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Montag, 20. August 2018

Lehrermangel und Quereinsteiger: "Wir steuern auf einen Bildungsnotstand zu"

In mehreren Bundesländern startet die Schule wieder, und die Zeit des Improvisierens beginnt. "In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin ist der Lehrermangel exorbitant", sagt Marlis Tepe, die Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Interview mit n-tv.de. Und sie sieht noch ein Problem: die Masse an Quereinsteigern in Schulen.

n-tv.de: Die Schulferien gehen zu Ende, in manchen Bundesländern hat der Unterricht bereits begonnen. Werden dann einige Schüler ohne Lehrer dastehen?

Marlis Tepe: Ja. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin ist der Lehrermangel exorbitant. Auch wenn die genauen Zahlen erst im Herbst vorliegen, ist doch klar: In nahezu allen Bundesländern werden im nächsten Schuljahr in den Förder- und Grundschulen Lehrer fehlen. Auch in Ländern wie Baden-Württemberg, in denen es noch einen Überhang an ausgebildeten Gymnasiallehrern gibt. Und es gibt noch ein Problem: Tausende Lehrer, die jetzt an die Schulen kommen, sind Quer- und Seiteneinsteiger. Menschen, die keine voll ausgebildeten Lehrkräfte sind. Sie haben keine pädagogische Ausbildung. Ohne diese Quer- und Seiteneinsteiger wäre die Lücke in den Lehrerzimmern noch viel größer.

Wie sieht diese konkret aus?

Marlis Tepe ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Marlis Tepe ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).(Foto: picture alliance/dpa)

Berlin etwa konnte nur 37 Prozent der ausgeschriebenen Stellen mit voll ausgebildeten Lehrkräften besetzen. 28 Prozent sind Quereinsteiger. Sie haben Fächer studiert, die in der Schule unterrichtet werden. Gut 34 Prozent sind befristet eingestellte Lehrkräfte, die keinen Master-Hochschulabschluss haben, sondern eine niedrigere Qualifikation.

Welche Folgen hat es, wenn so viele Seiteneinsteiger als Lehrer arbeiten?

Oft fühlen sich Seiteneinsteiger insbesondere zu Beginn der Lehrtätigkeit überfordert. Ihnen fehlen die didaktischen Qualifikationen ausgebildeter Lehrkräfte. Außerdem wissen sie viel zu wenig darüber, wie Schule funktioniert, beispielsweise welche Rechte und Pflichten sie gegenüber Eltern und Kindern haben. Kinder aus Deutschland schnitten bei der neuesten internationalen Grundschul-Leseuntersuchung Iglu, die Ende 2017 veröffentlicht wurde, schlechter ab als in der Vergangenheit. Die Situation wird noch schwieriger, wenn sich der Lehrermangel ausweitet und die Rahmenbedingungen an den Grundschulen nicht verbessert werden.

Bisweilen gelten Quereinsteiger aber auch als "frischer Wind" für die Schulen.

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Wenn man Menschen mit Berufserfahrung in der Schule braucht - etwa einen Ingenieur - kann man diese natürlich vorübergehend in einer Projektwoche einsetzen. Aber die Herausforderungen für Quereinsteiger sind andere, nämlich über einen langen Zeitraum guten Unterricht zu machen. Wer zum Beispiel Chemie studiert hat, verfügt über eine hohe wissenschaftliche Kompetenz. Das heißt aber nicht, dass er oder sie den Stoff auch Kindern in unterschiedlichen Altersgruppen so vermitteln kann, dass diese das Thema verstehen. Deshalb müssen die Quereinsteiger pädagogisch qualifiziert werden. Denn wenn die pädagogischen Kompetenzen fehlen, leidet die Qualität des Unterrichts. Bei der Qualifizierung müssen erhebliche Anstrengungen unternommen werden, sonst besteht die Gefahr, dass einer ganzen Generation von Schülern geschadet wird. Passiert hier nichts, kann man schon sagen: Wir steuern auf einen Bildungsnotstand zu.

Was bedeutet das für die neuen Lehrer?

Quereinsteiger brauchen schon vor ihrem ersten Schultag zumindest einen Crashkurs. Auch im Schulalltag ist eine gute Unterstützung nötig, damit sie ihre Aufgaben bewältigen können. Eine Reihe von Quereinsteigern, die keine Qualifizierungsangebote bekommen haben, ist wieder aus dem Schuldienst ausgeschieden. Die Zahlen sind nicht genau erfasst, aber wahrscheinlich relativ hoch.

Warum gibt es überhaupt den Lehrermangel? Ist der Job zu unattraktiv?

Der öffentliche Dienst und der Lehrerberuf sind seit Jahrzehnten schlecht geredet worden - angefangen mit Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der noch als Ministerpräsident 1995 Lehrer als "faule Säcke" bezeichnete. Zudem werden die Lehrkräfte teils an den Schularten unterschiedlich bezahlt. Grundschullehrer beispielsweise verdienen schlechter als die Lehrkräfte an anderen Schulformen. Wir machen uns dafür stark, dass alle Lehrkräfte gleich bezahlt werden. Gleichzeitig müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Da zurzeit in vielen Bereichen Fachkräftemangel herrscht, muss der Lehrerberuf mit anderen akademischen Berufen konkurrieren.

Ist denn das Unterrichten herausfordernder als noch vor einigen Jahrzehnten?

Die Ansprüche der Eltern und der Gesellschaft sind sehr hoch. Zudem ist die Kinderarmut gestiegen, die Schere zwischen Arm und Reich geht in der Gesellschaft immer weiter auf. Und natürlich gibt es neue Entwicklungen wie die Digitalisierung, die zusätzliche Anforderungen an die Kollegen stellt. Auch die Inklusion und insbesondere die Zuwanderung sind eine große Herausforderung für das Schulsystem.

Abgesehen von der Zuwanderung 2015: War der Lehrermangel nicht absehbar?

Natürlich war die Krise absehbar. Allen war klar, wie hoch die Pensionswelle wird. Eine kluge Personalpolitik zu machen, heißt: für eine kontinuierliche Einstellung von Lehrkräften zu sorgen. Sonst rutscht man immer wieder in einen Zyklus von Lehrermangel und -überangebot. Die Politik muss endlich mehr steuern und die Kapazitäten der Studien- und Referendariatsplätze ausbauen. Unterm Strich: Der Lehrerberuf muss viel attraktiver gemacht werden.

Mit Marlis Tepe sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de