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HessenHanaus Weichensteller verabschiedet sich

04.09.2026, 04:03 Uhr
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(Foto: Helmut Fricke/dpa)

Mit der Vespa nach Italien und der Dauerkarte zur Eintracht – Claus Kaminsky freut sich auf Freiheit im Ruhestand. Gefeiert wird bereits am Samstag. Was bleibt, wenn Hessens dienstältester OB geht?

Hanau (dpa/lhe) - Am 30. September ist Schluss. Nach mehr als zwei Jahrzehnten an der Spitze der Stadt wird Claus Kaminsky (SPD) als Oberbürgermeister von Hanau in den Ruhestand gehen. Auf der anderen Seite: Mit 66 Jahren, so sang schon Udo Jürgens, ist noch lange nicht Schluss - da ist man noch in Schuss. Und so ist sich der 66 Jahre alte Bald-Ruheständler sicher, dass er nach dem Abschied aus dem Hanauer Rathaus nicht ein Loch fallen wird.

Mehr Zeit für Familie und Freunde, fürs Kochen, für Gartenarbeit, fürs Radeln und historische Biografien - die Liste des künftigen Pensionärs ist damit nicht zu Ende. Denn da gibt es noch die Eintracht Frankfurt, seinen Herzensverein, für deren Heimspiele er nun eine Dauerkarte hat. Und da ist der Jugendtraum, den er sich erfüllen will: Mit einer 125er-Vespa durch die Gegend fahren. Bis nach Italien, wenn möglich, verrät Hessens dienstältester OB.

"Bleib, wie Du bist, und sei authentisch"

"Langeweile gilt nicht, aber Hängematte auch nicht", betont Kaminsky. Es ist die große, kleine Freiheit, auf die er sich freut: keine Fremdbestimmung mehr durch den Terminkalender. Und das Abstreifen von Verantwortung. Die übergibt er nun Maximilian Bieri, 35 Jahre jung, gewählter OB und Sozialdemokrat wie er. Was Kaminsky die Übergabe etwas leichter machen dürfte. Wenn er seinem Nachfolger nur einen einzigen Satz mit auf den Weg geben dürfte, wäre das: "Bleib, wie Du bist, und sei authentisch."

Authentisch war und ist zweifellos auch Kaminsky. Ohne Allüren, nahbar, stadtväterlich und mit ungekünstelter Sprache: All das nahmen und nehmen ihm die Hanauerinnen und Hanauer ab. Aber er konnte auch staatsmännisch sein und beherrschte die leisen Töne, wenn es darauf ankam. So etwa nach dem rassistischen Anschlag vom 19. Februar 2020.

"Kurzer Herzstillstand" wegen Abzugs der US-Truppen

Kaminsky hat das heutige Hanau geprägt wie vermutlich keiner seiner Vorgänger seit dem Zweiten Weltkrieg. Da war zum einen der Abzug der US-Truppen bald nach seinem Amtsantritt. Nach einem "kurzen Herzstillstand", so erinnert sich Kaminsky, war ihm bald klar: In Hanau, einst mit 25.000 Soldaten und Familienangehörigen eine der größten Garnisonsstädte der Amerikaner in Europa, werden 340 Hektar frei. "Eine Riesenschance", stellte er nach dem ersten Schock fest. Heute gilt Hanau als Paradebeispiel für eine gelungene Konversion.

Auch die Innenstadt wurde zum Großprojekt. Statt dem schleichenden Bedeutungsverlust klassischer Einkaufsstraßen nur zuzusehen, setzte die Stadt auf neue Nutzungen. Der Freiheitsplatz, einst ein unansehnlicher Riesenparkplatz im Herzen der Stadt, ist heute nicht mehr wiederzuerkennen: Das Kulturforum mit der Stadtbibliothek und das Forum Hanau mit seinen Läden sorgen für eine belebte Innenstadt. Aus dem ehemaligen Kaufhof wurde das Shopping- und Freizeitzentrum Stadthof.

Der "HUxit" als politisches Vermächtnis

Doch es ist eine andere Entwicklung, die Kaminsky als seinen größten politischen Erfolg wertet: die Kreisfreiheit seiner Stadt. Über Jahre kämpfte Hanau unter seiner Führung dafür, dass die "kleinste Großstadt Hessens" den Main-Kinzig-Kreis verlässt. Anfang dieses Jahres war es so weit: Der "HUxit" - in Anlehnung an das Hanauer Autokennzeichen HU - war vollzogen.

Hanau erlangte als erste Stadt in Hessen seit dem Zweiten Weltkrieg die Kreisfreiheit. Das hat für Kaminsky viel mit kommunalem Selbstbewusstsein zu tun: Hanau soll über seine Angelegenheiten weitestmöglich selbst entscheiden können und als wirtschaftlich bedeutende Stadt im Rhein-Main-Gebiet stärker wahrgenommen werden.

Und was war sein größter politischer Fehler? Er habe sicherlich nicht jeden Tag immer alles richtig gemacht, räumt Kaminsky ein. "Aber einen großen Irrtum, der die Stadt in eine falsche Richtung geführt hätte, kann ich nicht erkennen."

"Der schrecklichste Tag Hanaus in Friedenszeiten"

Keine andere Erfahrung hat Kaminskys Amtszeit so tief erschüttert wie der rassistische Anschlag vom 19. Februar 2020. Neun Menschen wurden aus rassistischen Motiven ermordet, anschließend tötete der Täter seine Mutter und sich selbst. "Der schecklichste Tag Hanaus in Friedenszeiten", wie Kaminsky immer wieder erklärt.

Der OB wurde zum Gesicht einer Stadt, die trauerte, Antworten suchte und mit den Folgen der Tat umgehen musste. "Das war dramatisch und bewegt mich bis heute", sagt Kaminsky. Er trat für die Angehörigen ein und verband Gedenkveranstaltungen immer wieder mit deutlichen Worten gegen Rassismus, Hass und Menschenfeindlichkeit. Teile der Opferfamilien kritisieren bis heute den Umgang von Stadt, Land, Polizei und anderen Behörden mit der Tat und ihren Folgen.

Was bleibt?

Wenn Claus Kaminsky am 30. September 2026 sein Büro im Rathaus endgültig verlässt, wird Hanau nicht dieselbe Stadt sein wie bei seinem Amtsantritt 2003. Die ehemaligen Militärflächen werden neu genutzt, die Innenstadt hat sich verändert und Hanau ist kreisfrei. Finanziell steht Hanau vergleichsweise gut da. Die Erinnerung an den 19. Februar und die Debatte über Verantwortung werden Hanau und seine Politik weiter beschäftigen. Und sicherlich auch Themen sein, die bei der offiziellen Abschiedsfeier für Kaminsky an diesem Samstag zur Sprache kommen.

Ungebetene politische Ratschläge will er als Pensionär nicht geben. Und auch keine Leserbriefe schreiben, verspricht Kaminsky. Sollte er aber die Demokratie in Gefahr sehen, dann will er aktiv werden - wenn es sein muss auch "mit Rollator und Gehstock".

Quelle: dpa

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