Hessen"Heute sollen sie bedient werden" - Essen für Bedürftige

Im Kasseler Rathaus gab es für Bedürftige ein warmes Essen – und spürbare Wertschätzung. Eingeladen hatte der Ex-Obdachlose und Autor Richard Brox.
Kassel (dpa/lhe) - Schon weit vor 11.00 Uhr stehen Dutzende Menschen vor der Tür des Bürgersaals im Kasseler Rathaus Schlange. Dahinter warten eine warme Mahlzeit und gut 50 ehrenamtliche Helfer. Literaturpreisträger Richard Brox hat Obdachlose und Armutsbetroffene zum Essen ins Rathaus eingeladen - gemeinsam mit dem Kasseler Pakt gegen Armut, einer gemeinsamen Initiative der Stadtverwaltung Kassel und der Zivilgesellschaft, die sich gegen die Folgen von Armut in der Region einsetzt.
"Die Menschen sollen sich hier heute fühlen wie Gott in Frankreich", sagt Brox. Der 62-Jährige hatte selbst 30 Jahre lang keinen festen Wohnsitz, kennt Armut und Hunger. Mittlerweile ist der gebürtige Mannheimer erfolgreicher Buchautor und schreibt über sein einstiges Leben auf der Straße.
Das Essen geht auf eine Initiative des Wahlkölners zurück. Über 20 solcher Armenspeisungen, wie er sie nennt, hat er nach eigenen Angaben bereits organisiert - auf Spendenbasis. In Kassel ist es seine zweite Veranstaltung, die erste im Rathaus.
Menschen sollen sich um nichts kümmern müssen
Mit im Boot ist diesmal die Stadt, der Kasseler Bio-Caterer Biond sowie freiwillige Helfer aus Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft. Sie teilen das Essen an den langen mit Blumen dekorierten Tischen aus. "Die Menschen sollen heute bedient werden und nicht Schlange stehen müssen. Sie sollen sich mal um nichts kümmern müssen", sagt Brox. Die Gäste sollten Respekt und Wertschätzung erfahren.
Susanne genießt das sehr. Die 58-Jährige sitzt im Rollstuhl, berichtet von Gewalterfahrungen in ihrer letzten Beziehung und von knappen finanziellen Mitteln. "Das ist ein schöner Moment, wo ich bei all meinen Problemen auch mal wieder was für mich tun kann", sagt sie unter Tränen. Sie sei sehr dankbar für die Aktion. "Ich finde das auch super und genieße es", sagt ihre Bekannte Jolien (66). "Aber ich finde es schade, dass es das nur einmal im Jahr gibt."
Gesundheitliche Probleme und Geldmangel
Wertgeschätzt fühlt sich auch der 43-jährige Alexander. Er sei Frührentner aus gesundheitlichen Gründen. Da sei das Geld knapp. Er freue sich über die kostenfreie Mahlzeit, sagt er, während ihm eine Helferin Nachschlag bringt. So geht es auch Helena. Sie leide seit vielen Jahren an Krebs, stecke auch gerade wieder mitten in der Chemotherapie. "Ich darf nicht arbeiten, das Geld ist knapp", berichtet die 58-Jährige.
"Mit gut 600 Euro Rente kommt man nicht allzu weit", sagt auch der 66-jährige Uwe. "Das Essen hier ist ganz wunderbar. Das ist eine ganz tolle Veranstaltung." Für Rentner werde sonst nicht viel getan, meint der frühere Handwerksmeister. Er würde daher gerne einen Verein gründen mit Rentnern für Rentner, die sich gegenseitig helfen könnten. "Der eine kann handwerklich helfen, etwa die Wohnung streichen, der andere kann dafür seine Steuererklärung machen, so in etwa."
Schoeller: "Wollen für alle da sein in dieser Stadt"
Brox kennt Kassel gut, hat in der nordhessischen Stadt viele Jahre auf der Straße gelebt. "Kassel war für mich immer eine der sozial freundlichsten Städte in Deutschland", sagt der Autor des Bestsellers "Kein Dach über dem Leben - Biografie eines Obdachlosen". Er habe dort immer Hilfe gefunden.
Das verspricht auch Kassels Oberbürgermeister und Schirmherr des Essens, Sven Schoeller (Grüne). "Wir wollen für alle da sein in dieser Stadt", sagt er zum Auftakt der Veranstaltung. "Wir wollen niemanden zurücklassen. Dieses Rathaus gehört Ihnen genauso, wie es mir gehört."
Gut eineinhalb Stunden nach Beginn sind schon rund 250 Menschen gekommen. Der Strom reißt nicht ab, darunter zahlreiche ältere Menschen, aber auch junge Familien mit Kindern. Die Helfer organisieren weitere Tische und Stühle, verlängern die Tafeln. "Wir rechnen bis zum Ende der Veranstaltung mit rund 500 Personen", sagt Brox.
Gutes tun, das direkt ankommt
Er sei überglücklich, wie satt und glücklich die Menschen seien. "Wir können unsere Demokratie nur erhalten, wenn wir respektvoll miteinander umgehen", ist er überzeugt. Er plant daher weitere Essen für Bedürftige, Ende Oktober etwa erneut in seiner Geburtsstadt Mannheim.
An der Essensausgabe sorgen derweil unter anderem Anika Breidenstein (36) und Lissa Dirksen (38) für stetigen Nachschub an Kartoffelcremesuppe und Geschnetzeltem - mit Putenfleisch oder vegetarisch. "Wir arbeiten beide selbst im Sozialamt und wollten das Engagement unterstützen", sagt Breidenstein. "Es ist schön, was Gutes zu tun, das auch direkt ankommt."
"Es ist für uns auch eine Ehre, hier zu helfen", sagt Steffi Winterstein vom Caterer Biond. "Das sollten wir als Gesellschaft öfter machen. Und nicht immer nur an uns selbst denken und auf hohem Niveau jammern", meint die 55 Jahre alte Prokuristin.