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Carla Reemtsma zum Klimastreik "Warum wir trotz Corona demonstrieren"

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Carla Reemtsma (hier ganz rechts im Bild auf einer Demonstration am 15. März 2019 in Berlin) ist Mitorganisatorin der Schulstreiks in Deutschland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Pandemie hat das Klima als zentrales Thema für Politik und Medien verdrängt. Auch deshalb streiken Fridays for Future heute wieder. Doch die Entscheidung war die wohl am heißesten diskutierte zu einem Klimastreik bisher, schreibt die Fridays-for-Future-Aktivistin Carla Reemtsma.

Wenn wir an diesem Freitag fürs Klima streiken, wird vieles anders sein als gewohnt. Wo sich bei den vergangenen Protesten Menschenmassen vor den Bühnen drängten, um den Worten der Redner*innen bei den Abschlusskundgebungen zuzuhören, herrscht heute Abstandsgebot und Maskenpflicht. Die Bilder der Proteste werden an diesem Freitag im September anders aussehen als die Fotos, die die Titelseiten an den bisherigen Protesttagen illustrierten. Die Corona-Pandemie geht auch an Fridays for Future nicht vorbei - eine Bewegung, die es sich zur Hauptaufgabe gemacht hat, die gesellschaftlichen Mehrheiten für Klimaschutz mit Massenprotesten unübersehbar und unüberhörbar zu machen.

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Klimastreik im Regen. Die Kundgebungen, wie hier am Brandenburger Tor, fingen um 12 Uhr an.

(Foto: imago images/Christian Spicker)

Wir werden oft gefragt, warum wir uns entschieden haben, mitten in einer weltweiten Pandemie zum globalen Klimastreik aufzurufen, und ob es nicht hart sei, jetzt, wo doch Klima so in den Hintergrund gerückt sei.

Die Entscheidung zum heutigen Klimastreik war keine leichte, die wohl am heißesten diskutierte zu einem Klimastreik bisher. Noch im April hatten wir weltweit die Aktionen abgesagt, um Verantwortung zu übernehmen und potenzielle Infektionen auf unseren Streiks zu verhindern. Mit dem Verlauf der Pandemie wurde klar, dass die klassischen Freitagsproteste auf absehbare Zeit nicht möglich sein würden. Gleichzeitig wartet die Klimakrise nicht bis zur Entwicklung eines Impfstoffs; das erklären nicht nur Klimawissenschaftler*innen, das zeigen uns auch die immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen. Die Brände an der US-amerikanischen Westküste, in Sibirien, Australien und im Amazonas, die Überschwemmungen in Indien und im Niger - die klimabedingte Zerstörung der Lebensgrundlagen von Hunderttausenden Menschen wirkt wie ein letzter Aufruf des Planeten zum Klimastreik.

In der Pandemie bedeutet Verantwortung übernehmen, Infektionsketten zu vermeiden. In der Demokratie bedeutet Verantwortung übernehmen aber auch, auf politische Missstände aufmerksam zu machen. Mit Abstand, Masken und auf die lokalen Bedingungen angepassten Hygienekonzepten tragen wir den Klimaprotest daher an diesem Freitag wieder in Tausende Orte weltweit und in mehr als 450 Orten in Deutschland auf die Straße.

Die Proteste der vergangenen Jahre haben das Thema Klima in die Mitte der Gesellschaft gerückt, sodass kein*e Politiker*in, kein Unternehmen sich der Auseinandersetzung damit mehr entziehen kann. Wahlprogramme und Werbeplakate schmücken sich mit ambitioniert klingenden Aussagen zum Klima. Die Pandemie hat währenddessen das Klima von den Tagesordnungen der Parlamente und Titelseiten der Zeitungen verdrängt. Dass es dort dringend wieder hingehört, zeigen die Brände, Fluten und Dürren mit ihren apokalyptischen Bildern eindringlich. Die Diskussion über Reduktionsziele und Ausstiegspfade ist dabei oft abstrakt, die Rolle einzelner Maßnahmen und Gesetze kaum nachzuvollziehen.

Dabei ist die Logik der Klimakrise so einfach wie fatal. Die Emissionen, die bei einem Großteil der Aktivitäten entstehen, auf denen unsere aktuelle Wirtschaft aufbaut, führen zu einem weltweiten Temperaturanstieg, dessen Folgen schon heute Menschen insbesondere im Globalen Süden tötet. Übersteigt dieser Temperaturanstieg die kritische 1,5-Grad-Grenze, nimmt die Wahrscheinlichkeit unzähliger Katastrophen noch mal stark zu. Jedes weitere Zehntelgrad ist schlussendlich die Entscheidung über die Lebensgrundlage Hunderttausender, wenn nicht Millionen Menschen.

Um aus diesem System auszubrechen, reicht es nicht, einfach nur keine klimaschädlichen Gesetze zu verabschieden. Der fossile Status quo unserer Gesellschaft ist schon zu zerstörerisch. Es reicht auch nicht, neue Gesetze klimafreundlich zu gestalten, solange bereits existierende Gesetze die Klimakrise anheizen. Um die katastrophalen Folgen der Klimakrise einzudämmen, müssen also alle bestehenden wie neu aufgebauten Strukturen so gestaltet werden, dass wir als Gesellschaft innerhalb der planetaren Grenzen bestehen können. Da viele der Auswirkungen unseres Handelns nicht umkehrbar sind, - ausgestorbene Tierarten werden nicht wiederkommen, ausgestoßenes CO2 kann nicht einfach wieder eingefangen werden - drängt die Zeit. Die Klimakrise wartet nicht. Deswegen können wir es auch nicht.

Quelle: ntv.de