Hessen"Das war hart für uns" – wie Runkel das Unglück verarbeitet

Nach dem verheerenden Arbeitsunfall in Runkel berichten Feuerwehrleute und Seelsorger von dem belastenden Einsatz, von menschlicher Nähe – und von Momenten, die sie nicht vergessen werden.
Runkel (dpa/lhe) - Der Tag des tödlichen Unglücks in Runkel steckt Marcel Müller noch in den Knochen. Mit einem Arm und unter Aufbietung sämtlicher Kräfte hat der Feuerwehrmann eines der fünf Opfer aus einer Grube auf dem Gelände der Lederfabrik gezogen. Rein körperlich sind ihm davon Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich geblieben. Doch der Einsatz hat ihn und seine Kameraden auch psychisch ans Limit gebracht. "Das war hart für uns", fasst Müller die Geschehnisse mit knappen Worten zusammen.
Seit seinem zehnten Lebensjahr ist der heute 35-Jährige Feuerwehrmann mit Leib und Seele. Menschen helfen - das sei sein Job und sein Hobby zugleich, sagt er. Er habe schon viel gesehen und erlebt im Einsatz - aber noch kein solches Unglück wie das an der Gerberei am 16. April, das fünf Menschen das Leben kostete.
Als der Notruf an jenem Nachmittag eingeht, hat Müller schon einen ganzen Arbeitstag hinter sich - und trotzdem ist er wie häufig einer der Ersten am Einsatzort. Der Forstwirt arbeitet bei der Stadt, bekommt deshalb Alarmierungen frühzeitig mit. Mit Atemschutz und Schutzkleidung steigt er in die enge Grube auf dem Gelände des Betriebs, die Öffnung ist kaum größer als zwei Gullydeckel, alles muss sehr schnell gehen. "Das ist wie so ein Tunnelblick", sagt Müller, "und dann guckst du, wer die meisten Chancen hat. Den holst du als Erstes raus."
Drei Männer sterben vor Ort, zwei im Krankenhaus
Schnell aber wird klar: Für drei der fünf Männer kommt jede Hilfe zu spät - sie sterben noch vor Ort, die beiden anderen Tage später im Krankenhaus. Auch ein Feuerwehr-Kamerad ist unter den Toten, er hatte bei dem schon 200 Jahre alten Betrieb gearbeitet. Noch kurz zuvor hatte der Mann mit ihm über die Kirmes gesprochen und sich als Helfer angeboten, erzählt Müller. Stattdessen habe er nun eine Trauerrede für seine Beerdigung schreiben müssen.
Hauptursache für den Tod der Männer war eine Schwefelwasserstoff-Vergiftung - wie genau es dazu kam, ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft. "Zwei Atemzüge reichen, um ohnmächtig zu werden", sagt Müller. Er selbst hat zum Glück keine Gesundheitsschäden durch das stechend nach faulen Eiern riechende Gas davongetragen - aber den Moment, in dem er seine Maske absetzte und den Brechreiz erregenden Gestank an seiner Kleidung wahrnahm, vergisst er nicht.
Das Unglück zeigt, wie sehr auch die ehrenamtlichen Helfer selbst bei solchen Einsätzen immer wieder in Gefahr geraten und an ihre Grenzen gehen - noch in der Nacht müssen sie alle Dekontaminationen durchlaufen und sich im Krankenhaus medizinisch durchchecken lassen.
Notfallseelsorgerinnen: Wärme, Schutz und Stabilität geben
Dort treffen sie auch auf Grit Rodestock und eine weitere ehrenamtliche Helferin der Notfallseelsorge Limburg-Weilburg, die neben Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern die Menschen in der Klinik in Empfang nimmt. "Wir fahren immer im Team, das ist immer wichtig", sagt Rodestock. Wenn Menschen sehr emotional berührt sind von einem Ereignis, könne man sich so gegenseitig unterstützen.
Genau im Blick haben, wer Hilfe braucht und wer einen Moment für sich bleiben will, Gespräche führen, das habe zu ihren Aufgaben an jenem Abend gehört, sagt Rodestock. Ihre Mitstreiterin Sabine Birk kümmerte sich derweil um Angehörige der Unglücksopfer direkt am Betrieb. In einem Zelt seien sie versorgt worden, auch mit Essen und Getränken. "Und ja, man hat eben dann mitgehofft, gebangt und eben auch den Moment dann ausgehalten, als dann die erste Todesnachricht kam", sagt Birk.
Die pensionierte Lehrerin weiß, dass in solchen Momenten vor allem zählt, da zu sein. Menschliche Wärme, Schutz und Stabilität wolle man geben und damit Betroffenen in akuten Situationen eine Stütze sein. Oft gehe es darum, Stille auszuhalten, auch zu schweigen. "Manchmal fragt man sich dann, warum bin ich da? Aber genau nach dieser halben Stunde, wo man vielleicht geschwiegen hat, fangen die Betroffen an zu sprechen, und man hört ihnen zu, und dann kann man sie da auch wieder so ein bisschen auffangen", sagt Rodestock.
Handy-Akkus und was sonst wichtig ist
Manchmal können es aber auch ganz alltägliche und praktische Dinge sein: So benötigten in jener Nacht viele der Helfer Strom für ihre Handy-Akkus, die während der langen Einsatzdauer schlapp gemacht hatten - um sich bei ihren Familien zu melden. Die Notfallseelsorgerinnen besorgten Ladegeräte - eine wirklich hilfreiche Maßnahme, wie Müller sagt. Auch seine Familie mache sich immer Gedanken, wenn er zu einem längeren Einsatz unterwegs ist. Wenn man dann Rückmeldung geben könne, dass alles in Ordnung ist, seien alle beruhigt.
Der Runkeler Bürgermeisterin Antje Hachmann (parteiunabhängig) hat neben aller Tragik beeindruckt, wie die Beteiligten Hand in Hand arbeiteten - von Feuerwehr und Rettungskräften über die Notfallseelsorge bis hin zum evangelischen Pfarrer Christian Grän. Er wollte an jenem Tag eigentlich die Planungen für die Aktion "Einfach heiraten" besprechen - ein Angebot für spontane Eheschließungen an der Lahn in Runkel - ließ dann aber alles stehen und liegen und eilte zu den Einsatzkräften.
Die schlimmen Ereignisse hätten die Menschen auch einander nähergebracht, sagt Hachmann. Zugleich sei klar geworden, wo Notfallpläne überarbeitet und Kommunikationswege noch verbessert werden müssten. Auch Marcel Müller blickt nach vorn. Ihm habe gutgetan, sich nach dem Einsatz alles von der Seele zu reden - mit den Kameraden beim "Einsatzgetränk", mit seiner Familie und mit der Bürgermeisterin, mit der er per Du ist. Auch die Arbeit helfe, wieder zurück in den Alltag zu finden, sagt Müller. "Es muss ja auch weitergehen."