-Konsultation?

Die Online-Befragung ist hierzulande auf besonderes Interesse gestoßen. Von den 4,6 Millionen Teilnehmern - die insgesamt nur 0,9 Prozent der EU-Bevölkerung ausmachen - kamen rund 3 Millionen aus Deutschland. Damit lag der Anteil hier bei 3,8 Prozent. Ein primär deutsches Thema sei die Zeitumstellung trotzdem nicht, sagt Liese. "Die 1,6 Millionen aus den anderen Ländern sind immer noch dreimal so viel wie sich jemals an einer Online-Umfrage beteiligt haben." Selbst wenn sich gar kein Deutscher beteiligt hätte, wäre das Ergebnis eine Rekordteilnahme. An Online-Befragungen der Europäischen Kommission hatten sich bisher maximal 500.000 Menschen beteiligt. "Deswegen ist es keineswegs so, dass die Abstimmung die anderen Länder nicht interessiert." In Deutschland sei das Interesse einfach noch viel größer.

Warum gibt es den Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit überhaupt?

Hinter dem Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit steckt die Idee, das Tageslicht besser zu nutzen. Unter dem Druck der Ölkrise von 1973, hatte man die Hoffnung, Energie sparen zu können. In Deutschland gab es schon mehrfach eine Sommerzeit. So wie wir sie jetzt kennen, wurde sie allerdings zuletzt 1980 eingeführt. In anderen Mitgliedstaaten der EU gibt es die Sommerzeit schon deutlich länger. Seit 2002 ist die Umstellung EU-weit einheitlich geregelt, um Probleme durch unterschiedliche Uhrzeiten im Gütertransport oder bei Flug- oder Bahnverbindungen zu vermeiden.

Was versprechen sich Gegner der Zeitumstellung von einer Abschaffung?

Laut Umweltbundesamt schalten die Deutschen im Sommer wegen der Zeitumstellung zwar abends seltener das Licht an, dafür wird im Frühjahr und Herbst allerdings mehr geheizt. Gegner der Zeitumstellung argumentieren, dass im Endeffekt gar keine Energie gespart wird. Mediziner sehen außerdem Risiken für die Gesundheit. Demnach könnten empfindsame Menschen Probleme mit der Zeitumstellung haben und unter Schlafstörungen und Appetitlosigkeit leiden. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass die Zeitumstellung Herzinfarkte verursache. "Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Untersuchungen nicht zu einhundert Prozent sicher sind, weil es in der Wissenschaft nämlich auch andere Meinungen gibt, fühlen sich die Menschen einfach nicht wohl mit der Zeitumstellung", sagt Liese.

Was halten die Deutschen von der Zeitumstellung?

In einer Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit gab rund ein Viertel der Befragten im Frühjahr an, schon einmal gesundheitliche Probleme nach dem Wechsel zwischen Winter- und Sommerzeit gehabt zu haben.

Würde ein Ende der Zeitumstellung zu Chaos führen?

Schon jetzt gibt es in der EU drei Zeitzonen. In Deutschland und 16 anderen Ländern herrscht die gleiche Uhrzeit, nämlich die Mitteleuropäische Zeit. Unter ihnen sind die Niederlande, Belgien, Österreich, Dänemark, Frankreich, Italien, Kroatien, Polen und Spanien. Acht Länder sind mit der Osteuropäischen Zeit eine Stunde voraus und drei Staaten mit der Westeuropäischen Zeit zurück. "Daher wäre es kein Problem, wenn sich einige Mitgliedstaaten für die ständige Winterzeit und andere für die ständige Sommerzeit aussprechen", sagt Liese. Nur eines soll EU-weit wegen des Binnenmarkts einheitlich sein: Zeitumstellung oder nicht.

Quelle: n-tv.de