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SachsenRecognizer: Sie sehen, was die Allermeisten nicht sehen

25.08.2026, 06:01 Uhr
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(Foto: Katharina Kausche/dpa)

Sie werden als Recognizer (Wiedererkenner) bezeichnet, wollen aber selbst nicht erkannt werden. Denn als Polizeibeamte sind sie in Zivil und möglichst unauffällig unterwegs.

Dresden (dpa/sn) - Sie sehen nicht schärfer, aber anders: Super Recognizer im Dienste der Polizei. Wenn es darum geht, Menschen aus einer großen Menge oder aus einer Vielzahl von Aufnahmen zu erkennen, ist ihre Fähigkeit als eine Art sechster Sinn gefragt. In der Fachwelt geht man davon aus, dass etwa ein bis zwei Prozent der Menschen an Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) leiden - sie können andere kaum oder gar nicht am Gesicht erkennen. Genauso groß soll der Prozentsatz derjenigen sein, die als Recognizer das Antlitz anderer erkennen können, selbst wenn Teile davon verdeckt sind.

Wiedererkenner wollen selbst nicht erkannt werden

Bei der Polizeidirektion Dresden leitet eine junge Frau im gehobenen Dienst die Gruppe der "Wiedererkenner" - wie sie hier offiziell genannt werden. Namen, Alter und die Größe der Einheit bleiben geheim. Recognizer sind darauf angewiesen, bei ihrer Arbeit unauffällig zu bleiben - etwa wenn sie auf einem Flughafen aus einer sich bewegenden Menschenmenge einen gesuchten Straftäter herausfiltern oder im Fußballstadion gewaltbereite Fans erkennen müssen. Wie sie selbst nicht erkannt werden, wird trainiert. Beim Wiedererkennen selbst hilft kein Training wirklich.

"Man hat es, oder man hat es nicht."

"Man hat es, oder man hat es nicht", bringt es die 25-Jährige auf den Punkt. Bei sich selbst habe sie die besondere Gabe schon als Teenager bemerkt - auch wenn damals alle ihr das ausreden wollten. "Wenn ich gesagt habe, diesen oder jenen kenne ich von irgendwoher, hieß es meist: 'Das kann doch gar nicht sein.'" Im Studium bei der Polizei sei sie wieder mit dem Thema konfrontiert worden. "Ich habe einen Artikel über Super Recognizer gelesen und festgestellt: Das passt so ziemlich genau auf mich". Später habe sie sich einem dreistufigen Test gestellt und diesen auch bestanden.

Spezialisten sind täglich im Einsatz

Der Begriff Super Recognizer stammt aus dem Englischen. Großbritannien gilt als Geburtsland der Gilde. In Deutschland werden sie erst seit reichlich zehn Jahren eingesetzt. Zu den Auslösern gehörten die Übergriffe auf Frauen in Köln auf der Domplatte in der Silvesternacht 2015. Oft geht es in dem Job darum, Videoaufnahmen von Straftaten auszuwerten und Menschen zu erkennen. Auch Vermisste und Tote gilt es zu ermitteln. In Dresden sind sie täglich im Einsatz. "Wir machen nichts anderes als wiedererkennen."

Dass die Begabung zur Gesichtserkennung etwas mit einer Leistung des Gehirns zu tun hat, ist unbestritten. Die Dresdner Polizistin würde gern mal in einem funktionalen MRT (Magnetresonanztomografen) sehen, welche Hirnregionen bei ihrer Arbeit sichtbar am Wirken sind. "Viele sprechen von einem Bauchgefühl, andere empfinden das wie einen Stromschlag. Ich selbst merke, wie das Adrenalin hochschießt, wenn ich eine Person erkenne. Es ist eine Art innere Anspannung und Aufregung. Plötzlich gibt es den Moment: Ja, das ist die Person."

Wiedererkennen sorgt für unmittelbaren Aha-Effekt

Für die Chefin der Dresdner Super Recognizer ist es ein Unterschied, ob sie operativ im Einsatz ist oder im Büro am Bildschirm Aufnahmen von Gesuchten vergleicht. "Wenn ich mich draußen bewege, gibt es diesen unmittelbaren Aha-Moment. Im Büro am Rechner verspüre ich eher so ein Rattern im Kopf. Das ist mehr eine Abstufung nach dem Motto, den oder die habe ich schon in einem anderen Sachverhalt gesehen." Am Computer habe sie mehr Zeit für den Abgleich und müsse nicht binnen Sekunden entscheiden.

Recognizer gehen nicht alle nach dem gleichen Muster vor

Der Teamleiterin zufolge gehen nicht alle Recognizer nach dem gleichen Muster vor. Bei ihr sei das Erkennen intuitiv. "Ich kenne Kollegen, die speziell auf die Augen oder die Augenpartie schauen. Andere nehmen das Gesicht als Ganzes in den Blick." Bei ihr sei das immer mal anders. "Ich stelle mir die Frage, woran mache ich den Unterschied fest. Es ist mehr ein Bauchgefühl. Entweder passt es oder es passt nicht." Verlernen könne man das wohl nicht. Aber auch ein gezieltes Training verbessere die Fähigkeit nicht wirklich.

Einen Trainingseffekt sieht sie dennoch. "Je häufiger ich das mache, umso mehr weiß mein Gehirn, wie es arbeiten muss. Ich weiß, welche Werkzeuge ich benötige. Ich bin in einem Lernprozess und stelle mir Fragen: Wie funktioniert ein Bild? Was sind Pixel? Was verändert sich bei einem digitalen Bild, wenn die Qualität schlechter wird? Das alles sind Faktoren, die ich aufnehme und verarbeite. Doch prinzipiell ist es so, dass die Fähigkeit erst einmal da sein muss, bevor ich sie nutzen kann.

Unlängst hat die Dresdner Polizei mit Hilfe ihrer Wiedererkenner zwei Männer ausfindig gemacht und gestellt. Im konkreten Fall waren die Kollegen nachts im Einsatz. Zunächst konnte ein 29 Jahre alter Mann ermittelt werden, der wiederholt gegen räumliche Auflagen verstoßen hatte. Dann entdeckten sie einen 25-Jährigen, der wegen Drogendelikten bekannt war.

Auch Vermummte können wiedererkannt werden

Auch bei der Auswertung der schweren Ausschreitungen am Rande eines Fußballspiels von Dynamo Dresden gegen Türkgücü München im Mai 2021 kam die Polizei Straftätern mit Hilfe ihrer Recognizer auf die Spur. In vielen Fällen waren die Leute vermummt, die Beamten konnten nur die Stirn- oder Nasenpartie sehen. "Das reicht aber häufig, um die gesuchte Person ausfindig zu machen", verrät die Beamtin.

"Unsere Wiedererkenner haben bereits mehrfach gezeigt, welchen konkreten Mehrwert sie für die Polizeidirektion Dresden bieten. Ob bei Fußballspielen, in Ermittlungsverfahren oder bei nächtlichen Einsatzlagen: Sie erkennen Personen, die anderen verborgen bleiben, und schaffen damit wichtige Ermittlungsansätze", sagt Dresdens Polizeipräsident Lutz Rodig. Die Identifizierung Tatverdächtiger sei dabei nicht nur ein Fahndungserfolg. Sie könne unmittelbar dazu beitragen, Straftaten aufzuklären, Gefahren zu verhindern und Beamte gezielter einzusetzen.

Dresdner Polizei rekrutiert Wiedererkenner aus den eigenen Reihen

Die Fähigkeit zum Wiedererkennen sei weder an das Geschlecht noch an den Bildungsstand oder sozialen Status gebunden, berichtet die 25-Jährige. "Eine Reinigungskraft kann die Begabung genauso besitzen wie ein Professor. Man braucht kein Abitur, damit es besser funktioniert." Die Dresdner Polizei rekrutiere ihre Wiedererkenner aber nur aus den eigenen Reihen. Mit psychischem Druck müsse jeder Polizist umgehen. Bei den Wiedererkennern gehe es auch um den Druck, möglicherweise etwas verpasst oder nicht alles gesehen zu haben.

Dass eines Tages Künstliche Intelligenz (KI) den Job der Recognizer gänzlich übernehmen kann, glaubt die Dresdner Polizistin nicht. "Natürlich wird KI immer besser und findet auch schneller Gesichter - vor allem, wenn es um große Bildmengen oder Dateimengen geht. Aber die Frage ist immer, wie zuverlässig ist so eine KI, und will ich meine Entscheidung davon abhängig machen?" Solange eine KI nicht fehlerfrei arbeite, bleibe das Wiedererkennen Hand- oder besser Augenarbeit.

Quelle: dpa

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