HessenWilke-Prozess: Zeuge schildert Kontrolllücken im Betrieb

Ein Zeuge berichtet im Wilke-Prozess von ausgefallenen Kontrollen und Personalmangel im Veterinäramt. Trotz wiederholter Hygienemängel sah das Amt keine Grundlage für eine Betriebsschließung.
Kassel (dpa/lhe) - Am zehnten Prozesstag um den sogenannten Wilke-Wurst-Skandal hat vor dem Landgericht Kassel der damalige Leiter des zuständigen Veterinäramtes als Zeuge ausgesagt. Der inzwischen pensionierte Amtstierarzt schilderte, dass das Veterinäramt Waldeck-Frankenberg trotz wiederholter Beanstandungen von Mängeln vor dem Listerien-Ausbruch 2019 keinen Anlass gesehen habe, den Betrieb im nordhessischen Twistetal zu schließen.
Vom Stand her sei die Firma Wilke im unteren Bereich gewesen, weil es immer wieder bauliche Mängel etwa an Böden und Wänden gegeben habe, "die dann zwar auch behoben wurden." Das habe zum Teil aber auch etwas länger gedauert. "Es wurde nicht immer so abgearbeitet, wie es hätte sein sollen", sagte er.
Eine Prüfung im Mai 2019 hatte gar eine Ordnungswidrigkeitsanzeige wegen Hygienemängeln und ein Bußgeld in Höhe von 2.000 Euro zur Folge. Beanstandet wurden damals etwa alte Rohwurstreste an einem Kutter, schwarzer Schimmel an Decken, verschmutzte Böden, Kisten und Körbe sowie eine Kistenspülmaschine mit massiven Verschmutzungen im Inneren.
Schließung hielt Amt für unverhältnismäßig
Eine Schließung des Betriebs hielt das Amt nach Aussage des Zeugen aber für unverhältnismäßig. Wilke sei ein alter Betrieb aus den 1930er-Jahren gewesen, der sich sukzessive weiterentwickelt habe. Es sei immer wieder gebaut worden. Ein alter Betrieb sei nie mit einem Neubau vergleichbar und es gebe immer begrenzte räumliche Möglichkeiten. So sei die Schwarz-Weiß-Trennung, also die räumliche Trennung reiner und unreiner Produktionsbereiche, nicht immer überall einzuhalten. Deshalb schließe man einen Betrieb aber nicht. "Dazu stehe ich auch", betonte der Zeuge.
Ob es mit irgendwem sinngemäß Gespräche darüber gegeben habe, dass bei einer Schließung von Wilke Wurst in einer strukturschwachen Region 200 Beschäftigte auf der Straße stehen würden, wollte der Vorsitzende Richter wissen. "Es ist meines Wissens darüber gesprochen worden, aber ich weiß nicht mehr mit wem oder wann", erwiderte der frühere Veterinäramtsleiter.
Über positive Listerienbefunde im Rahmen von Eigenbeprobungen der Firma Wilke in den Jahren vor 2019 habe das Veterinäramt keine Kenntnis erhalten, schilderte er. Der Betrieb hätte darüber informieren müssen, habe es aber nicht getan. "Sonst hätten wir auch anders gehandelt", sagte der Zeuge.
Ausgefallene Nachkontrollen wegen Personalmangels
Seine Aussage offenbarte zugleich Unregelmäßigkeiten bei den Kontrollen des Betriebs. So wurde ihm zufolge aufgrund von Personalmangel im Jahr 2018 keine Vier-Augen-Kontrollbegehung von Veterinärarzt und Lebensmittelkontrolleur durchgeführt, wie es bis 2017 in der Regel geschehen sei. Auch Fristen für Nachkontrollen bei festgestellten Mängeln seien nicht immer einhaltbar gewesen wegen Personalmangels. Diese seien dann komplett ausgefallen.
Der frühere Veterinäramtsleiter hatte bereits zu Beginn des Prozesstages erklärt, dass es seit 2005 immer wieder Probleme mit der Personalausstattung der Behörde gegeben habe. "Wir konnten den Kontrollpflichten nicht nachkommen, weil die Personaldecke zu dünn war", erklärte er. Das habe man der Oberen Behörde auch berichtet.
Drei ehemalige Verantwortliche des Betriebs vor Gericht
In dem Verfahren am Landgericht Kassel sitzen der ehemalige Geschäftsführer (57), seine Stellvertreterin (55) sowie der frühere Produktionsleiter (58) der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren auf der Anklagebank - unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in elf Fällen, fahrlässiger Körperverletzung in sieben Fällen und Lebensmittelverstößen.
Die Angeklagten sollen dafür verantwortlich sein, dass mit Listerien verseuchte Fleisch- und Wurstwaren des Betriebs über Jahre in den Handel gekommen sind. Die Firma im nordhessischen Twistetal im Landkreis Waldeck-Frankenberg war im Oktober 2019 geschlossen worden, nachdem in ihrer Wurst Listerien-Keime nachgewiesen worden waren. Listerien sind eine Bakterienfamilie, die sich auch in kühler Umgebung vermehrt.
Stehen elf Todesfälle mit Wilke-Wurst in Verbindung?
Laut Anklage sollen 37 Menschen nach dem Verzehr der mit Keimen verunreinigten Produkte eine Listeriose entwickelt haben. Bei elf von ihnen soll die Infektion zumindest mitursächlich für ihren Tod gewesen sein. Die Keime können bei geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Sieben weitere Menschen sollen erhebliche Krankheitssymptome entwickelt haben.
In dem Verfahren vor der zweiten großen Wirtschaftsstrafkammer des Kasseler Landgerichts sind zunächst weitere Termine bis Ende Oktober anberaumt.