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Rheinland-Pfalz & SaarlandBlick in die Zukunft? Was Wahlumfragen sagen und was nicht

09.02.2026, 04:03 Uhr
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Die SPD in Rheinland-Pfalz hat sich mächtig darüber gefreut, in einer Umfrage aufgeholt zu haben. Doch Vorsicht: Die Aussagekraft solcher Ergebnisse hat Grenzen. Was zu bedenken ist.

Mainz (dpa/lrs) - Je näher eine Wahl rückt, desto mehr wird auf Umfragen geschaut. Welche Partei legt zu, welche ist im Abwärtstrend, welche Koalitionen sind denkbar? In Rheinland-Pfalz ist das nicht anders, gute sechs Wochen vor der Landtagswahl am 22. März steigt bei Politikern und Wahlkampfstrategen der Puls. Doch was kann aus Umfragen herausgelesen werden und was nicht?

Grundsätzlich könnten mit Umfragen keine Wahlergebnisse prognostiziert werden, erklärt Marcus Maurer, Professor für Politische Kommunikation am Institut für Publizistik der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Es werde lediglich gemessen, wen Menschen in einem Augenblick wählen würden.

Viele Wählerinnen und Wähler entscheiden sich kurzfristig

Daraus auf die finale Entscheidung zu schließen, wird immer gewagter, denn Menschen legen sich heutzutage zu einem großen Teil sehr kurzfristig fest. Etwa 10 bis 15 Prozent der Wählerinnen und Wähler träfen erst am Wahltag eine Entscheidung, sagt Maurer. "Deswegen kann eine Umfrage auch mal ganz anders aussehen als später das Wahlergebnis."

Bei Landtagswahlen kommt für Thorsten Faas, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, noch dazu, dass Menschen realistischerweise erst wenige Wochen vorher anfangen, sich damit zu beschäftigen. Umfragen zu Landtagswahlen spiegelten lange Zeit bundespolitische Eindrücke wider und würden erst in den Wochen vor der Wahl wirklich bundeslandspezifisch.

Auch die statistischen Fehler dürften nicht vergessen werden, sagt Maurer. Bei 1000 Befragten komme nur ein ungefährer Zustimmungswert heraus mit einer Schwankungsbreite von plus oder minus drei Prozentpunkten. Genauer könne das nicht gesagt werden. Das relativiere kleine Veränderungen bei Parteien. Die müssten keine veränderte Wählerpräferenz, sondern könnten schlicht statistisch bedingt sein.

Die Herausforderung einer repräsentativen Stichprobe

Ganz wichtig für die Aussagekraft einer Umfrage ist Zusammensetzung der Gruppe der Befragten. Ziel ist, von dieser Gruppe auf die Wahlbevölkerung schließen zu können, es geht also um Repräsentativität. Die zu erreichen, ist jedoch nicht einfach. Denn die Bereitschaft der Menschen zur Teilnahme an Umfragen ist deutlich geringer als früher, wie Maurer von der Uni Mainz sagt.

Egal, ob eine Umfrage telefonisch oder online durchgeführt werde, es sei heutzutage schwer, eine repräsentative Stichprobe zu erhalten. "Bestimmte Bevölkerungsgruppen möchten sich einfach nicht mehr beteiligen oder sind nicht erreichbar, weil sie nicht zu Hause sind oder was auch immer." Die Ausschöpfungsquote - der Anteil der Personen aus einer Stichprobe, die Angaben machen - gehe zurück. "Das löst man in der Regel mit Gewichtung."

Wenn in einer Stichprobe anteilig weniger junge Menschen seien als in der Bevölkerung, würden Antworten aus dieser Altersgruppe stärker gewichtet. Damit werde letztlich aber nur die eine Variable, nämlich das Alter, ausgeglichen, nicht jedoch andere Variablen, erklärt Maurer.

Wie Antworten gewichtet werden

Auf bundespolitischer Ebene gebe es viele Umfragen, ergo auch viel Erfahrung dazu bei Umfrageinstituten, sagt Maurer. Hier funktioniere die Gewichtung in der Regel gut. "Bei Landtagswahlen ist das verdammt schwer." Selbst in den Monaten vor Landtagswahlen gebe es nur alle paar Wochen eine Befragung.

Unterrepräsentiert seien häufig neben jungen Leuten weniger gebildete Schichten, politisch Uninteressierte oder Menschen mit Migrationshintergrund. Klassischerweise sei es auch so, dass extreme Parteien in Umfragen unterschätzt würden. Es sei sozial weniger erwünscht, solche Parteien zu wählen, also gäben weniger Menschen eine solche Wahlabsicht an. Deswegen werden Maurer zufolge Werte für extreme Parteien mit Blick auf vorangegangene Umfragen hochgewichtet.

"Sowohl die generelle Erreichbarkeit als auch die Teilnahmebereitschaft in der Bevölkerung bei Umfragen hat sich im Zeitverlauf immer wieder verändert", sagt auch der Geschäftsführer von Infratest dimap, Roland Abold. Sein Haus entwickele Methoden in der Meinungs- und Wahlforschung fortlaufend weiter. "Mit unserem sogenannten Mixed-Sample-Ansatz haben wir eine gute Möglichkeit, eine möglichst breite Abdeckung der Bevölkerung zu erreichen, indem wir die Vorteile verschiedener Methoden zur Befragung kombinieren."

Viele Institute, unterschiedliche Methoden

Faas sieht noch einen Punkt: Er weist darauf hin, dass sich Wahlbeteiligungen nicht gut mit Umfragen messen lassen. "Menschen, die nicht wählen, nehmen auch an Umfragen seltener teil", erklärt er. Die Wahlbeteiligung könne aber gerade bei Landtagswahlen ein wichtiger Faktor sein.

Maurer erinnert zudem daran, das Umfrageergebnisse sich auf Wahlverhalten auswirken können. Wenn eine Partei unter die Fünf-Prozent-Hürde zu sacken drohe, könne das Anhänger motivieren, zur Wahl zu gehen. Wenn alles für eine Niederlage der favorisierten Partei sprechen, könne das vom Wahlgang abhalten. Es gebe aber keine Belege dafür, dass durch diese Effekte mal eine Wahl entschieden worden sei, sagt Maurer. "Das hebt sich auf im Aggregat."

Grundsätzlich sieht Faas eine hohe Qualität von Umfragen in Deutschland. Es gebe sehr verschiedene Anbieter, so dass Meinungen und Stimmungen breit erfasst würden. Dass Herangehensweisen verschieden sind, müsse nichts Schlechtes sein, auch wenn sich dann Ergebnisse manchmal nicht eins zu eins vergleichen lassen. Bestimmte Fehler einer bestimmten Methodik könnten mit anderen Methoden kompensiert werden, sagt Faas. "Man sollte daher auch nicht unbedingt jede einzelne Umfrage auf die Goldwaage legen."

Quelle: dpa

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