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Es droht die Eskalation im Iran Militärisch logisch - politisch ein Fehler

Für die Tötung des iranischen Generals Soleimani gibt es Gründe. Sie hat dennoch möglicherweise fatale Folgen. Teheran kann den Militärschlag nicht folgenlos lassen. Fraglich ist auch, wie Saudi-Arabien, Russland und Israel reagieren.

Nach der Tötung des iranischen Top-Generals, Kassem Soleimani, schwört der Iran Rache. Die irakischen Schiiten-Milizen unterstützen den Aufruf, die libanesische Hisbollah hat sogar alle "Widerstandskämpfer" weltweit zu einer Gegenreaktion verpflichtet. Damit spitzt sich die ohnehin brisante Lage rund um den Iran einmal mehr zu.

General Kassem Soleimani war nicht irgendwer im Iran. In der Führungshierarchie des Landes nahm er de facto die zweite Stelle ein. Er befehligte die Al-Kuds-Brigaden, die Eliteeinheit der Revolutionsgarden, die vor allem im Ausland aktiv ist, insbesondere im Irak und Syrien. Teheran ist neben Moskau der engste Verbündete des syrischen Machthabers Assad.

Mit der Einschätzung, dass Soleimani als Drahtzieher für die jüngste Eskalation rund um die amerikanischen Einrichtungen im Irak verantwortlich ist, dürfte US-Präsident Trump richtig liegen, zumal er ja nicht im Iran, sondern im Irak getötet wurde. Insofern unterliegt seine Tötung aus militärischer Sicht sogar einer nachvollziehbaren Logik mit der Botschaft: Das lassen sich die USA nicht einfach gefallen. Man habe lange genug stillgehalten.

Hoffnungen auf Atomabkommen zunichtegemacht

Aus politischer Sicht ist die Tötung dennoch ein großer Fehler: Nicht nur, dass alle Bemühungen, das von Washington gekündigte Atomabkommen durch die Hintertür doch noch irgendwie zu retten, zunichtegemacht werden. Es droht eine verheerende Eskalation der Gewalt, bei der weder Ausmaß noch Ort vorhersehbar sind.

Teheran kann und wird die Tötung eines Generals von seinem Kaliber nicht einfach hinnehmen. Man stelle sich vor, eine ausländische Macht würde einen Anschlag etwa auf den US-Vizepräsidenten verüben. Der Aufruf des Iran zur Vergeltung ist daher überaus ernst zu nehmen. Joe Biden, möglicher Herausforderer von Donald Trump bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im Herbst, spricht in seiner Reaktion nicht ohne Grund von einer Stange Dynamit, die Trump in ein Pulverfass geworfen habe.

Wie reagieren Saudi-Arabien, Israel und Russland?

Kurzfristige Vergeltungsmaßnahmen könnten sich nicht nur gegen die US-Streitkräfte in der Region, sondern auch gegen andere Staaten richten. Auch die Bundeswehr, die mit einem 130-Mann-Kontingent im Irak aktiv ist, könnte plötzlich im Fokus stehen. FDP und Grüne stellen die Mission inzwischen infrage.

Mittel- und langfristig droht sich die seit Langem brandgefährliche Lage nochmals zu verschlimmern. Wie reagiert Saudi-Arabien, was macht Israel, welche Schritte unternimmt Russland? Das sind nur drei der wichtigsten Akteure in der Region.

Trump mag gerade noch betont haben, dass er keinen Krieg gegen den Iran wolle und ein Freund des Friedens sei. Die von ihm befohlene Tötung Soleimanis ist unterm Strich aber nichts anderes als eine offene Kriegserklärung an Teheran und für die gesamte Region. Ausgang völlig ungewiss.

Quelle: ntv.de