Fußball-WM 2018

Brasilien-K.-o. im Schnellcheck Belgiens Konter-Monster vernaschen Seleção

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Fußball-Leckerbissen: Marouane Fellaini (l.) und seine Belgier fanden Geschmack am Rekordweltmeister Brasilien.

(Foto: REUTERS)

Rekordweltmeister Brasilien gegen Geheimfavorit Belgien: Das klingt nach Hochglanz-Fußball und wird es auch. Im besten WM-Spiel spektakeln sich beide Teams durch ein berauschendes Viertelfinale - Eigentor, Traumtor, Glanzparaden, Rekorde, Tränen inklusive.

Was ist passiert?

Hallo? Der Topfavorit und Rekordweltmeister Brasilien ist raus aus der WM in Russland. Gegen Belgiens Konter-Monster hieß es für die Seleção im Viertelfinale: Adeus! До свидания! Au revoir! Auf Wiedersehen!

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Das toppt zwar nicht ganz Joseph Blatters epischen Reinfall als spektakulärsten Abgang von einer Fifa-Bühne in den letzten Jahrzehnten. Aber überraschend war es schon, vielleicht sogar ein bisschen sensationell. Zwei belgische Tor-Pralinen in der ersten Halbzeit genügten gegen die - zumindest bis zum Anpfiff um 20 Uhr in Kasan - souveränste Mannschaft des Turniers, damit sich der brasilianische Titeltraum erneut vorzeitig verschluckte und in Tränen endete. Nach Schwarzrotgold dürfte auch Schwarzgoldrot nicht zur Trend-Farb-Kombi an Brasiliens Stränden werden. Der K.o. des Rekord-Weltmeisters in Kasan war zwar kein Belo-Horizonte-Trauma reloaded, bedeutete aber: Es wurde WM-Geschichte geschrieben. Denn erstmals erreichte bei einer WM, an der Deutschland UND Brasilien teilnahmen, keine der beiden Mannschaften das Halbfinale. Der neue Weltmeister wird Frankreich, Belgien, England, Schweden, Kroatien oder Russland heißen. Hallohallo?

Teams & Tore

Brasilien: Courtois - Alderweireld, Kompany, Vertonghen - Meunier, Fellaini, Witsel, Chadli (83. Vermaelen) - de Bruyne, Lukaku (87. Tielemans), Hazard - Trainer: Tite.
Belgien: Alisson - Fagner, Thiago Silva, Miranda, Marcelo - Paulinho (73. Renato Augusto), Fernandinho, Coutinho - Willian (46. Firmino), Gabriel Jesus (58. Douglas Costa), Neymar - Trainer: Martínez.
Tore: 0:1 Fernandinho (ET/13.), 0:2 De Bruyne (31.), 1:2 Renato Augusto (76.)
Schiedsrichter: Milorad Mažić (Serbien)
Zuschauer: 42.873 (Kasan)
Gelbe Karten: Alderweireld (47.), Meunier (71.) - Fernandinho (85.), Fagner (90.)

Die Mini-Sensation im Spielfilm

8. Minute: Ecke Neymar, Verlängerung Miranda, Kopfball Thiago Silva, Pfosten. WAS FÜR EIN START!
13. Minute, TOR FÜR BELGIEN (0:1): Crash-Boom-Bang! Nach belgischer Ecke köpft Kompany Richtung Tor, trifft aber nur die Schulter von Fernandinho. Macht aber gar nix, denn von dort plumpst der Ball ins Eigentor. Nr. 1 im Spiel, Nr. 11 im Turnier – und erster brasilianischer WM-Rückstand in Russland. Halleluja!
23. Minute: Die nächste belgische Praline für Fußball-Feinschmecker. Sturmriese Romelu Lukaku zeigt sein Zauberfüßchen. Er tunnelt Brasiliens Kapitän Miranda mit grandioser Leichtigkeit – in dessen Strafraum! Gibt danach zwar nur Ecke, die als - äußerst interessante Variante - fast an die Mittellinie geschlagen wird. Aber gibt uns Zeit, den offenen Mund wieder zuzuklappen.
32. Minute, TOR FÜR BELGIEN (0:2): No Casemiro, no WM-Party – das lernt nach Toni Kroos jetzt auch Brasilien. Nach fruchtloser Ecke für den Rekordweltmeister dribbelt, Obacht, Lukaku so dynamisch in die brasilianische Hälfte wie Oliver Bierhoff nach seiner plumpen Özil-Anprangerei zurückgerudert ist. Nur: Lukaku ist erfolgreich, denn er schnibbelt den Ball flach in den Fuß des mitgestürmten Kevin de Bruyne – der ihn rechts von der Strafraumgrenze links unten versenkt. Traumtor. Nein: RAKETENTRAUMTOR.
49. Minute: Symptomatisch für die belgische Defensivdisziplinleistung: Als Neymar Richtung Courtois-Tor geschickt wird, stehen sieben (!) Belgier im eigenen Strafraum. Die brasilianische Nummer 10 dreht hilflos ab.
52. Minute: Aufschrei bei den Fans der Seleçao - und bei Neymar. Der Superstar schwalbt gewohnt elegant im gegnerischen Strafraum. Der serbische Schiri Milorad Mažić pfeift nicht - und lässt sich seine Entscheidung vom Videoschiedsrichter in Moskau bestätigen. Weder Farce nach VARce.

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55. Minute: Weniger nachvollziehbar ist die Entscheidung der Moskauer Videokiebitze nur drei Minuten später. Wie zu besten HSV-Zeiten holzt Kompany den von rechts heraneilenden Gabriel Jesus um, der vorher einen Brasilianer getunnelt hat. Mažić zeigt zunächst auf den Punkt, lässt nach Rücksprache mit Moskau dann aber doch normal weiterspielen - obwohl der Ball beim Foul noch im Spiel war. Glück für die "Roten Teufel"!
76. Minute, TOR FÜR BRASILIEN (1:2): Mas ainda espero! Doch noch Hoffnung. Coutinho flankt in Belgiens Strafraum, wo zwei belgische Innenverteidiger dem Brasilianer Renato Augusto Begleitschutz geben - und damit die besten Plätze bei dessen feinem Kopfballanschlusstor zum 1:2 haben. Da ist selbst Courtois mal machtlos.
78. Minute: Halleluja, und gleich noch fast der Ausgleich! Neymar löffelt den Ball in den Strafraum zu Firmino, der mit dem Rücken zum Tor nach links wackelt und sich noch rechts dreht - und dann haarscharf über den Knick zielt. Schnappatmung in Belgien.
81. Minute: Brasilien kommt richtig in Fahrt. Und Belgien? Die formieren im eigenen Sechzehner einen Sechser-Abwehrriegel, als Coutinho einen brasilianischen Konter inszeniert. Renato Augusto bekommt den Ball - und verzieht aus aussichtsreicher Position. Reinschießen wäre einfacher gewesen.
93. Minute: Noch ein Hochkaräter für Brasilien zum Ausgleich, der verdient wäre. Diesmal zieht Neymar höchstselbst ab, sein Ball würde perfekt passen - wäre da nicht die Überhand von Courtois, der den Ball über die Latte hängt. Überirdisch gut, von beiden. Noch zwei Minuten darf Brasilien auf dem Platz hadern, dann sind sie raus. Tatsächlich.

Was war gut?

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In einem spektakulären WM-Spiel bereitet Belgiens Fußball-Nationalteam den Brasilianer Neymar auf die Heimreise vor.

(Foto: REUTERS)

Neymar da Silva Santo Júnior. Er kollabierte überraschenderweise weder beim Abklatschen mit dem Ballkind vor Spielbeginn noch bei seinen zahlreichen Gegnerkontakten. Aber ganz ohne Eskapädchen ging's dann doch nicht ab. Kurz nach der Pause wollte er insbesondere den Herren im Moskauer VAR-Raum zeigen, wie schön er fliegen und schauspielern kann. Gut, dass genau solche Talente im Fußball eben nicht belohnt werden. Nun zum Spiel. Endlich wieder mal eine WM-Partie, die einer solchen Bezeichnung würdig ist! Über weite Phasen hatte dieses Viertelfinale spielerisch Endspielcharakter. War ja klar, schließlich traf der Mitfavorit auf den selbsternannten Top-Favoriten. Besonders ansehnlich: Das furiose Umschaltspiel der Belgier (besten Offensive der WM), die so ihre brasilianischen Gegner (stärkste Defensive der WM) schwindlig kontern. Mit wenigen Pässen überbrücken sie das lückenhafte Mittelfeld der Seleçao und bringen diese überraschend oft in Gefahr. Ebenfalls packend: die Chancen der Brasilianer vor Kompanys Crash-Boom-Bang und in der zweiten Halbzeit.

Was war noch besser?

Lukaku, siehe Spielfilm-Pralinchen. Wir lassen Sie uns immer noch auf der Zunge zergehen und appellieren nebenbei: Trauen Sie sich, nennen Sie ihre Söhne Romelu! Und ihre Töchter auch! Oder unseretwegen auch Thibaut. Denn wie vorne der Sturmtank zauberte hinten Keeper Courtois alle brasilianischen Chancen weg. ZDF-Experte Oliver Kahn adelte den Belgier spontan zum besten Torwart der WM. Kein Widerspruch. Besonders Grandios: Sein Mega-Reflex gegen Marcelos abgefälschte Flanke, die sich ins kurze Eck mogeln wollte (37.) - und seine Flugeinlage gegen Coutinhos Schlenzer nur ein Minütchen später. Und natürlich die überirdische Überhand in der Nachspielzeit.

Was war nicht gut?

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Eigentlich nur, dass das Spiel nach 90 Minuten vorbei war. Und vielleicht noch die Chancenverwertung von Tites Brasilianern. Tempo (höllisch von Beginn an), Technik (grandios), Offensivdrang (Visier nicht hochgeklappt, sondern gar nicht da) stimmten auf beiden Seiten. Belgien hätte nach Brasiliens Blitz-Pfostentreffer zur Pause schon höher führen können, die Seleção nach der Pause mehr als einen Treffer machen müssen.  Am Ende hatte Brasilien 27 Mal geschossen, neunmal aufs belgische Tor. Belgien kam insgesamt nur auf neun Torschüsse, von denen lediglich drei aufs Tor gingen - aber zwei drin waren. Schwarzgoldrote Effizienz.

Zahl des Tages

Neun. So viele verschiedene Spieler haben bei dieser WM bereits für Belgiens Konter-Monster getroffen: acht Belgier und der Brasilianer Fernandino. Die Truppe von Roberto Martinez ist nebenbei auch das Tor-Monster der WM. Die gefährlichste Offensive des Turniers kommt inzwischen auf 14 Treffer - der bisherige belgische WM-Torrekord stand bei 12 Treffern. Fallen könnte auch noch der Tor-Vielfaltsrekord: Mehr als neun verschiedene Torschützen schafften mit jeweils zehn bislang nur Frankreich (1982) und Italien (2006) - und Belgien hat ja noch zwei Spiele.

Und sonst so?

Bei Beratungsbedarf zu hippen Frisuren dürfen sich Haarfetischisten gern vertraulich an Neymar wenden. Nach der Spaghetti-Matte zum WM-Auftakt führte er der Welt die schnittige Kurzversion dessen vor. Und heute? Fast alles wie gehabt. Beim Blick in der Nacken indes ist ein "V" zu erkennen. Und das steht - wie wir seit 21:53 Uhr wissen - nicht für vitória (Sieg), sondern für vencido - Verlierer. Gut orakelt, Neymar!

Der Tweet zum Spiel

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Quelle: n-tv.de

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