Fußball-WM 2019

Mit Kampf- und Meinungsstärke US-Stars herrschen auf und neben WM-Rasen

Die US-Amerikanerinnen verteidigen ihren Titel bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Sie überzeugen in Frankreich aber nicht nur auf dem Rasen, sondern setzen auch abseits der Spiele die Themen. Allen voran schreitet Megan Rapinoe - die herausragende Spielerin des Turniers.

Donald Trump gab am Sonntagabend ganz den jovialen US-Präsidenten: "Gratulation an das US-Team zum Gewinn der Weltmeisterschaft. Großartiges und aufregendes Spiel. Amerika ist stolz auf euch alle!", schrieb er bei Twitter. Kein Wort zu viel, auch kein anstößiges. Dabei dürfte er bei allem Nationalstolz innerlich in Aufruhr sein und es ist äußerst fraglich, ob er wirklich alle Spielerinnen meinte. Schließlich hat ausgerechnet seine derzeit größte Kritikerin, Megan Rapinoe, so viele Trophäen bei der Fußball-Weltmeisterschaft eingeheimst, dass sie diese kaum tragen konnte.

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Die seit Freitag 34-Jährige wurde nicht nur zum zweiten Mal in Folge Weltmeisterin sondern auch Spielerin des Turniers, Torschützenkönigin und Spielerin des Spiels. Und dann hat sie auch noch die Dopingkontrolle im Eiltempo bezwungen, die sie fast die Pressekonferenz nach dem Spiel gekostet hätte. Mit den Worten "I just killed doping" ("Ich habe Doping gerade getötet") stürmte sie den Konferenzraum, als sie schon niemand mehr erwartete. Die Lacher hatte sie sicher. Rapinoe hat Taten folgen lassen, nachdem Trump sie in einem Twitter-Disput beschimpft hatte, sie solle "erst mal GEWINNEN und dann REDEN".

Rapinoe "gemacht für diese Momente"

Die Frau mit den lilafarbenen Haaren bewies, dass sie beides kann. Sie ließ sich zu keiner Zeit von Kritik beirren, im Gegenteil. "Sie ist gemacht für diese Momente", sagte Trainerin Jill Ellis. "Je größer die Scheinwerfer sind, desto mehr leuchtet sie." Zusammen mit ihrem Team hat Rapinoe den WM-Titel verteidigt, im Finale gegen die Niederlande gewannen sie 2:0 dank starker Teamleistung, starkem Willen und großer Abgeklärtheit.

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Sie waren vor dem Turnier die Favoritinnen. Sie waren es auch während des Turniers - obwohl sie mit drei 2:1-Siegen durch die K.-o.-Runden eierten. "Wir hatten Spiele, die schwer waren, Spiele, die nicht so gut liefen", bekannte auch Rapinoe. Das ändert aber nichts: Sie werden in den kommenden Jahren die Favoritinnen bleiben. Auch wenn Ellis anerkennend sagte: "Das Niveau ist weltweit deutlich gestiegen." Sieben der Teams im Viertelfinale kamen aus Europa - doch letztlich setzte sich die einzige nicht-europäische Nation durch. Die USA haben nicht die besten Einzelspielerinnen auf allen Positionen, aber sie sind ein starkes Team, sie haben tolle Bedingungen, als großes Land einen großen Spielerinnen-Pool. Und sie haben das allen US-Amerikanern innewohnende Selbstbewusstsein.

Dieses dürfte auch geholfen haben, als die erste Halbzeit des Finales mit 0:0 endete. Bislang hatten die USA bei der WM in Frankreich immer spätestens nach zwölf Minuten ein Tor geschossen, darauf mussten sie gegen die "Oranjeleeuwinnen" bis zur 61. Minute warten, als Rapinoe einen Elfmeter verwandelte. Der Strafstoß war fällig geworden, weil Stefanie van der Gragt ihre Gegenspielerin Alex Morgan im Strafraum mit viel zu hohem Fuß am Oberarm getroffen hatte. Nur acht Minuten später folgte das 2:0 durch Rose Lavelle nach einem feinen Sololauf inklusive Abschluss etwa 20 Meter vor dem Tor. Spätestens ab dieser 69. Minute wirkten die Amerikanerinnen nicht mehr ansatzweise gefährdet auf ihrem Weg zur Titelverteidigung. Sie schienen sich mit Anlauf vorzubereiten auf die Siegerehrung, auf die Ehrenrunde, auf das Baden im gold-blauen Glitterflimmer der Konfettikanonen.

"Equal Pay"-Rufe im Stadion

Eben dieses Selbstverständnis führte im März auch dazu, dass die Spielerinnen ihren eigenen Verband wegen Diskriminierung verklagten. Die Gleichberechtigung ist für das Team ein wichtiges Gut. Gleichberechtigung von Frauen und Männern, von Homo- und Heterosexuellen, von Schwarzen und Weißen. Zusammen haben sie dafür gesorgt, dass dem Thema Aufmerksamkeit geschenkt wird. Als Fifa-Präsident Gianni Infantino und Frankreichs Präsident Emanuel Macron zur Siegerehrung den Rasen betraten, wurden sie von den 57.900 Zuschauern ausgebuht. Ihr Weg aufs Podium wurde von "Equal pay"-Rufen nach gleicher Bezahlung begleitet.

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Rapinoe posiert nach ihrem 1:0 im WM-Finale gegen die Niederlande.

(Foto: imago images / PA Images)

Rapinoe hatte auch am Tag vor dem Finale nicht geschwiegen. Sie sprach über gleiche Bezahlung im Sport und kritisierte die Fifa, dass trotz anvisierter Aufstockung der Preisgelder die Spanne zu den Männern größer wird. Und zeigte sich entsetzt darüber, dass der Weltverband gleich drei Fußball-Finals an einem Tag austragen lässt. Schließlich fanden am Sonntag zusätzlich die Finals der Copa America und des Gold Cups statt - beides Turniere der Männer. Sie geht voran mit ihrer Meinung, bekommt aber Rückendeckung von ihren Mitspielerinnen, das Team hält zusammen. Ali Krieger etwa will einer möglichen Siegesfeier im Weißen Haus nicht beiwohnen. Die Diskussion, die Rapinoe mit ihrer Äußerung: "Ich werde nicht in das beschissene Weiße Haus gehen", losgetreten hatte, ist so groß, dass Ellis nicht darauf wetten wollte, dass es tatsächlich eine Einladung von Trump geben wird.

Jubel-Pose wird zu Anti-Trump-Meme

Zumal die Lebensweise und Ansichten vieler Spielerinnen ohnehin so gar nicht nach dem Geschmack des 73-Jährigen sind. Rapinoe etwa bekennt sich öffentlich zu ihrer Homosexualität und lebt mit der US-Basketballspielerin Sue Bird zusammen - und nutzte die WM-Bühne zum Kampf für Toleranz. "Sie ist auf und abseits des Platzes so eine Führungsfigur für uns geworden, ich bin von ihr inspiriert", sagte Krieger, die von 2007 bis 2012 beim 1. FFC Frankfurt gespielt hatte. Sich als Frau kleiner zu machen als nötig, davon hält auch Glamour Girl Morgan so gar nichts. Ihre "Tee"-Geste nach ihrem Treffer im Halbfinale gegen England hatte in einem Shitstorm geendet. Sie würde sich über die Engländerinnen lustig machen und benehme sich schrecklich, hieß es da. Eine Aufregung, die die 30-Jährige überhaupt nicht nachvollziehen konnte: "Wir können zwar jubeln, aber bloß nicht zu sehr", sagte sie. "Auf der ganzen Welt sieht man Männer bei großen Wettbewerben, die sich beim Jubeln an den Sack fassen. Und wenn ich so tue, als würde ich eine Tasse Tee trinken, bin ich über die Kritik schon überrascht." Im Übrigen sei die Geste eine Hommage an ihre Lieblingsschauspielerin Sophie Turner gewesen, die diese Handhaltung mit dem Spruch "That‘s the tea" ("Das ist der neueste Klatsch") verwende.

Im Finale erzielte Morgan kein Tor, konnte keinen imaginären Tee trinken, war aber natürlich trotzdem "so glücklich" und "so emotional". Immerhin hatte sie den Elfmeter herausgeholt, den Rapinoe verwandelte. Und so war es auch Rapinoe vorbehalten, anschließend ihre stolze Pose, die längst zu einem Twitter-Meme gegen Trump geworden ist, einzunehmen. Ausgebreitete, in die Höhe erhobene Arme, stolze Mine, hochgerecktes Haupt. Sie drückte den Stolz und die Haltung aus, den auch ihre Mitspielerinnen in sich tragen. Auf und neben dem Platz.

Quelle: n-tv.de

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