Rheinland-Pfalz & SaarlandMissbrauch: "Vertuschung und Geheimhaltung" im Bistum Trier

Eine neue Studie blickt auf die Nachkriegszeit in der Diözese. Sie beschreibt Milde gegenüber Beschuldigten. Hingegen blieb Leid oft unberücksichtigt.
Trier (dpa/lrs) - Das Thema sexueller Missbrauch im Bistum Trier hat ein weiteres düsteres Kapitel. Es führt zurück in die Nachkriegszeit, zu einer Kirche, in der beschuldigte Priester und Ordensleute vielfach auf Nachsicht ihrer Vorgesetzten zählen konnten. Die vierte und letzte Zwischenbilanz der wissenschaftlichen Aufarbeitung zeichnet für die Amtszeiten der Bischöfe Franz Rudolf Bornewasser (1946-1951) und Matthias Wehr (1951-1966) ein Bild von auffälliger Milde, Versetzungen und Geheimhaltung.
335 Betroffene, 123 Beschuldigte
Für die Jahre 1946 bis 1966 identifizierten die Forschenden insgesamt 335 Betroffene sexualisierter Gewalt durch Welt- und Ordensgeistliche im Bistum Trier - überwiegend waren Kinder und Jugendliche die Opfer. 123 Beschuldigte wurden ermittelt, wie die Universität Trier mitteilte. Grundlage dafür waren unter anderem 1.574 ausgewertete Akten sowie Gespräche mit Betroffenen und Zeitzeugen.
92 Betroffene und 28 Beschuldigte entfallen auf die Amtszeit Bornewassers, 243 Betroffene und 95 Beschuldigte auf die Zeit unter Wehr. Dabei ist die erste Zahl zeitlich nur eingeschränkt aussagekräftig: Bornewasser leitete bereits seit 24 Jahren vor Beginn des Untersuchungszeitraums 1946 das Bistum.
Jeder fünfte Priester beschuldigt
Mit den neuen Erkenntnissen vergrößert sich das sogenannte Hellfeld für den Untersuchungszeitraum auf 782 Betroffene und 252 Beschuldigte von 1946 bis 2021.
Unter Bornewasser waren nach Angaben der Forschenden 50 Prozent der Betroffenen Mädchen. Unter Wehr waren es - wie auch in der Folgezeit - zu etwa zwei Dritteln Jungen. Historikerin Lena Haase führt den ungewöhnlichen Befund unter Bornewasser auch auf Folgen des Zweiten Weltkriegs zurück, die sich bis in die 1950er Jahre erstreckt hätten.
Besonders drastisch fällt ein weiterer Befund zu den Priestern aus, die zwischen 1946 und 1949 im Bistum geweiht wurden. Nach den Ergebnissen der Studie wurde jeder Fünfte von ihnen als Beschuldigter beziehungsweise Täter erfasst. Zugleich nahm das Wissen der Bistumsleitung über die bekanntgewordenen Fälle deutlich ab. Während sie unter Bornewasser in 70 Prozent der Fälle Kenntnis hatte, lag dieser Anteil unter Wehr bei 31,8 Prozent.
Milde statt Konsequenzen
Die Entscheidungsgewalt über den Umgang mit Beschuldigten und Tätern lag in der Regel beim Generalvikar. Unter Bornewasser war dies Heinrich von Meurers, unter Wehr Peter Weins. Beide gingen nach Einschätzung der Forschenden "auffällig milde" mit Beschuldigten um.
Konsequenzen blieben demnach vielfach ganz aus oder beschränkten sich auf Versetzungen. In Ausnahmefällen wurden Geistliche ins Ausland geschickt - und damit dem Zugriff der deutschen Strafverfolgung entzogen.
Überhaupt seien die 20 Jahre von einem "ausgesprochen milden Umgang der Bistumsverantwortlichen mit beschuldigten Priestern und Ordensleuten" geprägt gewesen, teilte die Universität mit. Der Umgang sei "von Vertuschung und Geheimhaltung bekanntgewordener Fälle und Meldungen" begleitet gewesen.
Bischof: Bericht "aufschlussreich und bedrückend"
Bischof Stephan Ackermann nannte den Bericht "aufschlussreich und bedrückend". Für die damals Verantwortlichen stand der Schutz der Institution an oberster Stelle - gegenüber den Tätern legten sie "Güte und Geduld" an den Tag. "Versetzung und Vertuschung waren häufig die Antworten auf vermuteten oder eingestandenen Missbrauch. So ist es wenig überraschend und doch erschütternd zu lesen, dass diese Vorgehensweise in nicht wenigen Fällen zu weiteren Opfern geführt hat."
Der Bericht mahne ihn und jene, die heute und in Zukunft im Bistum Verantwortung trügen, im Bereich von Prävention, Intervention und Aufarbeitung belastbare, transparente und zuverlässige Strukturen zu etablieren, erklärte Ackermann.
"Leid der Betroffenen nicht angemessen berücksichtigt"
Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Bistum Trier betonte, die Studie zeige erneut, dass die damaligen Verantwortlichen sich zu wenig um die Betroffenen gekümmert hätten. "Ihr Hauptaugenmerk galt besonders dem guten Ruf der Kirche und der Bewahrung allgemeiner Sittlichkeit nach den Auffassungen der Zeit." Tätern sei mit großer und auch übergroßer Milde begegnet worden, hingegen sei das Leid der Betroffenen oft nicht angemessen berücksichtigt worden.
"Besonders problematisch ist, dass Täter nach ihrer Entdeckung häufig lediglich in anderen Gemeinden eingesetzt wurden; dort konnten sie weiterhin sexuellen Missbrauch verüben und weiterhin Kinder und Jugendliche zutiefst schädigen", teilte die Unabhängige Kommission mit.
Abschlussbericht soll Ende November vorliegen
Uni-Präsidentin Eva Martha Eckkrammer lobte die Arbeit des Projektteams. "Angesichts des aus den Quellen deutlich werdenden Leids der Betroffenen und den strukturellen Defiziten im Umgang mit Missbrauchsfällen gerade in der nun beleuchteten Phase ab 1946 ist das Beibehalten der analytischen Perspektive sicher nicht immer leicht gewesen."
Ein Abschlussbericht zum Zeitraum 1946 bis 2021 soll voraussichtlich Ende November 2026 vorliegen. Zum Bistum Trier gehören rund 1,1 Millionen Katholiken in Rheinland-Pfalz und im Saarland.