Politik
Ein Blick auf Erdogans Geburtsort Kasimpasa.
Ein Blick auf Erdogans Geburtsort Kasimpasa.(Foto: AFP)
Dienstag, 18. April 2017

Nach Erdogans Sieg: "Wir lieben die Nein-Sager jetzt noch mehr"

Von Issio Ehrich, Istanbul

Es ist geschafft. In Erdogan-Hochburgen freuen sich die Menschen über ihren Erfolg. Aber wie geht es jetzt weiter mit der Wirtschaft, der EU und den Gegnern des Präsidenten? Ein Spaziergang durch Erdogans Geburtsort, das Istanbuler Viertel Kasimpasa.

Yasar Ayhan, Friseur, 50 Jahre alt

Er fühle sich nach dem Sieg besser, sagt Yasar.
Er fühle sich nach dem Sieg besser, sagt Yasar.(Foto: Issio Ehrich)

"Erdogan war schon hier, als wir beide noch kleine Jungs waren", sagt Yasar. Und als der Mann, der immer ein Lächeln auf den Lippen hat, dann den Salon seines Vaters übernahm, wurde Erdogan auch einer seiner Kunden. "Wir dachten damals, er könnte vielleicht mal Minister werden", sagt Yasar. "Aber dieser Erfolg war jenseits unserer Vorstellungskraft."

Mit dem neuen Präsidialsystem würden Entscheidungen jetzt viel schneller fallen, sagt er. "Jetzt muss nicht mehr extra das Kabinett zusammentreten." Dass sich fast die Hälfte des Landes gegen diese Regierungsform gestellt hat, ist für Yasar kein Problem. "Jetzt nach unserem Sieg fühlen wir uns besser. Wir lieben die Nein-Sager jetzt noch mehr."

Die EU ist Yasar egal. "Was wir darüber denken, spielt doch keine Rolle. Wir haben so oft probiert, Mitglied zu werden. Die Europäer lassen uns nicht. So ist es nun mal."

Gelassen ist Yasar auch, wenn es um die Todesstrafe geht, die Erdogan jetzt auf die Tagesordnung setzen will. "Natürlich will ich die", sagt er. Ich habe doch keinen Grund, mich davor zu fürchten." Nur in Zukunft könnte sie ein Problem sein. Dann, wenn sie politisch missbraucht wird gegen Leute, die diesem Land gedient hätten. Yasar meint, in eher ferner Zukunft. Er sagt es nicht, aber er scheint von der Zeit zu sprechen, in der sein Erdogan einmal nicht mehr Präsident ist.

Nejdet Erdogan, Rentner, 65 Jahre alt

Weder, dass er zu Yasar zum Frisieren geht, noch, dass er denselben Namen wie der Präsident trägt, ist Zufall. Nejdet ist ein entfernter Verwandter Erdogans und auch in Kasimpasa aufgewachsen.

"Die neue Türkei wird viel stärker sein", sagt er. "So war es doch von Anfang an geplant." Einen Grund, sich um die 49 Prozent, die Nein zum Präsidialsystem gesagt haben, zu sorgen, gibt es seiner Meinung nach nicht. "Ich habe Freunde, die Nein gesagt haben. Wir sind deswegen doch nicht plötzlich Gegner." Natürlich könne in der Türkei jeder seine Meinung frei äußern. "Hier wird von niemandem die Freiheit eingeschränkt. Wenn jemand trinken will, soll er trinken, zumindest wenn er damit keinen anderen stört."

Nejdet lehnt die Todesstrafe genauso ab wie die EU. Gegen die habe er sich übrigens schon 1997 ausgesprochen. Damals hielt die EU die Türkei in Sachen Beitrittsprozess hin, weil sie zunächst die Republik Zypern und eine Reihe weiterer Staaten aufnehmen wollte.

Ein 75 Jahre alter Schuhputzer und sein Kunde

Ohne großes Interesse an Politik - ein Schuhputzer.
Ohne großes Interesse an Politik - ein Schuhputzer.(Foto: Issio Ehrich)

Seinen Namen will der Schuhputzer neben der Moschee nicht nennen. Und auch sonst fasst er sich sehr kurz. "Ich habe nicht viel Interesse an Politik, deswegen kenne ich die Details nicht." Er hat trotzdem mit Ja gestimmt. "Ich hoffe, alles geht gut."

Was ist mit dem Nein-Lager? "Ich hab keine Ahnung." Todesstrafe? "Ich will Gerechtigkeit, egal wie." Und die EU? "Was hat es mit der eigentlich auf sich?"

Der Kunde des 75-Jährigen ist gesprächiger. "Erdogan muss jetzt auch seine eigene Partei säubern", sagt der bullige Mann in der schwarzen Lederjacke. "Da gibt es noch ein paar Leute, die ihn nicht mögen." Auch gegen die Kräfte im Ausland müsse er sich noch stärker in Stellung bringen. "Apropos Ausland. Ihr veröffentlicht doch alles, was ich sage?" Vielleicht. "Erdogan macht euch fertig! Ihr werdet aus diesem Land getilgt."

Ibrahim, Händler, 52 Jahre alt

Kein Vergleich zum Typ mit der Lederjacke ist Ibrahim: Er hat einen offenen Blick, spricht ruhig und wohlüberlegt. "Zu 100 Prozent bin ich mir sicher, dass die neue Generation in diesem Land unter besseren Bedingungen leben wird", sagt er. Und er hebt hervor, dass er damit alle Menschen meint und Wohlstand nicht nur materiell begründet.

"Jesus Christus wird auf diese Welt zurückkehren und die Existenz Gottes bezeugen." Die Zeit dafür sei gekommen. Nicht nur wegen Erdogan übrigens, der sei auch kein Prophet, aber dieses Ereignis falle nun mal in seine Ära.

Was das Nein-Lager betrifft, in dem es viele gibt, die keine frommen Muslime seien wie er, da sieht Ibrahim gar kein Problem. "Dies ist ein säkulares Land. Jeder kann hier seine Meinung äußern. In religiösen Fragen wird nichts erzwungen." Ibrahim reibt seine ausgestreckten Zeigefinger aneinander und blickt herüber: "Auch wir sind Brüder", sagt er.

Was er von der Todesstrafe halte? "Ich unterstütze sie. In der Sharia heißt es: Tötet jemand einen seiner Brüder, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder gibt der Mörder der Familie seines Opfers Geld und bittet um Vergebung oder er wird getötet. Die Entscheidung obliegt der Familie des Opfers."

Zur EU sagt Ibrahim: "Sie will uns nicht. Also sollten wir nicht betteln."

Recep, Juwelier, 44 Jahre alt

Abwarten, was passiert, sagt Recep.
Abwarten, was passiert, sagt Recep.(Foto: Issio Ehrich)

Wer mit Recep sprechen möchte, braucht Geduld. Ständig kommt jemand herein, dann wandern stapelweise 100-Lira-Scheine über den Tresen, im Tausch gegen goldene Ringe und Ketten. Vor allem aber wird viel gelacht und gescherzt. Recep ist ein charmanter Typ und scheint viele seiner Kunden schon lange zu kennen.

"Wir müssen jetzt mal abwarten, was passiert", sagt er. "Wenn Erdogan hält, was er uns versprochen hat, wird sich die wirtschaftliche Lage verbessern. Ich weiß, darum geht es nicht in erster Linie, aber ich glaube, der Türkei könnte es auch so gut gehen wie den USA mit ihrem Präsidialsystem." Dabei helfen werde, so Recep, dass nicht mehr ständig das Parlament mit eingebunden werden müsse. Die alte Verfassung, die nach dem Militärputsch von 1980 entstand, der ihm noch in schlechter Erinnerung ist, stehe Erdogan im Weg.

Ein möglicher Machtmissbrauch besorgt Recep nicht. "Ich liebe Erdogan jetzt nicht abgöttisch", sagt er. "Aber er hat in den vergangen 15 Jahren nun mal gezeigt, dass er das Beste für das Land will."

Auch, dass das Land nun oft als restlos gespalten bezeichnet wird, beunruhigt ihn nicht. "Meine Tochter – sie ist im ersten Jahr an der Uni – hat mit Nein gestimmt. Diese 49 Prozent, zu denen auch sie gehört, zeigen doch, wie vielfältig dieses Land ist. Und zwar auf eine schöne Weise."

Die Todesstrafe befürwortet Recep zumindest in Zeiten des Terrors. "Ich weiß, das klingt längst wie ein Klischee, aber das ist nun mal die Realität in der Türkei."

Auch der EU-Beitritt ist Recep wichtig. Er würde gern seine Tochter zum Studieren dorthin schicken. Weil er sich als Teil der westlichen Welt sieht, hat er auch oft darüber nachgedacht, ob er mit seiner Familie in Europa leben könnte. "Leider versteht sich die EU als christlicher Klub."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen