Person der Woche

Person der Woche Carsten Meyer-Heder - Soft-Rocker der CDU

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Noch nie hat die CDU in Bremen den Regierungschef gestellt. Doch diesmal könnte es klappen. Denn ihr Spitzenkandidat ist ein sympathischer IT-Unternehmer, pragmatischer Querkopf und völliger Neuling in der Politik. Gerade das hilft ihm im verfilzten Bremen.

"Carsten Egal", witzelten alte Sozialdemokraten als der neue CDU-Spitzenkandidat gewählt war. Wer in Bremen für die Union antrat, schien so egal wie sporadischer Nieselregen. Denn der Stadtstaat ist seit 1946 das hellste Sonnenplätzchen der SPD in Deutschland. Henning Scherf, Klaus Wedemeier und Jens Böhrnsen regierten hier zehn Jahre lang, Wilhelm Kaisen und Hans Koschnick brachten es auf jeweils 20 Jahre. Mehr als sieben Jahrzehnte durchgängige SPD-Herrschaft, die CDU war hier tatsächlich egal.

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Carsten Meyer-Heder kommt als Quereinsteiger in die Politik. Das ist womöglich sein entscheidender Vorteil.

(Foto: picture alliance / Carmen Jasper)

Nun aber geschieht etwas Wundersames. In Umfragen zur Bürgerschaftswahl am 26. Mai schiebt sich die CDU doch tatsächlich vor die SPD. Für altgediente Sozialdemokraten im Bremer Senat fühlt sich das an als würde die Weser plötzlich austrocknen.

Der Aufstieg der CDU hat jede Menge mit Carsten Egal zu tun. Denn der Mann heißt tatsächlich Carsten Meyer-Heder und ist die große Überraschung im ansonsten langweiligen Wahlkampf Bremens. Denn Meyer-Heder ist so ganz und gar nicht wie man sich einen CDU-Politiker vorstellt (Krawatten kennt er gar nicht), er ist überhaupt nicht wie irgendein Partei-Politiker, doch gerade das macht ihn für die Bremer, deren Politik von vielen als verfilzt und parteiknöchern wahrgenommen wird, interessant.

Der Zwei-Meter-Mann Carsten Meyer-Heder ist ein krasser Quereinsteiger in die Politik. Ein Selfmade-IT-Unternehmer, der weder Parteimitglied war noch je Plakate geklebt hat, und der über Parteitage noch staunen kann, "wie das so läuft". Meyer-Heder wirkt wie eine heitere Mischung aus Wrestler und Shanty-Chor-Sänger, er redet ungeschliffen, bricht manchmal Sätze ab, steht zu Wissenslücken und denkt völlig unideologisch. Er redet über die SPD nicht schlecht, findet Robert Habeck von den Grünen gut und hinterfragt mit einer entwaffnend offenen Art das schablonenhafte Politsprech der Konkurrenz. Gerade weil er als Polit-Neuling unbelastet antritt, trauen ihm immer mehr Bremer zu, den Filz von 70 Jahren tatsächlich irgendwie zu überwinden.

Meyer-Heder froh über AKK

Erst 2017 war der Unternehmer mit einem verblüffenden Angebot bei der Bremer CDU aufgetaucht: "Ich will den Wechsel, wie kann ich helfen?" Die CDU war ebenso erfreut wie fasziniert von dem Außenseiter und wählte ihn kurzerhand - mit allen klassischen Lösungen hatte man ja bereits Schiffbruch erlitten - zum Spitzenkandidaten. Parteimitglied ist er mittlerweile immerhin geworden.

Dabei passt er in kaum ein CDU-Klischee. Er ist Studienabbrecher, Zivildienstleistender, konfessionslos, hat drei Kinder mit zwei Frauen und ist mit einer dritten verheiratet, die eine Tochter mit in die Ehe gebracht hat - "wildes Patchwork", beschriebt das der 57-Jährige. Seine Karriere ist genauso CDU-untypisch, patchworkhaft verlaufen. Wirtschaftswissenschaften hat er nur sporadisch studiert: "Ich war nur eingeschrieben, habe vier Scheine in sechs Jahren abgeliefert, dafür viel Musik gemacht, Schlagzeug gespielt, in der WG gelebt und bin erst einmal aus der bürgerlichen Welt meiner Eltern ausgebrochen." Er überlebte eine Krebserkrankung und stieg in die IT-Branche ein. Softwareentwicklung wurde seine große Sache.

In den 1990er Jahren gründete er die erste der heute 22 Firmen der Bremer Unternehmensgruppe "team neusta" - mit mittlerweile tausend Beschäftigten und Kunden wie VW und Werder Bremen ein Vorzeige-Startup des modernen Bremen. Der Gesamtumsatz liegt bei rund 170 Millionen Euro im Jahr. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer sagt über ihn: "Vergessen Sie alle Schubladen. Meyer-Heder passt in keine." "Schräge Vita", findet Meyer-Heder sein eigenes Leben. Aber das Schräge ist ja gerade seine Stärke in der allzu gerade gezogenen Parteienpolitik der Hansestadt.

Ein Trumpf in seinem Wahlkampf ist das pragmatische Macher-Image. Meyer-Heder war "Bremer Unternehmer 2014" und gilt als zupackend. Sein Blick auf politische Probleme ist immer lösungsorientiert als ginge es jeweils um ein besseres Update, das man sich doch gönnen sollte. Sein Wahlsieg freilich wäre mehr als ein Update für Bremen, es wäre eine historische Sensation. Doch mittlerweile ist die denkbar. Denn Meyer-Heder strebt offen eine Jamaika-Koalition mit Grünen und FDP an. Er ist darum froh, dass Kramp-Karrenbauer und nicht Friedrich Merz die Partei führt. "Merz hätte so stark polarisiert, dass die CDU für viele in Bremen nicht wählbar gewesen wäre." Nun aber gebe es alle Chancen.

Mehr Manager als Bürgermeister

Nach klassischen politischen Kategorien wirkt er zuweilen ungelenk, bei manchen Themen auch nicht wirklich sattelfest. Doch je offener er über seine Wissenslücken spricht, desto mehr steigt seine Glaubwürdigkeit nur. Er konzentriert sich auf seine Themen: Bildung, Digitalisierung, Verkehr, Wirtschaft. Kein einziger Straßenbahnkilometer sei seit 2007 in Bremen gebaut worden. Darum habe er die Idee mit der Seilbahn entwickelt. Über Bremen werde in der Republik zu schlecht geredet, das müsse sich ändern. "Bei uns regnet es in die Schulen rein. Das muss aufhören."

Meyer-Heder ist keiner, der Hegel, die katholische Soziallehre oder die Abtreibungsethik der Bundes-CDU zitieren könnte. Er erzählt lieber von persönlichen Erfahrungen. Seine elfjährige Tochter habe das Down-Syndrom. Er habe sich vor ihrer Geburt ein Kind mit dieser Einschränkung nicht zugetraut. "Ich hätte mich für eine Abtreibung entschieden, heute bin ich unendlich dankbar, dass sich die Mutter dagegen gestemmt hat. Jede Minute bin ich dankbar."

Würde er Bürgermeister, dann will er erst einmal in den Konzernzentralen von Mercedes und Airbus in Stuttgart und Toulouse anrufen und fragen, was sie an ihren Standorten in Bremen bräuchten. Er verstünde sich als Manager. Klingt eigenartig, könnte aber klappen. Sie sollten ihn in den Konzernzentralen jedenfalls nicht als Carsten Egal überhören. Den Fehler hat die SPD bereits gemacht. Er heißt Carsten Meyer-Heder.

Quelle: n-tv.de

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