Kommentare

Hass-Kampagne gegen Rackete Nationalistischer Irrsinn

83b555e5974092bbabbb2793b2891b9d.jpg

Italiens Innenminister Salvini in der vergangenen Woche in einer TV-Sendung des italienischen Fernsehens.

(Foto: imago images / Insidefoto)

Gegen die Kapitänin der "Sea-Watch 3" hat Italiens Innenminister Matteo Salvini die Hass-Maschine angeworfen. Über seine Motive lassen sich nur Vermutungen anstellen.

Kübel von Hass, es sind wirklich Kübel von Hass, die übelsten Beschimpfungen, meist mit sexuellem Hintergrund, die im Internet über Carola Rackete ausgeschüttet werden. Zehntausende Netz-Schreiber wünschen der Kapitänin des Seenotrettungsschiffs "Sea-Watch 3" eine Massenvergewaltigung durch afrikanische Flüchtlinge. Andere fordern, man solle auf die NGO-Boote schießen, sie versenken. Die Krönung der Beleidigungswelle wird dadurch ausgelöst, dass sie Deutsche ist. "Crucca di merda", Scheißdeutsche, das ist das Mindeste.

Auch hier geht es in die Vollen. Die Deutschen wollen, dass die "négher" - so heißen Schwarze im lombardischen Dialekt - Italien erobern; die Deutschen sind ohnehin alles Nazis und haben alle Kriege verloren, auch diesen werden sie verlieren.

Gelobt wird ihr Held: "Il Capitano", Italiens Innenminister Matteo Salvini, Chef der fremdenfeindlichen Partei Lega, früher bekannt als Lega Nord. Alex Orlowski, ein italienischer Web-Experte und Faktenchecker von Web-Lügen, schätzt die Anzahl der Hassmessages auf "mittlerweile schon gut 200.000".

Natürlich gibt es auch die Verteidiger der Bürgerrechte, nicht wenige, die auf die internationale Seerechtskonvention hinweisen, wonach Italien als Unterzeichnerstaat verpflichtet ist, Schiffbrüchigen und Flüchtlingen einen "sicheren Hafen" anzubieten. Ob sie dann ein Bleiberecht haben, steht auf einem anderen Blatt. Nur ist es nicht korrekt, sie 14 Tage vor dem Hafen von Lampedusa in sengender Sonne dümpeln zu lassen, während gleichzeitig über 200 Flüchtlinge mit eigenen Booten kommen oder sogar direkt von der italienischen Marine nach Lampedusa gebracht werden.

An dieser Tatsache wird auch deutlich, dass es dem Urheber des Konfliktes gar nicht um die wenigen hundert Flüchtlinge geht. Salvini geht es um etwas anderes. Nur er bestimmt, wer nach Italien reindarf. Vor allem die Deutschen sollen, wenn es nach ihm geht, keine Flüchtlinge im Meer retten und dann nach Italien bringen, auch wenn sie nur kurzzeitig auf italienischem Boden bleiben würden, weil deutsche Städte oder Drittländer sich bereit erklärt haben, sie aufzunehmen, oder, was in diesen Tagen gerade passiert, wenn die katholische Caritas oder die Evangelischen Kirchen Italiens, so klein sie sind, zusammen mit den Waldensern die Flüchtlinge auf ihre Kosten aufnehmen.

Wenn's keiner merkt, ist es egal

Es geht gar nicht um Kosten oder um "Flüchtlingsinvasionen". 2000 Personen sind in sechs Monaten in Italien gelandet. Es geht ums Prinzip. Salvini kommandiert, Punktum. Dieses Prinzip muss festgestellt werden.

Wenn er sagt, die Häfen sind zu, dann haben sie zu zu sein, zumindest dem Anschein nach. Dass kleine Schiffe oder Schlauchboote anlanden, ist offenbar nicht so wichtig, solange es unter dem Radar der Öffentlichkeit geschieht. Ein anderes Beispiel: Pro Woche nimmt Italien im Schnitt 50 Flüchtlinge aus Deutschland zurück, die zuerst in Italien Asyl beantragt haben. Nimmt die italienische Öffentlichkeit das zur Kenntnis? Protestiert Salvini dagegen? Stört sich jemand daran, dass diese Menschen hier ohne jegliche Hilfe auf der Straße leben müssen? Nichts von alledem. Kein Mensch, abgesehen von kirchlichen Organisationen und freiwilligen Helfern, kümmert sich um diese Zurückgeschickten, die hier "dublinati" genannt werden, weil sie auf Basis der sogenannten Dublin-Regeln nach Italien zurückgeschickt werden.

Es scheint alles ein riesiges Programm der Abschreckung zu sein.

Wer von einer NGO auf dem Meer gerettet wird, der muss wochenlang auf die Anlandung warten. Wer alleine kommt, wird in Lagern festgehalten und dann im Regelfall nicht in die Heimat zurückgeschickt, sondern bekommt den Ausweisungsschein in die Hand, den "foglio di via". Damit darf er dann selber zusehen, wie er das Land wieder verlässt. Meist Richtung Norden, auf Dauer illegal, eine Beute von Kriminellen, die illegale Arbeitskräfte suchen.

Das ist die Standard-Behandlung der Migranten. Bei deutschen NGOs schlägt Salvini doppelt zu, rhetorisch und mit der Androhung langer Haftzeiten. Erst wird die Hass-Maschine angeworfen. Er selbst setzt die Falschmeldungen gekonnt in den Kreislauf. Wie etwa, dass die "Sea-Watch 3" ein kleines Küstenwachboot der Steuerpolizei "gerammt" habe. Er ruft bei den Beamten an, ruft zur Solidarität mit ihnen auf, nennt die Lebensretter "Piraten" und fordert, dass sie auf lange Zeit ins Gefängnis kommen. Wer sich das Video des Anlegemanövers in Lanpedusa anschaut, sieht, dass sich die "Sea-Watch 3" sanft an das Boot der Finanzpolizei anlehnt, welches dann in aller Ruhe ablegt. Keine Gefahr, erst recht kein Rammen.

Aber so kommt es in die Medien. Deutsche Piratin rammt "italienisches Kriegsschiff". Darauf stünde 14 Jahre Haft, nach einem Gesetz, dass 1944 von Mussolini erlassen wurde. Das soll dann die Rechtsgrundlage sein, neben einem Erlass Salvinis, der das Retten auf See und die Fahrt in einen sicheren Hafen als Straftat darstellt, als Invasion, als Verletzung der italienischen Hoheit. Es ist ein vollkommener, nationalistischer Irrsinn, dem aber die Medien des Landes treu folgen und die Mehrheit der Italiener auch.

Dann erscheint ein Foto der Kapitänin im Netz, über einen russischen Account, das sie bei der erkennungsdienstlichen Behandlung zeigt. Wer soll die Aufnahme gemacht haben, wenn nicht ein Polizist - in deren Uniformen Salvini ständig herumläuft.

Über Salvinis Motive lassen sich nur Vermutungen anstellen. Die im Netz losgetretene Hasskampagne richtet sich vor allem gegen Deutschland und gegen die Europäische Union. Nun könnte man annehmen, dass dies in die Pläne von Salvinis Lega passt, die verhasste EU, in der die noch mehr verhassten Deutschen den Ton angeben, baldmöglichst zu verlassen. Und wenn "die Deutschen" Italien mit Hilfe von EU-Regeln mit Afrikanern überschwemmen wollen, dann wäre das doch ein Grund mehr, Europa "Ciao" zu sagen. So verrückt könne doch keiner sein? Abwarten.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema