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Solange Frauen Angst habenEs reicht nicht, ein "guter" Mann zu sein

04.04.2026, 16:40 Uhr 20240327-DSC-8255Ein Kommentar von Lukas Wessling
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Ein guter Mann. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Viele Männer haben noch nie eine Frau erniedrigt, noch nie ungefragt Nacktbilder verschickt. Das ist gut, aber genügt leider nicht. Weil es nicht verhindert, dass Frauen aus Angst vor Männern anders leben müssen.

Nehmen wir einmal an, Sie sind einer von "den Guten": Sie schlagen keine Frauen, haben noch nie jemanden vergewaltigt, führen keine K.-o.-Tropfen mit sich, wenn Sie ausgehen. Sie begrapschen keine Hintern, pfeifen auf der Straße niemandem hinterher. Vielleicht stehen Sie sogar ab und zu in der Küche, räumen das Geschirr weg oder machen die Wäsche.

Sie finden es schlimm, dass Frauen Gewalt widerfährt, dass sie erniedrigt werden, verfolgt und belästigt. Es tut Ihnen leid. Aber Sie tragen nicht die Verantwortung dafür. Sie sind nicht der Verursacher all dieses Elends. Sie tun ja ihren Teil. Reicht das nicht?

Leider nein. Ich wünschte, es wäre so. Ich wünschte, es würde reichen, einer von "den Guten" zu sein. Mein Leben wäre so viel einfacher. Ich wünschte, ich könnte in Ruhe ein netter Typ sein. Aber solange andere Männer tun, was sie tun, bin ich ein Teil der Gleichung - und Sie im Zweifel auch. Wir spielen darin eine wichtige Rolle, die wir ernst nehmen sollten. Es ist eine vergleichsweise angenehme Rolle.

Denn auf der anderen Seite dieser Gleichung stehen Frauen. Sie kennen viele dieser Menschen auf der anderen Seite. Womöglich wohnen Sie mit ihnen zusammen, es sind vielleicht sogar Ihre Kinder. Sie sitzen mit diesen Menschen in einem Büro oder stehen mit ihnen hinter einer Theke. Sie kaufen morgens Ihren Kaffee bei ihnen, rufen sie mittags wegen eines Arzttermins an, und lassen sich abends von ihnen die Nachrichten vorlesen.

Viele dieser Menschen werden Erfahrungen gemacht haben, die Sie sich beim besten Willen nicht vorstellen können. Zum Glück nicht. Ich freue mich für Sie und mich. Dieses Glück aber ist all diesen Menschen nicht vergönnt. Entweder, weil sie selbst solche Erfahrungen gemacht haben, weil sie über diese Erfahrungen reden oder weil sie mit der Gefahr aufgewachsen sind, solche Erfahrungen zu machen. Weil sie oft schon als junge Mädchen merken, dass ihnen diese Gefahr droht. Weil Männer mit sexuell aufgeladenen Blicken, Bemerkungen oder Taten ihre Kindheit beenden.

Und deshalb steigen diese Menschen nicht in einen U-Bahn-Waggon, in dem nur Männer sitzen, sie mimen Telefongespräche, wenn sie nachts allein nach Hause gehen. Oder noch schlimmer: Sie gehen gar nicht erst nach Hause, weil sie nicht einmal dort sicher sind.

Solange das so ist, sind wir eine gespaltene Gesellschaft. Diese Spaltung aber lässt sich überwinden und das kann bereichernd sein, auch für Sie. Reden Sie mit Frauen in Ihrem Umfeld über Situationen, in denen sie sich unsicher oder unwohl fühlen, fragen Sie nach. Tun Sie es vorsichtig, aber tun Sie es. Und dann hören Sie erst einmal zu, selbst, wenn das schwerfällt. Lesen Sie ein Buch zum Thema oder den folgenden Artikel "Wie aus Männern bessere Männer werden können".

Wenn es Ihnen etwas bedeutet, dass Frauen Teil ihres Lebens sind - auch, wenn es nur eine ist; wenn Sie sie schätzen als Menschen und nicht nur als billige Arbeitskräfte oder Dekoration, dann ist es Ihr ureigenstes Interesse, den Graben zuzuschütten, der Sie von diesen wertvollen Menschen trennt. Sie tun sich selbst einen Gefallen damit.

Quelle: ntv.de

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