Politik

30 Jahre Wiedervereinigung Wo die Einheit ihre Grenzen hat

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"Ossi oder Wessi?" - Diese Unterscheidung treffen selbst junge Menschen auch heute noch.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zum Wendejubiläum zeigen die nüchternen Zahlen einmal mehr: Es ist längst nicht alles zusammengewachsen, was zusammengehört. Zwar haben sich Ost und West in vielen Bereichen angenähert, doch auch Trennendes bleibt - und das ist vielleicht gar nicht so schlimm.

Drei Jahrzehnte nach der Wende hat die Politik allem Anschein nach eine Erkenntnis gewonnen - und zwar, dass "Einheit" der falsche Begriff ist für das, was die Friedliche Revolution angestoßen hat. Anstatt wie jedes Jahr das langsame Zusammenwachsen von Ost und West zu beschwören, betont die Bundesregierung neuerdings die Vielfalt. "Deutschland ist eins: vieles", lautet der Slogan, unter dem das 30. Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung steht. Und vielleicht ist das der richtigere Ansatz.

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Die bundesdeutsche Identität ist 30 Jahre nach der Wende überaus heterogen. Zwar haben sich die Lebensverhältnisse im bundesweiten Vergleich laut einer aktuellen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung an vielen Stellen angeglichen, doch das Selbstverständnis von Ost- und Westdeutschen ist weiter durch die schwierigen Nachwendejahre geprägt.

Das spiegelt sich auch in den Köpfen der Jugend wider, für die der 3. Oktober 1990 eigentlich nur ein weiterer Tag in der Geschichte ist - die ihn also nicht selbst miterlebt hat. Der Aussage, dass die Herkunft aus den alten oder neuen Bundesländern heute im Grunde keinen Unterschied mehr mache, stimmen 65 Prozent der 18- bis 29-jährigen Ostdeutschen "überhaupt nicht" oder "eher nicht" zu. Unter westdeutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind immerhin noch 43 Prozent dieser Meinung. Wie ist das zu erklären? "Wenn Sie so wollen, ist das Familiengeschichte", sagt der Berliner Politologe und Buchautor Klaus Schroeder. "In vielen ostdeutschen Milieus wird seit 1991 erzählt, dass der Osten benachteiligt werde. Das kommt auch bei den Kindern an. Und dann führen sie alles, was in ihren Leben schiefläuft, auf ihre Herkunft zurück."

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Widerlegt ist auch die Annahme, dass mit der Wiedervereinigung ein Prozess angestoßen wurde, der zwangsläufig nur in eine Richtung - zur Gleichwerdung von Ost und West - führen könne. Zwar sind sowohl Ost- als auch Westdeutsche mehrheitlich der Ansicht, dass die Wende mehr Positives als Negatives gebracht hat. Doch Einigkeit herrscht auch in der Überzeugung, dass die jeweils andere Seite mehr profitiert hat. Anstelle halbernster Klischees vom undankbaren "Jammer-Ossi" oder geldgeilen "Besser-Wessi" sind inzwischen knallharte Vorurteile getreten; etwa jenes vom fremdenfeindlichen Ostdeutschen. Und tatsächlich wählen die Ostdeutschen extremer, allerdings - auch das zeigt die Studie - profitierte davon kurz nach der Wende noch die PDS und nun die AfD.

Ost-West-Konflikt wird abgelöst

Laut Schroeder wählt der Osten nicht unbedingt bewusst rechts- oder linksextrem, sondern er wählt vor allem "antiwestlich eingestellte Populisten". "Vieles, was die PDS an Sozialneid und Antiwestlichem gestreut hat, hat die AfD einfach übernommen und nationalistisch gewendet", sagt der Experte. Was die Studie auch zeigt: Eine rechte Partei wählt sich leichter dort, wo ihre menschenfeindliche Ideologie nicht in der direkten Nachbarschaft widerlegt wird. Noch immer ist der Ausländeranteil in den ostdeutschen Bundesländern am niedrigsten, während gleichzeitig der Anteil der Geflüchteten unter den dort lebenden Ausländern am höchsten ist. Das rechte Narrativ vom "schmarotzenden Wirtschaftsflüchtling", wie es auch Pegida erfolgreich bedient hat, ist also gerade im Osten nicht durch Zahlen belegbar.

Aber natürlich gibt es sie - die zutreffenden deutsch-deutschen Stereotype: So sind Ostdeutsche im Schnitt tatsächlich unzufriedener mit ihren Lebensverhältnissen als Westdeutsche, verfügen aber auch über deutlich weniger Haushaltsvermögen und besitzen im Schnitt auch weniger Wohneigentum. Immer öfter, auch darauf weisen die Studienmacher vom Berlin-Institut hin, liegen die Ursachen für die Unterschiede nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Stadt und Land. "Die Verstädterung Westdeutschlands in den 1950er Jahren hat es im Osten nie gegeben", sagt Schroeder. "Bis heute ist der Osten ländlicher. Aber das halte ich nicht für den entscheidenden Faktor in der Ost-West-Debatte. Entscheidend ist die Sozialisation in zwei unterschiedlichen Systemen."

Der Osten braucht Zuwanderung

Gerade dem Osten tut man Unrecht, sieht man ihn stets nur im Vergleich mit dem Westen. Die Friedliche Revolution hat dieses Land, das trotz allem für Millionen Menschen Heimat war, in eine tiefe soziale und wirtschaftliche Unsicherheit gestützt. Die Studie des Berlin-Instituts liefert zwar zahlreiche Gründe für Optimismus, legt aber auch neue Risiken offen: Während sich noch bis Ende der 1990er Jahre ein regelrechter Exodus vollzog - bis heute haben die Ostländer rund 1,9 Millionen Bewohner eingebüßt, halten sich Ost- und Westabwanderung inzwischen die Waage. Auch der ostdeutsche Geburtenknick gehört der Vergangenheit an: Von den 27 geburtenstärksten Regionen liegen heute mehr als die Hälfte in den neuen Bundesländern.

Dennoch schrumpft der Osten weiter. Laut den Studienmachern dürfte sich der Fachkräftemangel im Osten durch die demografische Lücke, die im Zuge von Abwanderung und Geburtenschwund entstanden ist, in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Im Vergleich zum Jahr 2014 haben es Unternehmen in Teilen Südbrandenburgs, in Sachsen und im Westen Mecklenburg-Vorpommerns schon jetzt deutlich schwerer, geeignetes Fachpersonal für offene Stellen zu finden. Gleichzeitig werden die geburtenstarken Jahrgänge bald in Rente gehen. Auch die Corona-Krise zeigt, dass der Osten wirtschaftlich noch immer deutlich verwundbarer ist als der Westen.

So stieg die Arbeitslosenquote im Krisenmonat Mai vor allem in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, während Teile Nordrhein-Westfalens, Bayerns und Baden-Württembergs von der Kurzarbeit profitierten. Die Ursache dafür sieht Politologe Klaus Schroeder allerdings nicht darin, dass ostdeutsche Arbeitnehmer Bürger "zweiter Klasse" seien, sondern in dem Umstand, dass es in den neuen Bundesländern deutlich weniger große Industriebetriebe gibt. "Der Osten hat eben eine sehr kleinteilige Wirtschaft, die weniger stark auf Export ausgerichtet ist", sagt er. "Aber die Arbeitslosigkeit ist im Vergleich der letzten 30 Jahre immer noch sehr niedrig."

Schroeder warnt davor, dass sich die Kluft zwischen Ost und West drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung wieder vergrößern könnte. "Vor zehn Jahren habe ich gedacht, dass das Thema Ost-West durch ist. Das ist es aber nicht", sagt er. "Dass sich die wechselseitigen Vorurteile halten und dass sie an die junge Generation weitergegeben werden, hätte ich nie für möglich gehalten. Dabei sind die Unterschiede faktisch viel kleiner als gefühlt."

Quelle: ntv.de