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Tor für den Hamburger SV: Tatsuya Ito freut sich. Doch dann schaltet sich der Videoassistent ein.
Tor für den Hamburger SV: Tatsuya Ito freut sich. Doch dann schaltet sich der Videoassistent ein.(Foto: imago/Jan Huebner)
Montag, 07. Mai 2018

"Collinas Erben" kalibrieren: Kein Tor für den HSV: toll oder skandalös?

Von Alex Feuerherdt

In Frankfurt gibt es über die Annullierung eines Abseitstores für den HSV viele Diskussionen, obwohl der Video-Assistent richtig liegt. Solche Debatten werden wohl bald ein Ende haben, denn zur WM sollen endlich die kalibrierten Linien kommen.

Es gibt eine gute Nachricht, was den Video-Assistenten betrifft: Bei der Fußball-WM in Russland sollen die genormten Abseitslinien zur Verfügung stehen. Das hat jedenfalls DFB-Präsident Reinhard Grindel bereits vor einem Monat zu Protokoll gegeben, und man kann davon ausgehen, dass er bestens informiert ist. Damit gäbe es endlich jenes von der Fifa zertifizierte Kalibrierungssystem, auf dem die DFL besteht. Alles andere ist ihr zu ungenau und zu fehleranfällig, weshalb die Video-Assistenten in der Bundesliga bei der Prüfung, ob einem Tor ein strafbares Abseits vorausging, bislang unglücklicherweise ganz ohne Linien auskommen müssen und sich nur auf ihre Augen verlassen können. Das hat immer wieder für Diskussionen gesorgt, so auch am vorletzten Spieltag dieser Saison.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dabei klingt die betreffende Anweisung zunächst einmal einfach und schlüssig: Die Helfer in Köln sollen dem Schiedsrichter auf dem Feld nach einem Treffer nur dann eine Abseitsstellung melden, wenn sie klar und eindeutig festzustellen ist. Sind sie sich dagegen nicht sicher - was beispielsweise aufgrund ungünstiger Kameraperspektiven ohne Weiteres vorkommen kann - dann soll es bei der Entscheidung auf dem Feld bleiben. In der Praxis stellt sich die Sache allerdings etwas komplexer dar. Denn so paradox es klingen mag: Was klar und eindeutig ist, ist nicht immer klar und eindeutig - zumindest nicht für jeden: Der eine Video-Assistent ist auf der Grundlage der Bilder, die ihm zur Verfügung stehen, trotz fehlender Abseitslinie davon überzeugt, ein Abseits deutlich zu erkennen, obwohl es knapp ist, während ein anderer zweifelt und unsicher ist. Das ist menschlich. Nur kalibrierte Linien können diesen Unterschied zum Verschwinden bringen.

Und die sind dringend erforderlich, denn über eine faktische Entscheidung wie das Abseits sollte es keine zwei Meinungen geben können, wenn technische Hilfsmittel verwendet werden. Schon gar nicht in einem solch bedeutsamen Spiel wie dem zwischen Eintracht Frankfurt und dem Hamburger SV (3:0). Nach 25 Minuten hatte Tatsuya Ito für die stark abstiegsbedrohten Gäste beim Stand von 0:0 ins Tor getroffen und Schiedsrichter Deniz Aytekin keine Einwände gegen den Treffer erhoben. Doch sein Video-Assistent Günter Perl schaltete sich ein, weil er ein Abseits von Ito wahrgenommen hatte. Daraufhin wurde das Tor annulliert. Mehrere Fernsehsender blendeten ihre eigenen Abseitslinien ein und hielten den vermeintlichen Moment des Zuspiels auf Ito fest, über den sich die TV-Stationen uneins waren. Fasst man diese Analysen zusammen, dann lag aller Wahrscheinlichkeit nach eine Abseitsstellung des Hamburgers vor, die allerdings äußerst knapp war.

Bewundernswert oder skandalös?

Konnte der Video-Assistent sich angesichts dessen überhaupt sicher sein? Hätte er nicht Bedenken haben müssen, die Annullierung des Treffers zu empfehlen, und sich deshalb heraushalten sollen? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Im Bezahlsender "Sky" etwa feierte der frühere Fifa-Schiedsrichter Markus Merk die Entscheidung als "bewundernswert", während Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann sie "skandalös" fand.

Gut informiert? Deniz Aytekin.
Gut informiert? Deniz Aytekin.(Foto: imago/Revierfoto)

Referee Aytekin wiederum erklärte dem "Kicker": "Günter Perl hat mir gesagt, dass es aufgrund der ihm in Köln zur Verfügung stehenden Möglichkeiten - wie in Szenen reinzuzoomen zum Beispiel - für ihn zweifelsfrei war, dass eine Abseitsposition vorlag." Auf diese Überzeugung kommt es letztlich an. Das beste Argument hat man aber, wenn am Ende die richtige Entscheidung steht. Das kann jedenfalls gewiss kein Skandal sein.

Gleichzeitig sind nicht wenige der Ansicht, es könne und dürfe nicht sein, dass bei Schwarz-weiß-Entscheidungen wie dem Abseits der eine Video-Assistent in einer engen Situation seine Zweifel gewinnen lässt, während ein anderer in einer vergleichbaren Szene eine Korrektur empfiehlt. Selbst wenn man den allzu leichtfertig erhobenen Vorwurf der Willkür, wo es um die Grenzen menschlicher Wahrnehmung geht, aus guten Gründen zurückweisen kann, sind der Ärger und die Verunsicherung über eine solche unterschiedliche Auslegung doch begreiflich. Es ist deshalb gut, dass es diese Baustelle bei der WM in Russland aller Voraussicht nach nicht geben wird – und in der Bundesliga danach voraussichtlich auch nicht mehr.

Volland: erst verwechselt, dann verschont

Im Spiel zwischen Werder Bremen und Bayer 04 Leverkusen (0:0) gab es derweil eine Premiere in Sachen Videobeweis: Erstmals kam er im Zuge einer Spielerverwechslung zum Einsatz. Passiert war dies: In der 85. Minute ergab sich eine große Torchance für die Gäste, bei der Kevin Volland allerdings rüde gegen Jiří Pavlenka einstieg. Der Leverkusener stieg dem Bremer Torwart rücksichtslos mit den Stollen aufs Knie. Schiedsrichter Robert Hartmann zückte dann auch die Gelbe Karte, hielt sie allerdings dem falschen Spieler vor die Nase, nämlich Vollands Mitspieler Lucas Alario. Der befand sich - anders als Volland - beim Pfiff des Unparteiischen zwar in der Nähe des Referees, hatte mit der Szene aber nichts zu tun. Video-Assistent Bastian Dankert tat, was er tun musste, und teilte Hartmann die Verwechslung mit.

Der Referee rief daraufhin Alario zu sich und zog Werders Zlatko Junuzović hinzu, weil es üblich ist, die Rücknahme einer persönlichen Strafe auch dem Kapitän des gegnerischen Teams mitzuteilen, um Missverständnissen vorzubeugen. Wer aber dachte, Hartmann werde jetzt Volland verwarnen, sah sich getäuscht: Der deutsche Nationalspieler, der in der ersten Hälfte nach einem Foulspiel die Gelbe Karte bekommen hatte, kam überraschend um Gelb-Rot herum. Der Referee strich die Verwarnung einfach, was nicht nur Junuzović verwunderte. Auch andere fragten sich: Was sollte das denn?

Regeltechnisch war dieser Sinneswandel zwar nicht zu beanstanden, schließlich kann der Schiedsrichter jede Entscheidung bis zur Spielfortsetzung ändern. Aber welchen guten Grund hätte es geben können und sollen, diese Verwarnung vollständig zu annullieren? Immerhin war das Foul an Pavlenka tatsächlich gelbwürdig, was der Schiedsrichter ja auch deutlich gemacht hatte, selbst wenn er die Karte dem Falschen präsentiert hatte. Fand er eine Matchstrafe, mithin eine Dezimierung der Leverkusener für das Vergehen zu hart? Das wäre schwer zu verstehen, zumal nur noch fünf Minuten zu spielen waren und Volland sich durch seine fünfte Gelbe Karte ohnehin das vorzeitige Saisonende eingehandelt hatte. Es gab einfach keinen sinnvollen Grund, den Angreifer von Bayer 04 zu verschonen - die Entscheidung war schlichtweg falsch.

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Quelle: n-tv.de