Collinas Erben

"Collinas Erben" klären auf RB Leipzig profitiert vom "Strafrabatt"

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In Mönchengladbach kommt der schon verwarnte Leipziger Kapitän zur allgemeinen Überraschung nach einem taktischen Foul um die Matchstrafe herum. Doch die Entscheidung des Schiedsrichters ist korrekt - und das hat etwas mit der Vorteilsbestimmung zu tun.

Groß war bei vielen die Verwunderung in der Nachspielzeit der Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und RB Leipzig (1:0). Soeben hatte Marcel Sabitzer den davoneilenden Christoph Kramer bei einem Angriff der Gastgeber klar und deutlich am Trikot festgehalten und so versucht, ihn auf unfaire Weise zu stoppen. Der Gladbacher ließ sich allerdings nicht aufhalten und schüttelte seinen Gegner ab. Schiedsrichter Daniel Siebert entschied deshalb auf Vorteil, doch nicht nur Sky-Kommentator Frank Buschmann ging davon aus, dass der Unparteiische den bereits verwarnten Leipziger Kapitän in der nächsten Unterbrechung mit Gelb-Rot des Feldes verweisen würde.

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Marcel Sabitzer durfte durchspielen.

(Foto: Pool via REUTERS)

Das geschah aber nicht: Der Referee zeigte nur Christopher Nkunku die Gelbe Karte, nachdem dieser den Angriff der Hausherren mit einem rüden Foul an Jonas Hofmann beendet hatte; Sabitzer dagegen kam ungestraft davon und durfte bis zum Schlusspfiff auf dem Platz bleiben. Dabei war sein Griff an Kramers Trikot erkennbar der Versuch, einen potenziell gefährlichen Angriff durch ein taktisches Foul zu unterbinden. Wie konnte es dann sein, dass der Leipziger, der in der 70. Minute wegen übermäßigen Protestierens verwarnt worden war, dafür nicht die Matchstrafe erhielt? War Schiedsrichter Siebert hier unangemessen großzügig?

Wann die Vorteilsbestimmung zum "Downgrade" führt

Die Antwort ist: Nein, er hat im Einklang mit dem Regelwerk gehandelt. Dort ist in der Regel 12 zunächst einmal festgelegt, dass der Schiedsrichter auch bei einem Vergehen, das eine Gelbe, Gelb-Rote oder Rote Karte nach sich zieht, die Vorteilsbestimmung anwenden kann. Die fällige persönliche Strafe verhängt er dann nachträglich, sobald die Partie das nächste Mal unterbrochen ist. Dabei gibt es jedoch zwei Besonderheiten: "Handelte es sich beim Vergehen um das Vereiteln einer offensichtlichen Torchance, so wird der Spieler wegen unsportlichen Betragens [nur] verwarnt. Verhinderte oder unterband er einen aussichtsreichen Angriff, wird er nicht verwarnt."

Mit dem regelwidrigen "Vereiteln einer offensichtlichen Torchance" ist beispielsweise das gemeint, was landläufig als "Notbremse" bezeichnet wird. Dafür gibt es bekanntlich im Regelfall die Rote Karte. Zur "Verhinderung oder Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs" wiederum - gewissermaßen die Vorstufe der "Notbremse" - zählt etwa das klassische taktische Foul, zum Beispiel in Form eines kurzen Griffs ans Trikot des Gegners, wie es bei Marcel Sabitzer der Fall war. Das wird normalerweise mit der Gelben Karte geahndet. Wendet der Unparteiische in diesen Situationen aber die Vorteilsbestimmung an, weil das für die betreffende Mannschaft erfolgversprechender ist, dann findet bei der persönlichen Strafe anschließend eine Art "Downgrade" statt: Aus Rot wird Gelb, aus Gelb wird nichts.

Der Versuch wird milder bestraft als die Vollendung

Das hat regelphilosophische Gründe: Der Versuch soll hier milder bestraft werden als die Vollendung, zumal er durch die Gewährung des Vorteils ja gescheitert ist. Bezogen auf das Spiel in Mönchengladbach bedeutet das: Marcel Sabitzer hatte keinen Taterfolg, weil Christoph Kramer weiterlaufen konnte und der Angriff somit nicht regelwidrig vereitelt wurde. Deshalb blieb dem Kapitän die zweite Verwarnung, die Gelb-Rot bedeutet hätte, erspart. Ob es tatsächlich sinnvoll war, in dieser Situation auf Vorteil zu erkennen, steht auf einem anderen Blatt. Man könnte einwenden, dass der Angriff nicht übermäßig aussichtsreich war und die Gladbacher von einer Überzahl in der verbleibenden, allerdings nur noch kurzen Spielzeit womöglich mehr gehabt hätten.

Hinzu kommt, dass das Regelwerk dem Schiedsrichter empfiehlt, bei einem zweiten verwarnungswürdigen Vergehen nicht auf Vorteil zu entscheiden - "es sei denn, es ergibt sich eine klare Torchance", die hier jedoch nicht vorlag. Dabei handelt es sich allerdings um eine Soll- und nicht um eine Muss-Bestimmung. In der Praxis ist es für die Unparteiischen zudem manchmal schwierig, im Kopf zu haben, wer bereits verwarnt wurde, und den betreffenden Spieler in der fraglichen Situation als vorbelastet zu identifizieren, während der Ball noch rollt.

Kein "Strafrabatt" bei harten oder verwerflichen Vergehen

Den "Strafrabatt" bei der Anwendung der Vorteilsbestimmung in den genannten Situationen gibt es unabhängig davon, wie der Vorteil am Ende ausgeht. Denn wenn der Schiedsrichter ihn gewährt, nachdem er kurz abgewartet hat, ob das auch sinnvoll ist, dann handelt er in der Überzeugung, dass das betreffende Team mehr davon hat als von einem Freistoß oder Strafstoß. Folgt nach dem Vorteil jedoch ein Fehlpass oder wird die klare Torchance vergeben, kann das ursprüngliche Vergehen nicht mehr geahndet werden. Das birgt ein gewisses Risiko - allerdings kann umgekehrt auch ein verfrühter Pfiff für Unzufriedenheit sorgen, wenn dadurch ein Vorteil zerstört wird.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Übrigens gibt es das erwähnte "Downgrade" nicht bei rücksichtslosen, respektlosen oder brutalen Vergehen, also bei Fouls, die schon aufgrund ihrer Härte oder Verwerflichkeit eine persönliche Strafe nach sich ziehen. Das heißt: Wer seinen Gegner nicht nur durch ein kurzes Festhalten taktisch foult, sondern durch ein rüdes Einsteigen, bekommt die Gelbe Karte auch dann, wenn der Schiedsrichter anschließend auf Vorteil entscheidet. Auch ein Ziehen am Trikot kann für den Fall, dass der Vorteil gewährt wird, noch zu einer Verwarnung führen - nämlich dann, wenn es sich über mehrere Meter oder mehrere Sekunden fortsetzt. Das gilt als respektlos. Bei Sabitzer war das allerdings nicht der Fall.

Was sonst noch wichtig war:

  • Gleich vier knifflige Handspiele im Strafraum musste Schiedsrichter Benjamin Brand im Spiel FC Schalke 04 - VfB Stuttgart (1:1) bewerten. Dabei entschied er - in einem Fall mit Unterstützung durch den Video-Assistenten - jeweils richtig oder doch zumindest vertretbar: Der Schalker Omar Mascarell stützte sich in der 29. Minute mit seinem rechten Arm auf dem Boden ab, als der Ball ihn dort traf; nach den Regeln ist ein solches Handspiel ausdrücklich nicht strafbar. Mitspieler Salif Sané dagegen blockierte nach 55 Minuten mit ausgestrecktem Arm einen Torschuss, weshalb der VAR zu Recht eingriff, nachdem der Unparteiische dieses Vergehen nicht wahrgenommen hatte. Nach dem fälligen Review gab es folgerichtig einen Strafstoß. Sanés Handspiel in der 89. Minute wiederum bewertete der Referee als nicht ahndungswürdig, was korrekt war: Der Schalker hatte sich aus der Flugbahn des Balles zu drehen versucht und den Arm nahe an den Körper gezogen. Das Handspiel des Stuttgarters Pascal Stenzel kurz nach der Pause ungeahndet zu lassen, war dagegen grenzwertig, weil der Arm ein Stück vom Körper abgewinkelt war. Andererseits ließ sich argumentieren, dass diese Haltung aus einer natürlichen Sprungbewegung resultierte.

  • Große Aufregung gab es im Zweitligaspiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem 1. FC Nürnberg (3:2). Denn das entscheidende Tor resultierte aus einem Foulelfmeter für die Gastgeber, auf dem der Unparteiische Sven Waschitzki trotz einer gegenteiligen Empfehlung des VAR beharrte. Die Bilder im Review zeigten, so hieß es auf dem Twitter-Account der DFB-Schiedsrichter, "einen Kontakt im Schienbeinbereich". Diesen habe der Referee als ursächlich dafür bewertet, dass der Braunschweiger Lasse Schlüter im Strafraum fiel. Wenn man allerdings sieht, wie kurz und geringfügig der Kontakt war und wie bereitwillig Schlüter zu Boden ging, kommt man kaum umhin, die Intervention des Video-Assistenten für berechtigt zu halten - den Elfmeterpfiff hingegen nicht.

Quelle: ntv.de