ThüringenReformen im Gesundheitswesen - was Thüringer Ärzte erwarten

Im Gesundheitswesen stehen Reformen an. Werden diese den Alltag in Thüringer Praxen verändern? Und worauf stellen sich Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeuten ein?
Erfurt (dpa/th) - Die Reformen im Gesundheitsbereich sind in aller Munde - doch was werden die konkreten Folgen für Patientinnen und Patienten sein? Ein Hausarzt, eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin und eine Psychotherapeutin aus Thüringen schildern, welche Folgen sie für ihre Praxen und für die Bürger erwarten.
Kurz vor der Sommerpause wurde das Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung von Bundestag und Bundesrat auf den Weg gebracht, weitere Reformen sollen bald folgen. Das Beitragssatzstabilisierungsgesetz soll die gesetzlichen Krankenkassen ab 2027 von stark steigenden Ausgaben entlasten, um neue Beitragserhöhungen zu verhindern. Vorgesehen sind etwa Ausgabenbremsen bei Praxen, Kliniken sowie Apotheken.
Wie ist die Lage in der Psychotherapie?
Mit dem Gesetz soll unter anderem die Honorierung der Psychotherapie stark verändert werden. Vereinfacht gesagt wird Psychotherapie künftig nicht mehr ungedeckelt honoriert, sondern aus einem gedeckelten Budget der Krankenkassen, wie Dagmar Petereit, Landesvorsitzende der Psychotherapeutenvereinigung und selbst Psychotherapeutin, erklärt. Ausnahmen soll es nach derzeitigem Stand lediglich bei der kinder- und jugendpsychiatrischen Grundversorgung geben.
Psychotherapeuten werden pro Patient pro Stunde bezahlt. Je nachdem, ob sie einen halben oder einen ganzen Kassensitz haben, müssen sie eine Mindestanzahl an Stunden pro Woche anbieten. Bisher konnte jeder Psychotherapeut so viele Therapiestunden erbringen, wie er oder sie darüber hinaus schaffte - und er wurde dafür entsprechend vergütet, erklärt Petereit. "Das war ja auch gewollt - Bedarf ist ja da."
"Wir hatten eine große Planungssicherheit", sagt sie. Doch ab kommendem Jahr werden für halbe Sitze möglicherweise nur noch 18 Stunden pro Woche voll vergütet. "Damit würden tatsächlich eine Menge Therapieplätze wegfallen", sagt Petereit. Denn Therapeuten mit einem vollen Sitz würde nicht automatisch ihre Stunden entsprechend erhöhen.
Und auch für die Psychotherapeuten würden wichtige Einnahmequellen wegfallen - das könne für manche "existenzgefährdend" werden, sagt die Therapeutin. Außerdem bedeute das: "Noch weniger Behandlungskapazitäten für die Patienten", so Petereit. Ihr zufolge wird es deswegen künftig längere Wartezeiten geben.
Auch mehr Krankenhausaufenthalte infolge psychischer Behandlungen seien möglich. Eine weitere Folge könnte zudem eine zunehmende Privatisierung sein. So könnte es ein Trend werden, dass mehr Patienten ihre Leistungen selber zahlen - "aus der Not heraus, weil sie keinen Kassenplatz kriegen", sagt Petereit.
Wie sieht es im hausärztlichen Bereich aus?
Als ein zentrales Reformvorhaben für den Herbst hatte Gesundheitsministerin Nina Warken kurz vor ihrer Amtsübergabe an ihren Nachfolger Carsten Linnemann (beide CDU) zudem die sogenannte Primärversorgung angekündigt. Sie sieht vor, dass Patientinnen und Patienten voraussichtlich künftig weit stärker als bisher zuerst zu ihrer Hausarzt-Praxis gehen müssen.
"Wir hören natürlich von allen Seiten, dass wir diejenigen sein sollen, die ein Gros dieses Steuerungssystems übernehmen sollen", sagt Ulf Zitterbart. Er ist Hausarzt und Vorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Thüringen. Bislang sei jedoch noch offen, wie diese Reform ausgestaltet wird.
"Wenn es jetzt so wird, dass man für jede Facharztkonsultation einen Überweisungsschein braucht und ich am Montagfrüh 100 Überweisungsscheine ausstellen soll, dann sind wir überfordert und dann hat das System auch keinen Sinn", sagt er. Weltweit gebe es aber Systeme, die funktionierten und als Beispiele herangezogen werden könnten.
Auch das Spargesetz werde zu Auswirkungen bei den Hausärzten führen, erklärt er. So nähmen etwa die Honorare pro Patient ab, wenn ein Mediziner seine Praxis erweitern wolle. Zudem würden Leistungen, die bislang extra vergütet wurden, etwa Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen, künftig aus einem großen Topf bezahlt werden.
"Ich fürchte, dass wir mehr Belastungen kriegen und weniger Umsatz für die Praxen", sagt der Hausarzt. "Das ist so die große Gefahr, die ich sehe. Dass Hausarztpraxen in ihrer Struktur, wie sie jetzt gewachsen sind und wie sie sich auch eingestellt haben auf die aktuelle Versorgungslandschaft, nicht mehr in dieser Form fortbestehen können."
Vermutlich müssten sich viele Praxen verkleinern, etwa durch Stellenabbau. "Und diese Verkleinerung bedeutet natürlich, dass ich auch weniger Patienten behandeln kann." Größere Einschnitte erwartet er zudem bei den Fachärzten. Es könne schwieriger werden, an Termine bei den Spezialisten zu kommen.
Was eine HNO-Ärztin erwartet
Das sieht auch Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Denise Lundershausen so. Menschen, die ohnehin bereits Patienten seien, hätten teils schon Termine für das nächste Jahr vereinbart. Aber bei Menschen mit Akuterkrankungen werde es künftig sicher länger dauern, bis sie einen Termin erhielten, sagt sie. Lundershausen ist Thüringer Landesvorsitzende des Berufsverbands der HNO-Ärzte.
Bislang wurden Behandlungen von Patienten, die über Terminservicestellen zeitnah einen Termin bekamen, extrabudgetär bezahlt. Das heißt, für jeden Patienten, der über Terminservicestellen schnell drangenommen wurde, erhielt die Ärztin einen Betrag obendrauf. In ihrer Fachgruppe gebe es viele dieser Akutpatienten - sei es mit Ohrenschmerzen oder Nasennebenhöhlenentzündungen. Doch dieses Vorgehen soll im Zuge des Spargesetzes unter anderem gestrichen werden.
Aber auch an anderen Stellen werden Kürzungen erwartet. So sollen ambulante Operationen künftig nicht mehr extrabudgetär vergütet werden. Wenn also künftig beispielhaft 100 ambulante Operationen im Monat vorgesehen seien, könne die 101. nicht mehr stattfinden.
Als Folge der neuen Vorgaben könnten Mediziner künftig auch ihre Praxisstruktur verändern, zum Beispiel in dem mehr Selbstzahler-Sprechstunden angeboten würden, erklärt Lundershausen. Auch längere Wartezeiten oder eine Begrenzung der Patientenzahlen seien möglich.
Da vieles noch offen sei, sei eine längerfristige Planung aktuell schwer, sagt die HNO-Ärztin. Bis sie die finanziellen Folgen der Reform abschätzen könne, werde es dauern, denn durch das Abrechnungssystem erhalte sie erst ein halbes Jahr später eine erste Rückmeldung darüber, wie das erste Quartal 2027 letztlich lief.