Collinas Erben

"Collinas Erben" schmunzeln Orban wirft den Koffer, Strobl hat’s zu eilig

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Gelb wegen einer "Dummheit": Willi Orban.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Leipzigs Kapitän Orban sieht Gelb, weil er den Medizinkoffer des Gegners vom Platz wirft. Dem Kollegen Selke ergeht's gegen Adler wie einem Argentinier im WM-Finale gegen Neuer. In Bremen wird ein Gladbacher für seine Ungeduld verwarnt.

In der fast 54-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga hat es so manche kuriose Verwarnung gegeben, am Samstag nun gesellte sich im Spiel zwischen RB Leipzig und dem Hamburger SV (0:3) eine weitere hinzu. Sie traf den Kapitän der Gastgeber, Willi Orban, wegen einer "Dummheit", wie der Leipziger Sportdirektor Ralf Rangnick befand. Orban selbst räumte selbstkritisch ein, er hätte "etwas cooler sein" müssen und "nicht so emotional".

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Was also war passiert in der 81. Minute der Begegnung des Liga-Neulings gegen den Liga-Dino, als der 24-Jährige sich die Gelbe Karte einhandelte - seine fünfte in dieser Saison, was ihm nun eine Sperre für das nächste Spiel einträgt? Orban hatte zunächst bei einem harten, aber fairen Tackling gegen Nicolai Müller in der Nähe der Seitenlinie den Ball gespielt. Der Hamburger hatte sich dabei jedoch so wehgetan, dass Schiedsrichter Sascha Stegemann in der nächsten Spielunterbrechung das medizinische Personal der Gäste auf den Platz rief.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf ntv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Orban ging die Behandlung von Müller offensichtlich nicht schnell genug, er witterte angesichts der 2:0-Führung für den HSV wohl eine Spielverzögerung. Also warf er, kaum dass Müller wieder auf den Beinen war, kurzerhand das Arztköfferchen der Norddeutschen in hohem Bogen vom Feld, um die Spielfortsetzung zu beschleunigen. Damit erreichte Orban jedoch das genaue Gegenteil seines Vorhabens, denn nun dauerte es noch länger, bis das Match weitergehen konnte. Die Hamburger beschwerten sich wort- und gestenreich über diese Aktion, es kam zu einer kleinen Rudelbildung, der Unparteiische musste gemeinsam mit seinem Assistenten schlichten und die Gemüter beruhigen.

Schließlich rief der Referee den Kapitän der Hausherren - der sich verdünnisiert hatte - zu sich, richtete einige unmissverständliche Worte an ihn und zeigte ihm die Gelbe Karte. Denn Orban hatte sich laut Regel 12 des unsportlichen Betragens schuldig gemacht. In diese Rubrik fallen viele Vergehen, beispielsweise das übermäßige Protestieren, das Vortäuschen eines Fouls (also die "Schwalbe"), das unerlaubte Betreten und Verlassen des Feldes oder das Ausziehen des Trikots nach einem Torerfolg. Auch das respektlose Verhalten gegenüber dem Spiel zählt dazu. Die Definition dieses Delikts ist zwar dehnbar, doch Orbans Kofferwurf fügt sich zweifellos in sie ein. Die Verwarnung war deshalb angemessen und folgerichtig.

Adler wie Neuer im WM-Finale

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Rustikal: René Adler nähert sich David Selke.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Zwei Minuten vor dem Ablauf der regulären Spielzeit gab es noch einmal Aufregung, als der Hamburger Torhüter René Adler in seinem Strafraum einen weiten Ball der Rasenballsportler vor Davie Selke im Herauslaufen erreichte und wegfaustete, den Leipziger Angreifer dabei jedoch derart abräumte, dass dieser verletzt liegen blieb. Schiedsrichter Stegemann ließ weiterspielen, weil die Faustabwehr des Keepers klar vor dessen Kontakt mit Selke lag. Die Szene erinnerte ein wenig an Manuel Neuers rustikale Klärungsaktion gegen den Argentinier Gonzalo Higuain im WM-Finale des Jahres 2014. Auch damals hatte der Unparteiische nichts zu beanstanden.

Die Schiedsrichter-Kommission des DFB dagegen erklärte seinerzeit, es hätte einen Strafstoß und Gelb für den deutschen Torwart geben müssen. Dieser sei "mit übermäßigem Körpereinsatz in den Zweikampf" gegangen und habe "zwar den Ball gespielt, dabei aber voll den Gegner erwischt". Bei Adler war es ähnlich, ein Strafstoß wäre denk- und vertretbar gewesen. Für die Referees sind solche Szenen allerdings äußerst schwierig einzuschätzen. Die Torhüter springen oft mit dem Knie voraus in den Kampf um den Ball. Als Teil einer natürlichen Bewegung oder um den Gegner auf Distanz zu halten? Genau das ist eben oft nicht leicht zu bestimmen.

Strobl kann es nicht erwarten

Nicht nur in Leipzig gab es eine ungewöhnliche Verwarnung, sondern auch in Bremen. Dort bekam sie der Mönchengladbacher Tobias Strobl nur wenige Sekunden, nachdem er in der 80. Minute eingewechselt worden war. Strobls Vergehen: Er war aufs Feld gelaufen, obwohl André Hahn, den er ersetzen sollte, es noch gar nicht verlassen hatte. Diese Reihenfolge ist laut Regel 3 aber unbedingt einzuhalten. Dabei geht es nicht um Kleinigkeiten: Wenn der Einwechselspieler beim Abklatschen mit dem Kollegen schon einen oder zwei Meter auf dem Platz steht, wird das kein Unparteiischer beanstanden. Strobl rannte jedoch schon los, als der Vierte Offizielle just seine Tafel in die Höhe reckte und Hahn noch gar keine Anstalten gemacht hatte, vom Rasen zu gehen. Somit war dem Schiedsrichter Benjamin Brand jeglicher Ermessensspielraum genommen, die Gelbe Karte unumgänglich. Der Tatbestand: unerlaubtes Betreten des Spielfeldes.

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Glänzendes Auge: Manuel Gräfe.

(Foto: imago/Eibner)

In der Auftaktpartie dieses 20. Spieltags zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und dem FC Augsburg (2:0) bewies der Referee Manuel Gräfe derweil ein glänzendes Auge bei der Anwendung der Vorteilsbestimmung. Nach einer halben Stunde Spielzeit fingen die Mainzer einen Eckstoß der Gäste ab, den drohenden Konter versuchte der Augsburger Philipp Max mit einem taktischen Foul an Jairo zu verhindern. Der Unparteiische aus Berlin führte auch bereits die Pfeife zum Mund und seine Hand zur Brusttasche, um die Gelbe Karte hervorzuholen.

Dann aber erkannte er, dass die Hausherren nicht nur in Ballbesitz blieben, sondern auch einen aussichtsreichen Angriff aufziehen konnten. Also entschied sich Gräfe, das Spiel weiterlaufen zu lassen. Am Ende des Angriffs fiel der Führungstreffer für die Mainzer. Und auch wenn das so natürlich nicht vorherzusehen war, als der Schiedsrichter den Vorteil gewährte, muss man doch feststellen, dass er ein ideales Spielverständnis bewiesen hatte. Korrekt war es auch, die Gelbe Karte gegen Philipp Max letztlich stecken zu lassen, obwohl sie im Falle eines Freistoßpfiffs fällig gewesen wäre. Denn das Foul war als solches nicht so schwer, dass es schon für sich genommen eine Verwarnung erforderlich gemacht hätte. Es war lediglich dazu geeignet, einen aussichtsreichen Angriff der Mainzer frühzeitig zu verhindern. Dadurch, dass die Vorteilsbestimmung zum Tragen kam, war dieses unfaire Vorhaben aber gescheitert. Deshalb musste auch keine Gelbe Karte mehr gezeigt werden, denn diese kommt nur im Falle seiner "erfolgreichen" Vollendung zum Vorschein.

Richtig lag Gräfe auch bei seiner Elfmeterentscheidung für die Hausherren in der 58. Minute, als der Augsburger Torwart Marwin Hitz den Mainzer Jhon Cordoba nach dessen Torschuss zu Fall brachte. Die Verwarnung für den Keeper in dieser Situation war ebenfalls korrekt: Zwar lag eine "Notbremse" vor, doch diese war im Kampf um den Ball geschehen, den Hitz knapp verfehlt hatte, weil Cordoba einen Tick schneller gewesen war. Und in solchen Fällen gibt es, sofern das Vergehen im Strafraum stattfindet, seit dieser Saison keinen Platzverweis mehr, sondern nur noch eine Gelbe Karte.

Strittig war allerdings die Einwurfausführung der Mainzer, die dem Foul vorausging. Denn zwischen dem Ort, an dem der Ball ins Seitenaus gegangen war, und der Stelle, an der die Gastgeber den Ball schnell wieder ins Spiel brachten, lagen gut und gerne zehn Meter. Dass die Schiedsrichter bei der Festlegung des Einwurfortes nicht allzu kleinlich sind und eine gewisse Toleranz walten lassen, ist eine allgemein akzeptierte, ja sogar erwünschte Praxis. Wie weit diese Toleranz gehen darf, ist dabei nicht festgelegt. Eine zweistellige Abweichung kratzt jedoch an der Grenze des weithin Akzeptierten. Die Augsburger machten Manuel Gräfe dennoch keinen Vorwurf. Sie wussten: Ihn trifft an ihrer Niederlage zuallerletzt die Schuld.

Quelle: ntv.de

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