HessenWecker klingeln früher - Schulstart mit Ersatzbussen

Wegen der Sanierung der rechtsrheinischen Bahnstrecke müssen viele Schüler und Pendler auf Ersatzbusse umsteigen. Diese sind oft länger unterwegs. Was bedeutet das am ersten Schultag nach den Ferien?
Eltville/Wiesbaden (dpa/lhe) - Eine provisorische Bushaltestelle, viele Schüler in einer Reihe, der besondere Bus lässt auf sich warten. "Wir kommen safe (sicherlich) zu spät zur Schule - und das schon am ersten Schultag", sagt eine 17-jährige Gymnasiastin zu einer jüngeren Schülerin. "Wir müssen dann wohl rennen." Beide Mädchen stehen frühmorgens in Eltville am Rhein, sie wollen zu ihrer Schule in Wiesbaden fahren. Mit rund einer Viertelstunde Verspätung kommt ihr lilafarbener Gelenkbus, rappelvoll vor allem mit jungen Fahrgästen.
Nach sechs Wochen Sommerferien markiert das neue Schuljahr für viele sonst Zug fahrende Schüler eine Änderung: Ihr Handywecker klingelt früher, sie brauchen länger zum Unterricht. Die rechtsrheinische Bahnstrecke zwischen Wiesbaden und Troisdorf in Nordrhein-Westfalen wird grundlegend saniert, zahlreiche Schüler müssen wie auch sonstige Fahrgäste auf Ersatzbusse ausweichen. Diese sind meist länger unterwegs. Bisher ist die am 10. Juli begonnene Gleissanierung in die Schulferien gefallen. Die Bewährungsprobe für den Ersatzverkehr kommt erst jetzt mit Schülern und mehr Berufspendlern.
Morgens eine halbe Stunde früher aus den Federn
Die 17-jährige Gymnasiastin, die ihren Namen nicht nennt, ist aber nicht völlig unzufrieden - eigentlich seien die provisorischen Busse pünktlicher als die Züge von Eltville nach Wiesbaden: "Die hatten oft Verspätung, ich war oft zu spät in der Schule." Luiz, ein 15-jähriger Schüler mit derselben Fahrtstrecke, gibt zu bedenken, "dass ich jetzt eine halbe Stunde früher aufstehen muss".
Bis Mitte Dezember werden laut der Deutschen Bahn auf der mehr als 150 Jahre alten rechtsrheinischen Bahnstrecke Gleise, Weichen, Oberleitungen, Signaltechnik, Brücken, Tunnel, Bahnübergänge und Bahnhöfe erneuert und modernisiert. Der Bahnverkehr soll auf diesem 160 Kilometer langen Abschnitt von Europas meistbefahrener Güterzugstrecke zwischen Genua und Rotterdam zuverlässiger und pünktlicher werden. Es fahren Ersatzbusse auf 13 Linien.
Doppelte Fahrzeit von Eltville nach Wiesbaden
Laut Bahn "lassen die Straßenzustände mitunter keine direkte Verkehrsführung zu". Zudem kann der Autoverkehr die Busfahrten beeinträchtigen. Die Schüler in Eltville etwa, die statt vor Ort eine Wiesbadener Schule besuchen und mit der Bahn etwa eine Viertelstunde unterwegs sind, brauchen mit dem Bus rund eine halbe Stunde bis zum Hauptbahnhof der hessischen Landeshauptstadt.
Die Deutsche Bahn betont aber mit Blick auf die Zugfahrpläne auch: "Der Ersatzverkehr ist teilweise so eng getaktet, dass sich deutlich mehr Fahrmöglichkeiten ergeben." Zudem hat die Bahn "zusätzliche Verstärkerfahrten" für Schülerinnen und Schüler angekündigt. Tatsächlich steuert am ersten Schultag in der Zeit um 7.00 Uhr eine ganze Reihe von Ersatzbussen eine der beiden Eltviller Behelfs-Haltestellen an.
Bahnhofsladen: Weniger Kunden, weniger Umsatz
Sie ist zwei kleine Straßenzüge vom Bahnhof des Rheingau-Städtchens entfernt. Tunçkan Namek, Verkäufer im Bahnhofsladen "Eltville Service Store", beklagt mit einer ausladenden Armbewegung, dass viele Busse weiter weg hielten: "Bei uns ist es jetzt ruhig, die Bahnstrecke funktioniert nicht mehr, es kommen viel weniger Leute." Der Umsatz sinke, auch beim benachbarten Kebab-Laden. "Ich mache morgens um sechs Uhr auf und erst eine halbe Stunde später kommt der erste Kunde", sagt Namek.
Besonders lange unterwegs ist nun Charlotte, die ihren Nachnamen nicht nennt, um von Eltville zu ihrem Arbeitsort Koblenz zu gelangen: "Mit dem Zug brauche ich ungefähr eine Stunde und 20 Minuten, mit dem Ersatzbus wären es aber zweieinhalb Stunden, weil ich in Rüdesheim umsteigen müsste." Daher fahre sie mit einem anderen Bus über den Rhein nach Mainz und von dort mit einem linksrheinischen Zug nach Koblenz. "Das sind dann zwei Stunden", sagt die Frau.
Verbesserung für Menschen mit Behinderungen
Zufrieden zeigt sich ein 34-jähriger Pfleger einer Fachklinik für Psychiatrie bei Eltville mit dem Ersatzverkehr zu seinem Wohnort Wiesbaden-Biebrich: "Wenn ich von der Nachtschicht gekommen bin, hat mein Zug mal 20 oder 30 Minuten und manchmal sogar eine Stunde Verspätung gehabt." Das sei mit den Bussen besser.
Wie etliche andere Fahrgäste versichert der junge Mann, dass er verstehe, dass die Sanierung der alten Bahnstrecke dringend nötig sei. Er fügt hinzu: "Beim Bahnhof Eltville soll auch ein Fahrstuhl gebaut werden. Das ist gut für Leute im Rollstuhl. Für die ist es schlimm, dass es bisher zu einem der Gleise nur eine Unterführung mit Treppen gibt."