Politik
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Montag, 09. November 2015

Ein menschliches Maß : Wie der Krebs Westerwelle veränderte

Von Solveig Bach

Guido Westerwelle ist wieder da. Er hat den Krebs erst einmal überlebt und schreibt ein für seine Verhältnisse sehr persönliches Buch. Das ist schön und doch irgendwie banal.

17 Monate sind vergangen, seit Guido Westerwelle seine Krebsdiagnose erhielt, 23, seit er aus allen politischen Ämtern schied. Was machen zwei Jahre und eine lebensbedrohliche Krankheit mit einem wie Westerwelle, der früher dafür bekannt war, auch mal grob zu formulieren? Nach der Vorstellung von Westerwelles Buch und seinem Auftritt bei Günther Jauch ist das politische Feuilleton gerührt von einem Geläuterten. Denn Westerwelle sagt plötzlich Sätze wie: "Das Leben kann sich von jetzt auf gleich ändern. Man wundert sich, wie schmal der Grat ist." Oder: "Das Leben besteht aus Augenblicken." Oder: "Der Mensch ist Mensch, weil er sich anderen zuwenden kann."

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Ist das noch der Westerwelle, der jahrelang auf FDP-Parteitagen keinen Stein auf dem anderen ließ? Der Westerwelle, der Journalisten maßregelte und nicht eher ruhte, bis er endlich "Außenminister" und "Vizekanzler" auf seine Visitenkarten drucken lassen konnte? Es ist natürlich der gleiche Guido Westerwelle und natürlich auch nicht. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss. Ein Mensch, der sich in seinem bisherigen Leben eher an ein Korsett aus einigen selbst gewählten Wahrheiten und Glaubenssätzen gehalten hat, ist durch eine existenzielle Erfahrung gegangen und daran gereift. Das ist schon vielen Menschen passiert und nun auch Guido Westerwelle.  

Im politischen Alltagsgeschäft war kein Raum für Westerwelle, darüber zu sprechen, was die Trennung der Eltern, der Schritt vom Gymnasium auf die Realschule, die Homosexualität und wahrscheinlich noch viele andere Aspekte seines persönlichen Lebens für ihn als Menschen bedeuten. Möglicherweise hat er darüber nachgedacht, aber das will auf den politischen Bühnen keiner hören. Was wäre gewesen, wenn Westerwelle als Außenminister und verwickelt in die schönsten Koalitionsgeplänkel gesagt hätte: "Ich habe mich gefragt, ob ich ein erfülltes Leben habe."

Ein Moment des Innehaltens

Menschen fragen sich das nicht immerzu, sie gehen zur Arbeit und schicken ihre Kinder zur Schule. Sie müssen noch die Rechnung vom Schornsteinfeger überweisen und entscheiden, was es zum Mittag geben soll, wenn Tante Hilde kommt. Dann ändert sich von heute auf morgen etwas: Vor der eigenen Haustür wird ein Radfahrer überfahren, eine Vorsorgeuntersuchung bringt ein komisches Ergebnis, das abgeklärt werden muss. Ein lieber Mensch stirbt. Und die Gewissheiten des eigenen Lebens stehen plötzlich infrage.

Auch Westerwelle hat Bronnie Wares "Fünf Dinge, die Sterbende bereuen" gelesen. Er hat es bei Jauch erzählt und für sich selbst festgestellt, dass auch er zu viel gearbeitet hat. Dass er die Beziehung zu seinem Mann Michael Mronz, zu seiner Familie und den Freunden zu oft für selbstverständlich genommen hat. Das, was halt jeder merkt, der einen Moment lang die Angst spürt, die aufkommt, wenn das jetzt alles gewesen wäre.

Man kann nicht jeden Tag leben, als wäre es der letzte. Auch Westerwelle wird das nicht. Die Aufregung um die vorläufig überwundene Krebserkrankung wird sich legen und niemand will wissen, welche "Lebenslehren" ein SPD-Vorsitzender oder eine Verteidigungsministerin gerade so ziehen, es sei denn, es geht mit einer spektakulären Krankheit oder Nachricht einher. Aber es ist schön zu sehen, dass es manchmal lohnt, innezuhalten. Oder wie es Westerwelles behandelnder Arzt Michael Hallek bei Jauch gesagt hat: Seine Patienten änderten sich nicht grundsätzlich. Sie veränderten aber ihre Wahrnehmung und ordneten ihre Prioritäten neu. "Der Mensch wird sich seiner wahren Größe bewusst."

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Quelle: n-tv.de