Politik

"Sehr fragwürdig" Zweifel am Datenschwund

Experten bezweifeln die bisherigen Erklärungen für den massiven Datenschwund bei der Bundeswehr. "Das klingt sehr fragwürdig für mich", sagte der Geschäftsführer des Datenrettungsunternehmens Kroll Ontrack in Deutschland, Peter Böhret. Gerade angesichts der Brisanz der Informationen sei es schwer nachvollziehbar, dass defekte Bänder einfach vernichtet würden statt sie an Experten zur Rettung noch vorhandener Daten zu übergeben. "Fachleuten muss klar gewesen sein, dass noch Daten auf den Bändern vorhanden sind", sagte Böhret. Im Normalfall könne ein Großteil solcher Daten gerettet werden.

Auch sei es üblich, von wichtigen Informationen mehr als eine Sicherungskopie anzulegen. "Bei solch brisanten Daten hat jedes Industrieunternehmen nicht nur eine, sondern auch eine zweite Sicherungskopie, die an einem anderen Ort aufbewahrt wird", betonte Böhret. Auch der Leiter der Datensicherung im Rechenzentrum der Freien Universität Berlin, Bernd Melchers, meldete Zweifel an. Selbst wenn der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Peter Wichert, die Bänder "aufgegessen hätte, würden professionelle Datenrettungsunternehmen nach der Verdauung den Inhalt wiederherstellen können", sagte er der ARD.

Am Montag war bekannt geworden, dass nachrichtendienstliche Erkenntnisse über Auslandseinsätze der Bundeswehr zwischen 1999 und 2003 in erheblichem Umfang vernichtet wurden. In einem Reuters vorliegenden Schreiben an den Verteidigungsausschuss erklärte Wichert, die Daten seien Ende 2004 mit dem Defekt eines Datensicherungsroboters verloren gegangen. Aus Kapazitätsgründen seien die Informationen nur einmal gespeichert gewesen. Auf einem Austauschgerät sei ein Teil der Kassetten dann nicht mehr lesbar gewesen. Die defekten Bänder seien schließlich im Juli 2005 vernichtet worden.

"Eigentlich nicht möglich"

Diese Erklärung stieß bei Böhret auf Unverständnis. "Da vernichte ich doch nicht die ganzen Bänder, sondern ich bewahre sie auf", sagte er. Technische Schwierigkeiten mit den Robotersystemen, die die Bänder ausläsen, seien nicht ungewöhnlich. Es sei aber nicht Stand der Technik, dass die Bänder dann nicht mehr wiederherzustellen seien. Dazu gebe es Spezialgeräte.

Die Robotersysteme selbst funktionierten wie eine kleine Bibliothek, erklärte Böhret: Gesteuert von einer Software entnehme der Roboter die Magnet-Bänder und lege sie in das Bandlaufwerk ein. Teil der Software sei auch das Inhaltsverzeichnis dieser Bibliothek. Gehe dieser Katalog bei einem Upgrade verloren, so seien doch die Bänder noch da und könnten wieder zugänglich gemacht werden. Selbst zerknüllte Bänder könnten gebügelt und die Daten darauf zumindest zum Teil gerettet werden.

"Es mag sein, dass nicht 100 Prozent der Daten wieder verfügbar gewesen wären, aber 90 oder 95 Prozent", betonte der Experte. Wirklich verloren wären die Daten nur, wenn die Bänder überschrieben, mit einem sehr starken Magneten gelöscht oder zerschnipselt würden. Grundsätzlich aber seien die Magnetbänder zur Aufbewahrung von Daten sehr sicher. Das US-Unternehmen Kroll Ontrack ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer bei der Datenrettung und -wiederherstellung.

Daten alle noch da?

Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, glaubt nicht, dass relevante Daten fehlen. Zwar habe es bei der Bundeswehr tatsächlich massive Probleme aufgrund einer völlig veralteten Technik gegeben. Daten bezüglich der Einsätze von KSK-Soldaten würden aber nicht fehlen. "Wir haben vielmehr die Einsatzberichte, und zwar jeden Tag einen Tagesbericht des Kontingentführers aus Kandahar vorliegen. 52 Aktenordner Daten stehen uns zur Verfügung", sagt Arnold bei n-tv Zwar seien einige unbedeutende Dokumente nicht mehr auffindbar, aber "keine einsatzrelevanten Daten und schon gar keine Daten, die mit Kurnaz zu tun haben."

Der Grünen-Fraktionsvize Christian Ströbele zweifelte ebenfalls an, dass die Berichte über Auslandseinsätze durch eine technische Panne gelöscht wurden. Noch im November 2006 habe er einen Brief von Verteidigungsstaatssekretär Wichert bekommen, wonach der Verteidigungsausschuss des Bundestages über Einsätze der Eliteeinheit KSK im Ausland informiert werde, sagte Ströbele. "Darin steht keine Silbe davon, dass die Daten weg sind. Deshalb zweifle ich, ob das alles so richtig ist." Möglich sei, dass die Bundeswehr versuche, "Informationen nicht nach außen zu geben". Auf seine mehrfachen Anfragen über die Arbeit des KSK in Afghanistan sei ihm vom Verteidigungsministerium zwar ausweichend geantwortet worden, sagte Ströbele dem Blatt weiter. Zugleich betonte er: "Nie wurde gesagt: Wir haben darüber keine Unterlagen."

Noch mehr Akten weg

Bei der Bundeswehr sind einem Zeitungsbericht zufolge auch Berichte über die Teilnahme deutscher Offiziere an Verhören in einem US-Geheimgefängnis verschwunden. Die Berichte habe das Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr aus einem Geheimgefängnis im bosnischen Tuzla erhalten, berichtet die "Berliner Zeitung".

In Tuzla sollen die USA vor und nach dem 11. September 2001 Terrorverdächtige festgehalten und zum Teil misshandelt haben. Wie die Zeitung unter Berufung auf einen BND-Bericht weiter berichtet, waren an Verhören in Tuzla zumindest im Jahr 2001 auch Offiziere des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) beteiligt. Das Blatt zitierte einen Sicherheitsexperten, dem zufolge mit Hilfe der verschwundenen Daten aufgeklärt werden könnte, welche Offiziere illegalerweise an solchen Verhören teilgenommen hätten.

Quelle: n-tv.de

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