Fußball-WM 2018

Kroatiens WM-Kraftpaket verpufft Am Ende siegen Frankreich und das Absurde

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Griezmann ist der Mann des Spiels - und braucht einen Moment, um klarzukommen.

(Foto: AP)

Seltsam enthemmt ist dieses Finale - und es hat einen verdienten Sieger. Frankreich ist Fußballweltmeister, Kroatien großartiger Zweiter. Kroatiens Coach zeigt Größe - und Frankreichs Trainer ist nun einer der Größten.

Was macht man nach so einem seltsamen Finale? Der französische Fußballer Antoine Griezmann stand auf dem Rasen des Luschniki-Stadions und weinte. Erst versuchte er seine Tränen mit den Händen zu verdecken, blickte ins Publikum, dann zog er sein Trikot über die Nase, es schüttelte ihn ja regelrecht. Irgendwann gab er auf, seine Weltmeistertränen waren schließlich nicht die einzigen Fluten am frühen Sonntagabend in Moskau. Hinterher sagte er: "Ehrlich gesagt habe ich noch gar nicht realisiert, was hier passiert ist." Zuvor hatte sich an vor 78.011 Zuschauern eine Torflut ergossen. Mit 4:2 (2:1) schlug Frankreich die Kroaten und schwemmte so die Träume des leichten Außenseiters vom ersten WM-Titel im ersten Endspiel fort.

Die Équipe tat das, ohne zwei Treffer besser gewesen zu sein. Für eine Partie dieser Bedeutung war es eine fast surreale Torausbeute, für den Spielverlauf auch. Das Finale der WM 2018 war torreich und unterhaltsam, es war oft gar hochklassig, rasant bis enthemmt, tragisch, zwischendrin angenehm absurd - und damit ganz anders als dieses Turnier in vielen Momenten. Als Griezmanns Franzosen und Trainer Didier Deschamps um 19.32 Uhr den zweiten Pokal nach 1998 in Empfang nahmen, taten sie das in einer Regenflut, die dem goldenen Konfettischauer keine Chance auf ein weltmeisterliches Geflirre ließ. Wie die Schnipsel an Spielern und Funktionären auch an den unpassendsten Stellen klebten, wie die von der EM-Finalniederlage 2016 enttraumatisierten Franzosen auf dem Bauch durch die Pfützen schlitterten, es waren Bilder, die selbst Griezmann aufgemuntert hätten.

"Die Jungs sind völlig verrückt"

Aber der von der Fifa zum Mann des Spiels gewählte Angreifer konnte da längst wieder lachen. Dazu hatte er auch allen Grund. Den ersten Treffer seines Teams hatte er mit einem herausgeschwalbten Freistoß eingeleitet, den Ball beförderte dann der Kroate Mario Mandžukić ins eigene Tor (18.). Den Videobeweis-Handelfmeter nach Kroatiens bildschönem Ausgleich von Ivan Perišić (28.) verwandelte Griezmann cool zur 2:1-Pausenführung (38.). Nach der Pause machten Paul Pogba (59.) und Kylian Mbappé (65.) in einem Doppelschlag alles klar, ehe Mandžukić mit seinem zweiten Tor (69.) nach einem absurden Patzer von Keeper Hugo Lloris den Schlusspunkt setzte - und der Regen prasselte.

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Deschamps ist Doppel-Weltmeister - zwanzig Jahre nach seinem letzten Triumph.

(Foto: REUTERS)

Frankreichs Weltmeistertrainer Deschamps, der vor 20 Jahren beim französischen Premieren-Triumph als Kapitän auf dem Platz gestanden hatte, ließ sich ein wenig Zeit, bis er im Erdgeschoss des Luschniki zur Fragerunde mit den Journalisten erschien. Da war er wieder trocken, allerdings nicht lange. Noch bevor er irgendetwas sagen konnte, stürmten seine Spieler angeführt vom Pogba die Pressekonferenz, sangen "Didier Deschamps, Didier Deschamps" - und überschütteten ihn mit Champagner, Bier und Wasser. Der nahm's gefasst: "Die Jungs sind völlig verrückt. Entschuldigung. Aber sie sind jung und sie sind glücklich." Und sie sind Weltmeister. "Das heißt, wir haben Dinge besser gemacht als die anderen", sagte Deschamps, der selbst zur Legende aufgestiegen war. Als dritter Fußballer nach dem Brasilianer Mario Zagallo und dem Deutschen Franz Beckenbauer hat er den WM-Titel nun als Spieler und als Trainer gewonnen. Ja, das sei eine große Freude, persönlich sei er stolz. "Aber das ist zweitrangig. Die Freude meiner Spieler ist wichtiger." Er lächelte.

Putin kommt und sieht Tore

Wladimir Putin hatte zuvor auf dem Rasen auch gelächelt. Russlands Präsident war ja der Erste, über den im finalen Siegerehrungs-Platzregen ein schützender Schirm gespannt wurde. Und er hatte auch bei seinem zweiten Heimspiel-Besuch einem Torspektakel beiwohnen dürfen, nach dem torreichsten Eröffnungsspiel der WM-Geschichte sah er diesmal an der Seite von Fifa-Präsident Gianni Infantino (in Anzug statt Volunteerjacke), Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron (Anzug) und Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović (erneut im Kroatientrikot) das torreichste Finale seit Brasiliens 5:2-Triumph gegen Schweden. Angesichts nur einer Handvoll wirklich bemerkenswerter WM-Spiele ist das eine herausragende Putin-Quote.

Aber auch wenn Moskau 2018 von Stockholm 1958 nicht nur ein Tor, sondern offensivfußballerisch Welten trennten: Anders als zum surrealen WM-Auftakt wurde neben Toren diesmal auch Fußball geboten, der dem Ereignis angemessen war. Und das lag vor allem an den Kroaten von Zlatko Dalić. "Ich muss schauen, wer fit genug ist", hatte der Trainer vorher gepokert - und dann wie vor der Halbfinalschlacht gegen England alle Asse gespielt, auch die angeschlagenen. Da auch Deschamps keinen Grund für personelle Experimente gesehen hatte, bedeutetet das: Endspiel in Bestbesetzung.

Geht es besser? Schon, zunächst spielte allein Kroatien. Dass dem Team nach drei Verlängerungen insgesamt ein WM-Spiel mehr in den Knochen steckte und es vorm Finale einen Tag weniger zur Erholung gehabt hatte? Kein Faktor auf dem Platz. Im letzten WM-Kraftakt erfanden sich die Mentalitätsmonster taktisch noch einmal neu. Nach den zögerlichen Spielbeginnen in den drei Runden zuvor dominierte das Team, ließ die favorisierten Franzosen nicht ins Spiel kommen und ihnen nicht einmal Zeit, ihr von Belgien als "Anti-Fußball" tituliertes Kontrollsystem aufzuziehen. Angetrieben von Spielmacher Luka Modrić und Linksaußen Perišić presste Kroatien hoch, kombinierte, kam zu Abschlüssen und Torannäherungen. Auffälligste Szene der französischen Weltklasse-Offensive um Griezmann, Sturmarbeiter Olivier Giroud und Mbappé, der hinterher auch offiziell zum besten Wunderkind dieser WM gekürt wurde? Ein kroatischer Angriff, den Mbappé in der achten Minute zur Ecke klären musste.

Zwei Standards, maximale Verheerung

Das Seltsame war nur: In Führung ging Frankreich, und wie das Tor fiel erklärt auch, warum Kroatiens Dalić nach dem Spiel sagte: "Was wir im Turnierverlauf an Glück hatten, das hat uns heute gefehlt, vor allem bei den ersten beiden Toren." Zwei Standardsituationen reichten, um das Finale auf den Kopf zu stellen und bei Kroatien physisch und psychisch schwerere Verheerungen zu hinterlassen als die drei Schlachten zuvor. Nach Griezmanns Schwalbe und dem Freistoß machte sich Mandžukić als erster Eigentorschütze der WM-Final-Geschichte unsterblich, und bescherte Kroatien im vierten K.-o.-Spiel den vierten 0:1-Rückstand.

Doch wie in den Spielen zuvor kamen die Kroaten zurück, der Ausgleich durch Perišić war in Anbahnung und Ausführung das schönste Tor des Finales: Modrić freistoßflankte, der Ball wurde in den französischen Strafraum abgelegt, kam zum an der Strafraumkante lauernden Perišić - der traumhaft vollendete. Doch nur wenige Minuten später wurde Perišić zum tragischen Helden Frankreich führte zur Pause 2:1, obwohl es nur einmal aufs kroatische Tor geschossen hatte - und erhöhte bis zur 65. Minute durch zwei Fernschüsse auf 4:1, obwohl der Gegner auch zu Beginn der zweiten Halbzeit die bessere Mannschaft gewesen war. Mandžukićs‘ Anschlusstor zum 2:4 war ein Treffer der Moral, erschüttern konnte er Frankreich auf dem Weg zum Titel nicht mehr.

Dalić, im Oktober 2017 angesichts des drohenden Scheiterns in der WM-Qualifikation nur zufällig ins Amt gespült und nun ein Nationalheld, wollte sich nach dem Spiel nicht mit dem umstrittenen, aber regelkonformen Elfmeter vorm 2:1 aufhalten. Er zeigte echte Größe und sagte, ohne Frankreichs Leistung schmälern zu wollen: "In einem WM-Finale gibt man so einen Elfmeter nicht." Er fand aber vor allem: "Ich denke, Kroatien hat ein großartiges Turnier gespielt. Ich möchte all meinen Spielern dafür danken, was sie vollbracht haben. Ich bin stolz für sie und für mein Land." Das waren auch die Franzosen. Der Unterschied war: Sie hatten auch den Pokal.

Quelle: n-tv.de