SachsenArzt: Rückgang bei Alkoholmissbrauch Jugendlicher trügerisch

Die Krankenhäuser behandeln immer weniger Jugendliche mit Alkoholvergiftung stationär – in Sachsen ist der Trend sogar stärker als bundesweit. Doch die Zahl trügt, sagt Kinderklinikchef Berner.
Dresden (dpa/sn) - Der Kinderklinikchef des Dresdner Universitätsklinikums, Reinhard Berner, warnt angesichts abnehmender stationärer Behandlungen Jugendlicher wegen Alkoholvergiftungen vor falschen Rückschlüssen. "Die reine statistische Zahl ist eine trügerische Vorstellung", sagte Reinhard Berner, Direktor der Kinderklinik am Dresdner Universitätsklinikum, der Deutschen Presse-Agentur.
Man könne daraus kein kleineres Alkoholmissbrauchsproblem bei Kindern und Jugendlichen ableiten. "Es ist sogar so, wenn man unsere Kollegen in den Notaufnahmen fragt, würden sie sagen, die stationär aufgenommenen Kinder haben sehr viel mehr Alkohol und möglicherweise auch noch andere Drogen konsumiert."
Stationäre Behandlungen seit 2019 um ein Drittel zurückgegangen
Die Anzahl stationärer Behandlungen Jugendlicher und Kinder mit Alkoholvergiftung war in den letzten Jahren stark zurückgegangen. 2024 gab es in Sachsen 807 Fälle, wie zuletzt die Krankenkasse DAK mit Verweis auf Daten des Statistischen Landesamtes mitteilte. Das waren 8,7 Prozent weniger als 2023.
Damit war der Rückgang in Sachsen stärker als in ganz Deutschland. Bundesweit wurden 8.781 jugendliche Rauschtrinker registriert – 5,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Das war die niedrigste Zahl in 25 Jahren.
Bis einschließlich 2019 war die Zahl der 10- bis 19-Jährigen mit Alkoholrausch in Sachsen noch stetig angestiegen – von 1.177 im Jahr 2017 über 1.231 auf einen Höchststand von 1.266. Im Vergleich dazu kamen 2024 sogar mehr als ein Drittel weniger Jungen und Mädchen mit Alkoholrausch ins Krankenhaus.
Schwelle für stationäre Aufnahmen gestiegen
Dass die Zahl der stationären Behandlungen insgesamt abnimmt, liegt laut Berner vor allem an den veränderten Prämissen bei der stationären Aufnahme. "Auch aufgrund unserer Bettenkapazitäten hat sich die Schwelle, Kinder stationär aufzunehmen, in den letzten Jahren und besonders seit Pandemiebeginn wesentlich verändert." Wie auch bei vielen anderen Krankheiten mache man heute viel mehr ambulant. "Wir schicken mehr Kinder wieder mit ihren Eltern nach Hause, als das vielleicht vor zehn Jahren der Fall gewesen ist."
Im Krankenhaus bleiben die jungen Patienten, wenn bei besonders hohem Alkoholspiegel oder einer Mischintoxikation mit anderen Drogen die Gesundheit oder gar das Leben in Gefahr ist. "Da ist das Risiko, dass die sehr stark auskühlen oder so stark bewusstseinseingeschränkt sind, dass sie sich verschlucken und Erbrochenes in die Lunge bekommen können." Auch wenn die Eltern nicht erreichbar sind, sei das ein Grund, die Jugendlichen vor Ort zu behalten.
Auch Fälle mit chronischem Alkoholproblem
In vielen – laut Berner eher unproblematischen – Fällen landen die jungen Patienten nur ein oder zwei Mal in der Klinik, etwa weil sie beim Stadtfest über die Stränge geschlagen haben. "Aber wir haben auch eine ganze Reihe von Kindern oder Jugendlichen, die ein chronisches Alkoholproblem haben und immer wieder bei uns sind." Sie stammen häufig aus schwierigen Verhältnissen, leben etwa nicht mehr bei den Eltern, sondern teils auf der Straße oder in Wohngruppen.
Berner warnt vor den langfristigen Folgen, die besonders jungen Menschen drohen. "Wenn es zum chronischen Alkoholkonsum kommt, ist das für die Entwicklung, aber auch für die Organe und für das Gehirn, nicht günstig." Häufig handele es sich für die Jugendlichen zudem um einen Einstieg in den Substanzmissbrauch. "Das heißt also, dass der Alkohol nur der Anfang ist und dann andere Drogen dazu kommen."