Politik

Alles Spekulation! Wo ist Putin?

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Am Montag zeigte sich Putin im Kreise von Beraterinnen und Beratern an diesem Tisch.

(Foto: dpa)

Eine Erkenntnis des russischen Angriffs auf die Ukraine lautet: Niemand kann einschätzen, was gerade im Kopf von Wladimir Putin vorgeht. Im Schatten dieser Unsicherheit schießen Spekulationen über seinen aktuellen Verbleib ins Kraut. Ist er vielleicht gar nicht mehr in Moskau?

Das Erste, was im Krieg auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit, lautet eine in diesen Tagen viel zitierte Binse. Denn alle Seiten versuchen, ihn nicht nur auf dem Schlachtfeld zu gewinnen. Zum bewaffneten Konflikt gehören stets auch die psychologische Kriegsführung und der Kampf um die öffentliche Meinung. Beim jetzigen Krieg in der Ukraine ist das nicht anders.

Das heißt nicht, dass es in diesem wie in anderen Kriegen nicht auch Gewissheiten gäbe. Gewissheiten, die sich verifizieren, nicht "schönreden" und auf Dauer nicht vertuschen lassen. Eine Gewissheit wie die, dass Russland in der Ukraine einen brutalen Angriffskrieg führt und nicht etwa eine "militärische Sonderoperation", wie es der Kreml verniedlicht. Die Gewissheit, dass es sich dabei um einen eklatanten Bruch des Völkerrechts handelt, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Und selbstredend auch die Gewissheit, dass in diesem Krieg viele Menschen sterben.

Wenn es darum geht, wie viele es konkret sind, fängt die Grauzone jedoch bereits an. Die Ukraine sprach zuletzt etwa von allein 5000 russischen Soldaten, die gefallen oder verwundet seien. Moskau hat erst vor kurzem zugegeben, dass es überhaupt Opfer zu beklagen gibt. Dass zumindest auch das eine bewusste Verniedlichung ist, ist allerdings abermals eine Gewissheit angesichts der Bilder von den schweren Gefechten in der Ukraine. Bilder, die sich nun mal ebenfalls verifizieren, nicht schönreden und auf Dauer nicht vertuschen lassen.

Schleier und Nebelkerzen

Doch auf dem Krieg in der Ukraine liegt nicht nur der Schleier der Kriegspropaganda. Eine zusätzliche Nebelkerze ist die von vielen Beobachterinnen und Beobachtern inzwischen attestierte Unberechenbarkeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Niemand könne in seinen Kopf schauen und aktuell einschätzen, was ihn umtreibt und was er plant, so der allgemeine Tenor. Diese Unsicherheit wiederum befeuert so manche Spekulationen, die auch als solche benannt werden müssen, da sie sich eben nicht eindeutig verifizieren lassen. Momentan zählt dazu die Frage, wo Putin eigentlich gerade steckt.

So kursiert etwa die Mutmaßung, der russische Präsident befinde sich gar nicht länger in Moskau. Stattdessen, so heißt es, habe er sich in einem Bunker im Ural verschanzt - dort, wo sich einst schon Josef Stalin im Zweiten Weltkrieg zeitweise versteckt habe. Medien berufen sich dabei wahlweise abstrakt auf den ukrainischen, den amerikanischen oder deutschen Geheimdienst oder auf irgendwelche anonymen "Kreise" der deutschen und ukrainischen Regierung. Auf dieser Basis kann das Gerücht aber nicht überprüft werden.

Doch auch hier gilt: Niemand kann in Putins Kopf schauen. Und weil man ihm derzeit ja schlicht alles zuzutrauen scheint, dreht sich auch in diesem Fall die Spekulationsspirale natürlich weiter. RTL-Reporterin Charlotte Maihoff in Moskau verweist etwa darauf, dass die russische Flagge seit Tagen über dem Kreml eingeholt ist. Wenn der Präsident da ist, flattert sie normalerweise munter im Wind. Doch gilt dieses Prinzip auch noch in diesen Tagen?

"Der große und starke Führer"

Ex-"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, der Putin mehrfach persönlich getroffen hat, hat im RTL-Gespräch seine Zweifel an der Theorie mit dem Bunker im Ural geäußert. "Putin möchte als der große und starke Führer gesehen werden, der Russland wieder zu alter Stärke führt. Das entspricht nicht dem Bild von jemandem, der sich versteckt", sagte er.

Russland hat das Gerücht bislang nicht kommentiert. Außer so: Am Sonntag wurden Bilder veröffentlicht, die den russischen Präsidenten beim Besuch einer Baustelle seiner Raumfahrtagentur in Moskau zeigen sollen. Hierzulande stellte sie unter anderem die Nachrichtenagentur Reuters zur Verfügung mit dem Hinweis: "Achtung - diese Fotos stammen von einem anderen Anbieter." Nämlich von der russischen Agentur Sputnik. Mit anderen Worten: Ob sie auch wirklich an diesem Sonntag oder womöglich doch bereits zu einem früheren Zeitpunkt geschossen wurden, kann Reuters nicht mit Sicherheit sagen.

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Schon Boris Jelzin konferierte 1996 an dem Möbel im Kreml.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Den Coup, ältere Aufnahmen als brandaktuell zu verkaufen, hat Putin in den vergangenen Tagen womöglich schon mehrfach gebracht. Als es am Montag vor einer Woche um die Anerkennung der selbsternannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk ging, verriet ein Blick auf die Armbanduhren mehrerer Mitglieder im Sicherheitsrat, dass die angebliche Live-Übertragung der Beratungen wohl gar nicht live war. Und sogar Putins Kriegserklärung an die Ukraine am Donnerstag könnte aufgezeichnet gewesen sein. Auch darauf weisen einige Indizien hin, ohne allerdings einen schlagkräftigen Beweis zu liefern.

Ein Tisch im Kreml

Einen ziemlich eindeutigen Beleg dafür, dass Putin zumindest an diesem Montag im Kreml war, gibt es hingegen inzwischen schon. So sahen wir ihn im Gespräch mit Beraterinnen und Beratern, darunter seine Notenbank-Chefin Elwira Nabiullina, an einem sehr langen Tisch, wie es sie im Kreml offenbar zuhauf gibt. Das Thema, um das es ging, war definitiv nicht von gestern: der Absturz der russischen Wirtschaft aufgrund der internationalen Sanktionen.

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Auch Putin kam etwa 2004 hier mit seinem Stab zusammen.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Wer etwas sucht, wird fündig: Raum und Tisch stehen im Kreml und nicht etwa im Ural. So gibt es ältere Fotos, die bereits Putins Vorgänger Boris Jelzin 1996 in dieser Umgebung mit schwarzen Marmorsäulen, gold-verzierten Flügeltüren und besagtem Tisch zeigen. Und auch Putin traf sich hier schon mit Beratern, die ihm damals allerdings noch dichter auf die Pelle rücken durften als nun Nabiullina & Co. Kein Wunder, schließlich stammt ein Foto, das dies zeigt, bereits aus dem Jahr 2004.

Die Annahme, dass sich Putin dauerhaft außerhalb des Kremls verkrochen hat, dürfte damit sprichwörtlich vom Tisch sein. Niemand kann in seinen Kopf gucken. Aber dass er Raum und Tisch mal eben in den Ural gebeamt hat, ist dann wohl doch nicht einmal Putin zuzutrauen.

Quelle: ntv.de

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