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HessenMehr Kinder in psychischen Krisen - Engpässe bei Behandlung

19.02.2026, 04:02 Uhr
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Lange Wartezeiten, wachsende Sorgen: Immer mehr Kinder und Jugendliche in Hessen sind psychisch belastet. Was Experten raten.

Riedstadt/Frankfurt/Büdingen (dpa/lhe) - Kriege und Krisen, Schulstress und Dauerfeuer durch soziale Netzwerke - viele Kinder und Jugendliche kämpfen auch in Hessen mit seelischen Belastungen. Doch was tun, wenn Gespräche mit Eltern und Freunden nicht ausreichen und der Druck überhandnimmt? Beratungsmöglichkeiten für die jungen Menschen und ihre Eltern gibt es viele, doch genau die passenden zu finden, kann eine Herausforderung sein, und die Wartezeiten vor allem auf therapeutische Angebote sind oft lang.

Welchen Bedarf gibt es in Hessen?

"Wir sehen seit einigen Jahren eine Zunahme psychischer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen", erklärt der Vorsitzende der Konzerngeschäftsführung des Gesundheitsdienstleisters Vitos, Reinhard Belling. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben der hessenweit größte Anbieter für die Behandlung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher. Die Zahl der stationär behandelten jungen Patienten habe sich von 2.700 vor zehn Jahren auf 3.500 im vergangenen Jahr erhöht.

Wie ist die Versorgungssituation?

Kliniken und therapeutische Angebote finden sich vor allem in Ballungszentren, während das Netz in ländlicheren Regionen Hessens dünner ist. Sechs kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken mit angegliederten Ambulanzen und Tageskliniken unterhält Vitos, hinzu kommen drei weitere Kliniken in Frankfurt und Marburg sowie in Fulda.

Gemessen am deutlich gestiegenen Bedarf reichen diese Kapazitäten nicht aus, wie Annette Duve deutlich macht, Chefärztin der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit in Riedstadt. Etwa gut die Hälfte der Kinder und Jugendlichen kämen als Notfälle in akuten Krisen in die Klinik, so Duve. Solche Patientinnen und Patienten werden umgehend untersucht und bei Bedarf behandelt. Für andere Fälle gebe es häufig längere Wartezeiten, was auch das Risiko der Chronifizierung psychischer Beschwerden mit sich bringe.

Wie sieht es bei Therapeuten aus?

Nicht anders ist die Situation bei niedergelassenen Therapeuten, wie Else Döring, Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, sagt. Sie forderte eine eigene Bedarfsplanung für Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten. Vorgaben dafür mache der Gemeinsame Bundesausschuss aus Krankenhausgesellschaft, dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankversicherung sowie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Diese Vorgaben würden dem im Bundesland stark gestiegenen Bedarf nicht mehr gerecht. 551 Therapeutinnen und Therapeuten für Kinder und Jugendliche sind nach Dörings Angaben mittlerweile im Bundesland tätig. Dass der Bedarf deutlich größer ist, zeigten unzählige Anfragen und häufig lange Wartelisten bei vielen ihrer Kollegen.

Mit welchen Problemen kommen Kinder und Jugendliche in Kliniken?

Zugenommen haben Ängste, Depressionen und Essstörungen. Manche Kinder und Jugendliche verletzten sich oder hätten suizidale Gedanken, sagt Duve. Sorgen bereite auch, dass eine wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen nur unregelmäßig in die Schule gehe. Manche von ihnen versinken in den virtuellen Welten von sozialen Netzwerken wie Tiktok & Co., Computer- und Smartphone-Spiele und entwickeln dabei laut Duve teils unrealistische Lebenserwartungen - etwa dass pausenloses Zocken sie automatisch zu erfolgreichen Spieleentwicklern mache und sie deshalb kein weiteres Lernen in der Schule nötig hätten.

Welche Schwierigkeiten haben Eltern?

Dass viele Kinder und Jugendliche an den Folgen der die Corona-Pandemie mit Lockdown, geschlossenen Schulen und mangelnden Sozialkontakten litten, sei allgemein bekannt, "aber wir sind ja jetzt schon lange auch in der Post-Corona-Zeit, sodass man das nicht nur allein darauf beziehen kann", so Duve. Ein Problem sieht sie in einer wachsenden Verunsicherung von Eltern.

Es sei wichtig, dass Kinder lernten, sich in einer Gruppe einzuordnen, "dass sie zuhören, dass sie Interessen anderer gegen die eigenen Interessen abzuwägen lernen, dass sie auch damit zurechtkommen, wenn sie mal ein Nein erfahren oder einen Wunsch abgelehnt bekommen". Ein gutes familiäres Miteinander habe viel mit Aushandeln zu tun und gemeinsam Zeit zu verbringen, etwa bei Kochen und Essen - das gehe in hektischen Zeiten oft unter.

Was empfehlen die Expertinnen?

Döring rät besorgten Eltern, bei der Suche nach Therapieplätzen hartnäckig zu bleiben und regelmäßig nachzufassen, auch wenn sie bereits auf Wartelisten stehen. "Es kann hilfreich sein, sich auch bei den Krankenkassen in Erinnerung zu bringen", sagt die Psychotherapeutin, die selbst auf Kinder und Jugendliche spezialisiert und in eigener Praxis in Frankfurt tätig ist. Sie wies zudem darauf hin, dass Eltern sich auch an Privatpraxen wenden und einen Therapieplatz über das Kostenerstattungsverfahren finanziert bekommen können. Hintergrund ist der sogenannte Sicherstellungsauftrag der Krankenkassen.

Beratung und Hilfen bieten außerdem auch Erziehungsberatungsstellen und auch die Jugendämter, die etwa Familienhilfe auf den Weg bringen können. Falls aber Eltern das Gefühl haben, dass sich ihr Kind stark zurückzieht und das Risiko besteht, dass es sich selbst verletzen oder sich etwas antun könnte, sollten sie sich direkt Hilfe suchen und in Notfällen an die nächste zuständige Klinik wenden, empfiehlt Duve.

Quelle: dpa

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