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Der verrückte Brexit-Prozess Darum beneiden wir die Briten nicht

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In der Nacht ließen sich viele Briten auch vom kalten und feuchten Wetter nicht vom Feiern abhalten.

(Foto: REUTERS)

Immer wieder heißt es in der Debatte um den Brexit, der Austritt aus der EU könne gut für Großbritannien sein. Wir sollten die Briten um vieles beneiden, aber nicht um den Brexit.

"All’s well that ends well", meint Shakespeare, und wie sich das Drama noch entwickelt, ist derzeit völlig offen. Zumindest sieht das auch die "New York Times" so, die prophezeit, das dicke Ende stünde noch bevor.

Auch wenn also der 31. Januar in diesem verrückten Brexit-Prozess lediglich eine Art Formalie ist, so ist er doch ein hoch emotionaler Tag. Großbritannien verlässt die Europäische Union. Das ist für beide Seiten extrem schmerzhaft.

Trotzdem entstand in den letzten Wochen der Eindruck, der Brexit könne gut für die Briten sein. Vielleicht sogar sehr gut. Ein mutiges Land geht jetzt seinen eigenen Weg - völlig losgelöst von den Fesseln der Brüsseler Bürokraten, die ja ohnehin von Deutschland gesteuert würden, hieß es. Ein "Bild"-Journalist geht in einem Gastbeitrag für die britische "Daily Mail" gar so weit: "Ja, wir Deutschen sind neidisch auf die Briten."

Bereits nach dem überraschend deutlichen Wahlsieg des britischen Premierministers Boris Johnson wurde dieser in so manchen Kommentaren als neuer Held präsentiert. Als der "geniale" Brexit-Macher. "Warum haben wir so einen in Deutschland nicht?", fragten sich einige. Dass Johnson Geschick und Chuzpe bewiesen hat, das stimmt. Er hat gezockt, auf eine Farbe gesetzt und - erst mal - gewonnen.

Niemals sollten wir die ganze Geschichte des Brexit aus den Augen verlieren. Die Mehrheit der Briten stimmte damals, an diesem 23. Juni 2016, aufgrund innenpolitischer Sorgen für den Brexit. Leider nahmen die jungen Briten die Wahl nicht ernst genug. Zusammengefasst stand das populistische und falsche Argument der Pro-Brexit-Kampagne damals auf einem roten Bus, der quer durch Großbritannien fuhr. "Wir schicken 350 Millionen Pfund pro Woche an die EU, lasst uns das lieber in unsere 'NHS' stecken". Auch Johnson posierte vor diesem Bus. Heute steht das britische Gesundheitssystem NHS alles andere als gut da. Johnson sah sich Ende 2019 gar mit der Frage konfrontiert, ob der NHS im Falle eines Post-Brexit-Handelsabkommen mit den USA in die Hände amerikanischer Investoren fallen könne.

Schwierige Jahre für Großbritannien

Die letzten Jahre waren alles andere als einfach für Großbritannien. Sie haben ein tolerantes Land gespalten und in Teilen sogar radikalisiert. Sie haben das Parlament in seiner Bedeutung geschwächt und das Land demoralisiert. Am Tag nach dem Referendum stürzte das Britische Pfund ab und ist noch heute auf einem niedrigeren Stand, als vor der Abstimmung.

Einige britische Unternehmer, die für den Brexit gestimmt hatten und vorher noch propagierten, sie würden den Wirtschaftsstandort Großbritannien bedeutend stärken, änderten so schnell ihre Richtung, wie die Fahne auf dem Buckingham Palace, wenn der Wind von einer anderen Seite bläst. Mittelstand und Wirtschaft stehen unter Druck und der so wichtige Dienstleistungssektor in Großbritannien leidet noch heute. Ganz zu schweigen von den Sorgen der vielen EU-Bürger in Großbritannien, die weiterhin ungewiss in ihre Zukunft blicken. Und dann ist da dieser Stillstand der letzten dreieinhalb Jahre, in denen es fast ausschließlich um den Brexit ging.

Ja, die britische Wirtschaft hat wieder an Selbstvertrauen gewonnen, weil die absolute Katastrophe abgewendet wurde. Dennoch wird sich das Königreich die nächsten Jahre damit beschäftigen müssen, das Niveau zu erreichen, das es vor dem Referendum hatte.

Wir sollten die Briten dennoch beneiden, zum Beispiel für ihren Humor. Für ihre Art, in ernsten Situationen, mit Selbstironie zu reagieren, für ihre gemütlichen Pubs und natürlich auch für Jürgen Klopp. Wir sollten den Briten von Herzen gönnen, wenn sie die Zukunft von nun an noch erfolgreicher gestalten sollten - aber wir sollten sie nicht um den Brexit beneiden.

Quelle: ntv.de