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Griechische Irrfahrt Regierungsbildung per Zangengeburt

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Ein Gipsabguss des Kopfes des Odysseus (links) und eine Rekonstruktion der Skulpturengruppe "Polyphem wird geblendet" von Sperlongo im Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das tagelange Gefeilsche hat ein Ende: Griechenland bekommt endlich seine Notregierung. Lucas Papademos und sein Kabinett stehen vor einer wahren Herkulesaufgabe: ein Berg von Arbeit, sehr wenig Zeit und Koalitionsparteien, die eine Zusammenarbeit nicht gewöhnt sind.

Wenn man sich mit Griechenland befasst, ist eine Beschäftigung mit seiner Mythologie unumgänglich. Ein Held ist Odysseus, der Herrscher von Ithaka. Nach dem Sieg über Troja, dem zehn Jahre Krieg vorangegangen waren, begab er sich auf die Heimreise, die ebenfalls zehn Jahre dauern sollte. Diese lange Irrfahrt mit zahlreichen Abenteuern und Rückschlägen beschrieb der Dichter Homer hunderte Jahre vor der Zeitenwende in seinem Epos "Die Odyssee". Am Ende hatte Odysseus alle seine Gefährten verloren - dennoch gelang es ihm, nach Ithaka zurückzukehren.

Glücklicherweise geht es im Griechenland des 21. Jahrhunderts nicht mehr so blutig zu. Bei den Machtkämpfen in Athen treten weder der Zyklop Polyphem noch Skylla und Charybdis auf. Allerdings ist auch das gegenwärtige Gehakel um die Macht undurchsichtig. Der Beobachter hat große Schwierigkeiten, den Athener Kabalen zu folgen. , besser gesagt der herrschenden Familienclans der Papandreous, Karamanlis' oder Mitsotakis', sind an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Der Grieche steht wie paralysiert da und ist nicht einmal mehr zu Protesten in der Lage. "Wir sind durch", sagte der greise Staatspräsident Karolos Papoulias bedeutungsvoll, als bei ihm vorfuhr und seinen Rücktritt einreichte. Aber das Gegenteil war der Fall. Gar nichts war durch - die künftigen Koalitionäre von sozialistischer Pasok und konservativer Nea Dimokratia (ND) feilschten weiter um Macht, Posten, Pfründe: ein wahres Hauen und Stechen vor der griechischen und europäischen Öffentlichkeit. Dass Griechenland dabei ist, den Bach runter zu gehen, schien gar keine Rolle zu spielen.

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Gescheitert: Giorgos Papandreou.

(Foto: dpa)

Deshalb sind die meisten Griechen auch innerlich durch mit ihren Politikern, die nicht etwa den Menschen zwischen Thessaloniki und Kreta viel geben. Nein, sie machen Politik, um immer etwas zu nehmen. Das Ergebnis ist bekannt: Das Mittelmeerland befindet sich in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten. Es ist pleite und muss - das schmerzt seine stolzen Bürger am meisten - auf Jahre hinaus für internationale Hilfe seine wirtschaftliche und finanzielle Souveränität aufgeben.
 
Papandreous sozialistische Regierung hatte nicht mehr die Kraft, den Umbau Griechenlands alleine voranzutreiben. Konnte sie auch nicht, denn mit dem "Einmarsch" der Experten von EU, IWF und EZB in Athen war es für das Pasok-Kabinett mit der sozialistischen Politik vorbei. Sparen, Sozialabbau, Steuererhöhung, Privatisierung, Massenentlassungen von Staatsdienern stehen auf der Tagesordnung.

Also müssen nun die Konservativen mit ins Boot. Gemeinsam soll die notwendige Drecksarbeit verrichtet werden. Allerdings wurde man in den Tagen des Ringens um eine Übergangsregierung - vielleicht ist es besser, von einer Notstandsregierung zu sprechen - den Eindruck nicht los, dass ND-Chef Antonis Samaras und seine Mannen die Arbeitskluft nicht anziehen und lieber die Aufräumarbeiten in ihren Anzüge aus der Ferne beobachten wollten. , der nun in die Villa Maximos einzieht, sollte überwiegend mit Technokraten die Reformen einleiten. So war jedenfalls Samaras’ Plan. Aber Europas ehemaliger Spitzenbanker machte bei diesem Spiel nicht mit, zumal ihm auch die Pasok - allen voran Evangelos Venizelos - bei der Gestaltung der Finanzpolitik nicht zu viel Spielraum zugestehen wollte. Funktionieren durch linke und rechte Fernsteuerung: Das ist nichts für Papademos. Er schlug auf den Tisch.

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Lucas Papademos führt ein ökonomisch am Boden liegendes Land.

(Foto: dpa)

So nahm das Chaos seinen Lauf: Von Pasok und ND lanciert, geisterten viele Namen herum: Nikiforos Diamandouros, Panagiotis Roumeliotis, Vassilios Skouris, Apostolos Kaklamanis, Filippos Petsalnikos usw. usf. Zudem weigerte sich Samaras, unter Verweis auf die nationale Würde Griechenlands, seine Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung zu setzen. Die Griechen bekamen hinsichtlich des Koalitionsklimas einen Vorgeschmack.

Kein gelungener Start

"Der Berg kreißt und gebiert eine Maus", lautet ein Sprichwort. Hoffentlich trifft es im Fall Papademos nicht zu. Der parteilose Ökonom soll Griechenlands Regierung bis zu den kommenden Wahlen führen. . Dennoch ist unklar, ob er genug Kraft und Geschick besitzt, die Koalition aus zwei bislang regelrecht verfeindeten Parteien zusammenzuhalten. Ihm wurde durch das tagelange heillose Durcheinander ein ordentlicher Start als Ministerpräsident gründlich verhagelt.

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Nun mitverantwortlich: Antonis Samaras.

(Foto: dpa)

Vor Papademos und seiner Mannschaft liegt ein großer Berg unerledigter Probleme. Die Sparbeschlüsse müssen in Gesetze gefasst und durchs Parlament gebracht werden. Die Erstellung des Haushalts für 2012 ist nötig - natürlich mit dem Rotstift als wichtigstem Arbeitsmittel. Ein neues Steuersystem und die geplanten Privatisierungen müssen verwirklicht werden. Das in Brüssel geschnürte Hilfspaket mit dem vereinbarten Schuldenschnitt wartet auf seine Anerkennung durch Athen. Das sind wahre Herkulesaufgaben. Und die Hiobsbotschaften reißen nicht ab: 2012 und 2013 steigt der Schuldenstand Griechenlands weiter - auf fast 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dazu befindet sich das Land in einer fürchterlichen Rezession.

wird sehr lang und schmerzhaft sein. Vielleicht dauert der Prozess genau so lange wie Odysseus' Irrfahrt, vielleicht auch so lange wie Irrfahrt und Schlacht um Troja zusammen. Die Griechen, die bald wieder an die Wahlurnen gerufen werden, sind jedenfalls nicht zu beneiden.

Quelle: ntv.de

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