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Nordrhein-WestfalenFreiheit oder Lärm-Attacke - Motorradsaison beginnt

15.03.2026, 13:47 Uhr
Die-NRW-Minister-Oliver-Krischer-Verkehr-und-Herbert-Reul-Inneres-v-l-n-r-bei-einem-Termin-zur-Eroeffnung-der-Motorradsaison

Jacke an, Helm auf, anlassen - die NRW-Motorradfahrer starten in die Saison 2026. Sie freuen sich auf Kurvenglück in der Eifel und im Sauerland - Anwohner beklagen dagegen den Beginn der "Lärmsaison".

Heimbach (dpa/lnw) - Das Streusalz ist von den Straßen verschwunden, die Temperaturen steigen: Im März holen Hunderttausende Motorradfahrer in Nordrhein-Westfalen ihre Maschinen aus der Garage. Mit einem Aktionstag in Heimbach in der Eifel nahe dem bei Motorradfahrern beliebten Rursee starten NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) und Landes-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Sonntag offiziell die Motorradsaison.

Leidenschaft mit Köpfchen

"Motorradfahren ist Leidenschaft, aber auch Risiko. Keine Knautschzone, hohe Geschwindigkeit: Ein kleiner Fehler kann schlimme Folgen haben", sagte Reul bei dem Termin. "Wer mit Köpfchen fährt, trägt gute Schutzkleidung, ist sichtbar und kommt sicher an. Gerade nach der Winterpause müssen sich Mensch und Maschine wieder fahrbereit machen."

Verkehrsversuch mit Kurvenmarkierungen in der Eifel

Krischer kündigte die Ausweitung eines Verkehrsversuchs in der Eifel mit Fahrbahnmarkierungen in Kurven an. Die Markierungen sollen Motorradfahrern helfen, eine sichere Fahrlinie zu finden, ohne die Kurve zu schneiden und dabei womöglich in den Gegenverkehr zu kommen. NRW setze sich dafür ein, solche Markierungen in die Straßenverkehrsordnung aufzunehmen, damit sie bundesweit angewendet würden, sagte er.

Gut 925.000 Motorräder sind laut Kraftfahrtbundesamt im Bundesland zugelassen, von denen die allermeisten im Winter nicht genutzt werden. Mit dem Saisonbeginn wird es auf einen Schlag voller auf den Straßen. Das fordert auch die Aufmerksamkeit der Autofahrer: Die Sonne steht tief. Motorräder können mit ihrer schmalen Silhouette leicht übersehen werden.

Bei Unfällen mit Motorrädern ist meist der Unfallgegner schuld

Bei den Kollisionen mit Motorrädern lag 2025 landesweit in 62 Prozent der Fälle die Hauptursache beim anderen Verkehrsteilnehmer. 35 Prozent der Motorradunfälle waren laut Statistik Alleinunfälle. Die Zahl der Toten bei Motorradunfällen hat sich 2025 in NRW auf 45 fast halbiert und das bei einem gleichzeitigen Anstieg der Gesamt-Unfallzahlen mit Personenschäden.

An der höheren Sicherheit hat auch die Technik Anteil. Viele neue Motorräder verfügen über Kurven-ABS und Traktionskontrolle, teure Modelle sogar über Abstandsradar. "Und bei Fahrwerk und Reifen hat es echte Qualitätssprünge gegeben", sagt Christoph Gatzweiler vom Herstellerverband IVM. Helm trägt ohnehin fast jeder. "Die Helmquote ist fast 100 Prozent", sagt Gatzweiler.

Anwohner beklagen Lärm durch Raser und Poser

Während beliebte Motorradreviere vor allem im Sauerland, der Eifel und im Bergischen Land auch touristisch profitieren wollen und mit "Biker welcome"-Plakaten werben, sehen Anwohner der kurvenreichen Landstraßen den Saisonstart vielfach völlig anders. "Der Lärm ist ein Umweltgift", sagt Holger Siegel vom Bundesverband gegen Motorradlärm, in dem sich viele regionale Vereine aus ganz Deutschland zusammengeschlossen haben. Für ihn ist der Sonntag vor allem ein "Start der neuen Lärmsaison".

Auspuffklappen für einen vermeintlich coolen Sound und das Lärm treibende Hochziehen der Gänge terrorisierten die Anwohner, sagt er. Der Verband mobilisiert dagegen öffentlich und mit großen Bannern für Tor oder Gartenzaun.

Aufklärung oder Streckensperrung?

Siegel fordert, als letztes Mittel besonders belastete Strecken für Motorräder zeitweise oder ganz zu sperren. Über solche Sperrungen gibt es regelmäßig gerichtliche Auseinandersetzungen. Der Ton ist scharf. "Dann kommen wieder ein paar mit ihrer Rechtsschutzversicherung und klagen auf ihr Recht, anderen auf den Sack zu gehen", klagt Siegel.

Das Land NRW setzt dagegen eher auf Aufklärungskampagnen wie die 2021 gestartete Initiative "#leiserbiker" mit großflächigen Infotafeln im ganzen Land. Seit 2023 läuft die Landesinitiative "#sicher im Straßenverkehr". Der ADAC sieht Fahrverbote als wenig sinnvolle Kollektivstrafen und setzt stattdessen auf gezielte Polizeikontrollen an Motorrad-Hotspots und die Ahndung von Verstößen - etwa bei den wenigen Bikern, die mit manipulierten Auspuffanlagen für Krach sorgen, wie der ADAC mitteilt.

Achterbahnfahrt durch die Landschaft - intensive Lebendigkeit

Aber was treibt die Fahrer - häufig Männer im gesetzten Alter - eigentlich an? Stephan Urlings, Psychologe des Kölner Rheingold Instituts, glaubt, dass gerade Männer über 50 Jahre sich selbst und der Welt auf dem Zweirad ihre "Selbstwirksamkeit" zeigen wollen. Sie wollten beweisen, dass sie nicht nur im sicheren Alltag funktionierten. "Das Motorrad wird dabei zu einer Art Bühne, auf der man sich noch einmal spüren kann."

Gerade auf kurvigen Strecken oder Passstraßen entstehe ein intensives Gefühl von Lebendigkeit – fast wie eine Achterbahnfahrt durch die Landschaft, schildert der Psychologe. Das ziehe auch Jüngere an, die auf dem Motorrad die eigene Kraft spürten und sich dem Leben aussetzen wollten. Beiden Altersgruppen ermögliche das Motorrad "die unmittelbare Erfahrung von Freiheit, Körperlichkeit und Kontrolle über eine starke Maschine", sagt Urlings.

Nichts für Raser: Riesen Nachfrage nach einem 25-PS-Roller

Ein Raser-Hobby ist das Motorradfahren aus Sicht des IVM-Technikchefs und Motorradfans Gatzweiler aber trotzdem nicht. In den Zulassungsstatistiken dominiere seit Jahren eine großvolumige BMW-Reiseenduro - alles andere als ein Motorrad für Rennsportfreunde. Platz zwei mit starken Zuwachsraten markiere ein Motorroller von Vespa mit 25 PS. Supersportler mit hohen Drehzahlen gingen dagegen kaum noch, sagt er.

"Klar, Spinner gibt's in jeder Liga, auch bei den Autofahrern", sagt er. Aber bei Motorrädern dominierten die Boomer, also die geburtenstarken Jahrgänge der heute über 60- und 70-Jährigen. "Die große Masse sind vernünftige Leute."

Quelle: dpa

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