Collinas Erben

"Collinas Erben" bewahren Ruhe Warum die Tor-Trödelei mit Doppel-Gelb endet

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Frank Willenborg muss schlichten.

(Foto: imago images/Sportfoto Rudel)

Beim Stuttgarter Sieg am zehnten Spieltag der Fußball-Bundesliga fühlen sich die Bremer von Doppeltorschütze Wamangituka veralbert, als der den entscheidenden Treffer markiert. Das Tor ist regulär, auch wenn es anschließend die Gelbe Karte gibt - wobei der Schiedsrichter das Regelwerk strapaziert.

Es ist ohne Zweifel die kurioseste Szene des Spieltags, vielleicht sogar der gesamten bisherigen Saison: In der Partie zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart (1:2) läuft bereits die Nachspielzeit, als die Stuttgarter, die mit 1:0 führen, den Ball hoch, weit und unplatziert in Richtung des gegnerischen Strafraums schlagen. Dort geht der Bremer Verteidiger Ömer Toprak rund 25 Meter vor dem eigenen Tor unbedrängt zum aufspringenden Ball und lässt ihn mit der Brust in Richtung seines Torwarts Jiří Pavlenka abtropfen, der sich knapp vor dem Sechzehnmeterraum aufhält. Eigentlich eine Routinesituation für beide.

Doch die Rückgabe gerät einen Tick zu kurz, vielleicht kommt der Keeper auch einen Tick zu spät. Der Stuttgarter Silas Wamangituka, der den Braten gerochen hat, sprintet jedenfalls dazwischen und stibitzt den Ball, kurz bevor ihn Pavlenka wegschlagen kann. Während die beiden Bremer stehen bleiben und sich bedröppelt ansehen, läuft Wamangituka mit dem Ball am Fuß mutterseelenallein aufs leere Tor zu. Doch er schießt die Kugel nicht einfach trocken ins Netz, sondern verharrt mit ihr mehrere Sekunden lang kurz vor der Torlinie. Erst als sich Pavlenka nähert, befördert er den Ball mit dem Fuß zum 0:2 in die Maschen.

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Alle Zeit der Welt ...

(Foto: imago images/Sportfoto Rudel)

Doch warum die Verzögerung beim finalen Torschuss? Um ein bisschen "Zeit von der Uhr zu nehmen", wie man so sagt? Oder um den Gegner zu ärgern? Ihn gar zu verhöhnen, zu demütigen? Wamangituka zeigt nach seinem zweiten Tor an diesem Tag jedenfalls keinerlei Emotionen und hebt abwehrend die Hände, als Davie Selke ihn entrüstet zur Rede stellt und dabei bedrängt. Der Bremer hat die Art und Weise der Torerzielung als "respektlos" empfunden, wie er dem Sender Sky später sagt. Schiedsrichter Frank Willenborg erkennt den Treffer an - und zeigt beiden Spielern die Gelbe Karte. Wofür Selke sie bekommt, ist offensichtlich. Aber Wamangituka? Etwa für das aufreizende Hinauszögern des Torschusses?

Torerzielung war nicht unsportlich

Das jedenfalls vermuten viele - nur kann das regeltechnisch nicht sein. Denn wenn das Vorgehen des Stuttgarters nach Auffassung des Unparteiischen eine Verhöhnung des Gegners dargestellt hätte, dann hätte er den Treffer wegen unsportlichen Verhaltens nicht anerkennen dürfen und auf indirekten Freistoß für Werder Bremen entscheiden müssen. Doch er gab ihn, und zwar zu Recht, wie Lutz Wagner, der Schiedsrichter-Lehrwart des DFB, im Gespräch mit ntv.de erklärt. "Hätte sich der Spieler etwa auf den Boden gelegt oder hingekniet und den Ball dann mit dem Kopf über die Linie gebracht, wäre das etwas anderes gewesen."

Dann nämlich wäre die Grenze zur Demütigung überschritten gewesen, und das Tor hätte nicht gezählt. Diese Grenze sei nicht immer einfach zu ziehen, in jedem Fall aber dort erreicht, wo der Abschluss bei verwaistem Tor auf völlig unnatürliche Weise vorgenommen werde und erkennbar nicht nur dazu diene, einen Treffer zu erzielen, sondern auch, den sportlichen Gegner zu veralbern und zu verspotten. "Das ist allerdings nicht der Fall, wenn einer, wie Wamangituka es getan hat, einfach noch einen Moment vor der Linie wartet, bevor er den Ball auf normale Art ins Tor schießt", so Wagner.

Eine strafbare Spielverzögerung kam ebenfalls nicht in Betracht, weil es nur einen Fall gibt, in dem auf "Zeitspiel" entschieden werden kann, wenn der Ball im Spiel ist: Wenn der Torwart den Ball länger als sechs Sekunden mit den Händen kontrolliert, ist theoretisch ein indirekter Freistoß fällig. Das wird von den Schiedsrichtern in der Praxis allerdings nur selten geahndet, was auch auf allgemeine Akzeptanz trifft. Den Torschuss vor dem leeren Gehäuse zu verzögern, ist im Kern dagegen letztlich nichts anderes, als eine Führung zu sichern, indem man den Ball bei einem Angriff an der Eckfahne festmacht und mit ausgestrecktem Po verteidigt.

Warum es trotzdem Gelb gibt

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Aber warum gab es dann die Gelbe Karte für Wamangituka? Rein regeltechnisch sei das schwierig zu begründen, erläutert Wagner, schließlich habe sich der 21-Jährige nach der Torerzielung zurückgehalten, anders als Selke. Doch die Schiedsrichter lösen Konflikte gerne salomonisch mit je einer Verwarnung hüben wie drüben, wenn es der Deeskalation und der Beruhigung des Spiels dient, so etwa auch bei "Rudelbildungen". Allerdings müssen die Verwarnten sich dann auch wirklich etwas zuschulden kommen lassen haben, und das ist bei Wamangituka eigentlich nicht der Fall.

Gewiss: Hätte er seinen Torschuss nicht so lange verzögert, dann hätte sich Selke wohl auch nicht empört. Wamangituka hat sich aufreizend verhalten, ohne die Grenze zum unsportlichen Verhalten zu überschreiten; er hat gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstoßen, aber nicht gegen die Fußballregeln. Die Gelbe Karte stand deshalb nicht im Einklang mit dem Regeltext, dürfte aber trotzdem zur Beruhigung der Bremer Gemüter und damit des Spiels beigetragen haben. Das war Frank Willenborg im Zweifelsfall wichtiger.

Ein ähnliches Tor fiel im deutschen Profifußball übrigens zuletzt vor etwas mehr als 28 Jahren, nämlich im Zweitrundenspiel des DFB-Pokals zwischen Rot-Weiss Essen und dem FC Schalke 04 (2:0). Damals, im September 1992, eroberte der Essener Jörg Lipinski, ebenfalls in der Nachspielzeit, nach einem Fehler des Schalker Torwarts Jens Lehmann den Ball und lief mit ihm aufs leere Schalker Tor zu. Sekundenlang wartete er vor der Linie mit dem Torschuss, er kostete den vorfreudigen Jubel der Zuschauer voll aus. Dann schob er den Ball ins Netz. Auch Schiedsrichter Hans-Peter Dellwing aus Trier gab den Treffer. Zu einer Gelben Karte kam es allerdings nicht.

Was sonst noch wichtig war:

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Osako konnte Mavropanos vorher nicht sehen.

(Foto: imago images/Pressefoto Baumann)

Als Robert Andrich von Union Berlin im Hauptstadtduell bei Hertha BSC (1:3) nach 22 Minuten im Zweikampf mit Lucas Tousart das Bein weit nach oben streckte und mit der Sohle dessen Hals statt des Balls traf, zeigte Referee Felix Brych ihm die Rote Karte. Der Bremer Yuya Osako wurde dagegen nur verwarnt, als er den Stuttgarter Konstantinos Mavropanos mit dem Spann seines Fußes am Hals erwischte. Wurde also mit zweierlei Maß gemessen? Nein, denn der Unterschied besteht darin, dass Andrich seinen Gegenspieler sehen konnte, Osako dagegen nicht, weil sich Mavropanos hinter ihm befand. Hinzu kommt, dass ein Foul mit den Stollen gefährlicher ist als eines mit der Oberseite des Fußes. Deshalb geht das unterschiedliche Strafmaß vollauf in Ordnung.

Der FC Schalke 04 musste sich derweil auch Bayer 04 Leverkusen geschlagen geben, 0:3 hieß es am Ende. Der erste Treffer sorgte dabei für Proteste bei den Gastgebern, weil Aleksandar Dragović den Schalker Malick Thiaw förmlich zum Eigentor gezwungen hatte und seine Mittel nicht ganz astrein schienen: Der Leverkusener schob und drückte etwas mit den Armen und Händen, allerdings stieß oder schubste er seinen Gegner nicht. Eine Situation, in der es Argumente für einen Pfiff gegeben hätte, ein klares, unauslegbares Foul war es allerdings nicht. Schiedsrichter Benjamin Cortus hatte freien Blick auf die Situation und keine Einwände, deshalb geht es in Ordnung, dass der Video-Assistent nicht eingriff.

Quelle: ntv.de