Das große SchleimenSelbst ein erfolgreicher Nato-Gipfel hat üble Kollateralschäden
Ein Kommentar von Hubertus Volmer
Mit exzessiver Schleimerei versuchen die Europäer, den Nato-Gipfel in Ankara zu einem Erfolg zu machen. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist hoch: ihre eigene Glaubwürdigkeit, möglicherweise aber auch die Akzeptanz der Nato insgesamt.
Die Schleimspur könnte kaum breiter sein. In Vorbereitung des Nato-Gipfels, der heute und morgen in Ankara stattfindet, kam Nato-Generalsekretär Mark Rutte ins Weiße Haus und zeigte dort mehrere Grafiken. Eine trug die Überschrift: "The Trump Trillion", die Trump-Billion.
Gemeint war, dass die Nato-Länder auf Druck des großartigen US-Präsidenten ihre Verteidigungsausgaben massiv gesteigert haben, im vergangenen Jahr auf insgesamt 1,63 Billionen Dollar.
Grund dafür sei die Bedrohung durch Russland, erläuterte Rutte. Er sei zugleich "absolut davon überzeugt", dass Donald Trump dafür gesorgt habe. Dieser habe erreicht, was niemand seit Dwight Eisenhower - US-Präsident von 1953 bis 1961 - geschafft habe: dass die Europäer ihre Verteidigungsausgaben auf die Höhe jener der USA bringen. Rutte hatte die Überschriften seiner Schaubilder eigens goldfarben drucken lassen. Das passt auch besser zur Innenausstattung des Oval Office. Zum dortigen Insassen ohnehin.
Die USA werden gebraucht
Niemand schleimt Trump so würdelos voll wie Rutte. Das Trikot, das Bundeskanzler Friedrich Merz dem US-Präsidenten beim G7-Gipfel schenkte, war dagegen harmlos.
Klar: Rutte geht es darum, Trump und die USA im Bündnis zu halten. Auch für die Ukraine werden die USA weiterhin gebraucht: als Vermittler, als Waffenverkäufer und als Unterstützer mit Geheimdienst-Daten. Wenn der Gipfel in Ankara diesen Status quo am Leben hält, werden die Europäer ihn als Erfolg feiern.
Trotzdem: Das Schauspiel, das notwendig ist, um dieses Ziel zu erreichen, ist abstoßend. Rutte und die Chefs der europäischen Nato-Staaten zahlen einen hohen Preis dafür. Je stärker sie Trumps Ego streicheln, umso stärker wächst die Verachtung in der europäischen Bevölkerung - nicht nur für ihre Staats- und Regierungschefs, auch für die Nato.
Exzessive Schleimerei schadet der Akzeptanz
Es mag sein, dass dieser Kollateralschaden sich nicht vermeiden lässt. Denn Trump ist sauer auf die Europäer: In seiner Wahrnehmung haben sie ihn im Iran-Krieg "im Stich gelassen". Deshalb – nicht, weil die Zahlen es hergäben - nennt er die deutschen Militärausgaben lächerlich, schimpft er auf den britischen Premier Keir Starmer und überwirft sich mit der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni.
Doch man sollte die Folgen des Kollateralschadens nicht unterschätzen. Die hohen Verteidigungsausgaben sind richtig, hier hat Rutte recht: Russland stellt für Europa eine massive Bedrohung dar. Aber möglich ist die notwendige Aufrüstung nur, wenn es dafür Mehrheiten in den europäischen Nato-Staaten gibt. Diese Akzeptanz droht beim Nato-Gipfel in Ankara unter die Räder zu geraten, wenn die Europäer sich einem Mann unterwerfen, dessen mentale Instabilität nur mit exzessiver Schleimerei ins Lot gebracht werden kann.