Fußball-WM 2018

Warum dürfen die das? Neymars Theater ist nur die Spitze

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Eine Rolle der Schande - mit der sich Neymar in bester Gesellschaft befindet.

(Foto: REUTERS)

Showeinlagen wie die von Neymar, das Schinden von Fouls und übertriebenes Reklamieren sind bei der Fußball-Weltmeisterschaft allgegenwärtig. Warum aber ahndet die Fifa diesen Missbrauch ihrer Regularien nicht konsequent?

Geht es um Verstöße gegen die eigenen Regularien, ist die Fifa mitunter ziemlich erbarmungslos. Umgerechnet 60.500 Euro muss die kroatische Fußball-Nationalmannschaft entrichten, weil sie die falschen Getränke mit auf den Platz gebracht hat. Wobei falsch hier bedeutet, dass das erfrischende Selters nicht in einer der Fabriken des offiziellen Sponsors der Weltmeisterschaft vom Band gelaufen ist. Die Fußball-Weltorganisation lässt durch ihre Disziplinarkommission in Russland eine rigorose Null-Toleranz-Politik vertreten.

Das ist ihr gutes Recht, Vertrag ist Vertrag und gute Sponsoren sind in der Post-Blatter-Ära eben nicht mehr so leicht zu finden. Leider ist es aber so, dass die Fifa den Schutz des Fair Play nicht in allen Teilbereichen des Regelwerks so streng zu sehen scheint. Der Verband schaut gerade tatenlos dabei zu, wie ihre sogenannten sportlichen Werte ins Lächerliche gezogen werden.

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Von einer "Schande für den Fußball" hatte Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio nach dem verlorenen Achtelfinale gegen Brasilien gesprochen, ohne Namen zu nennen. Das brauchte er auch nicht. In der 71. Minute hatte sich Neymar - dessen voller Name Neymar da Silva Santos Júnior lautet - in scheinbar lebensbedrohlichen Schmerzen jenseits der Außenlinie gewälzt, nachdem ihm sein Gegenspieler Miguel Lajun auf den Knöchel getreten war. Ein Foul, ohne Frage. Aber eben auch eine Showanlage, die die Fifa so nicht tolerieren sollte. Die Szene ist schließlich nur die jüngste Ausuferung einer Entwicklung, die den Sport ernsthaft in seiner Glaubwürdigkeit bedroht. Ein Fußballspiel ohne Theatralik, ohne Übertreibungskunst, das gibt es bei der WM in Russland kaum.

Warum toleriert die Fifa das?

Da ist beispielsweise dieses unwürdige Spektakel, das offiziell als Achtelfinale zwischen Kolumbien und England deklariert war. Das K.-o.-Duell zwischen den Südamerikanern und den Europäern ist einer dieser Fälle, die all das aufzeigen, was derzeit schief läuft. Als Schiedsrichter Mark Geiger auf Strafstoß für den gefoulten Kapitän Harry Kane entschieden hatte, entfachten die Kolumbianer eine minutenlange Diskussion, bei der ein halbes Dutzend Spieler einen Pulk um den Unparteiischen bildete. Die Art und Weise wie Geiger das geschehen ließ, wirkte lächerlich machtlos. Autorität - oder Respekt - verschafft man sich so nicht. Zumal der Kolumbianer Johan Mojica den Elfmeterpunkt während der hitzigen Debatte mit seinen Stollen absichtlich derart malträtierte, dass Kane den Ball anschließend nur mit Mühe auf dem Grün platzieren konnte.

Die große Frage lautet, warum die Fifa ein derartiges Verhalten nicht sanktioniert und dafür sorgt, dass die Spieler den Sport nicht völlig ungehindert ins Lächerliche ziehen dürfen. "Ich verstehe nicht, warum die Schiedsrichter diese Provokationen tolerieren", schrieb auch Twitter- und Stürmerikone Gary Lineker. "Gebt jedem eine Gelbe Karte und stoppt den Unsinn." Und in der Tat - warum reagierte Geiger nicht? Oder, wenn nicht er, der Video-Assistent in Moskau? Spätestens nach dem Match hätte das Fehlverhalten doch auffallen müssen. Das traurige ist vielleicht, dass Spielszenen wie die angesprochene schon so normal sind, dass sie in Teilen der Öffentlichkeit gar nicht mehr als das Absurde wahrgenommen werden, was sie sind.

Wir spielen jetzt bei den Großen mit

Denn es blieb schließlich nicht bei dieser einen Strafraumszene. Zur Wahrheit gehört, dass sich auch die Engländer nicht eben durch Fair Play hervortaten. Auch das Schinden von Fouls, das Fordern von Gelben Karten und völlig übertriebene Reklamieren nach Gegnerkontakt ist in höchstem Maße unsportlich. Dass es inzwischen Teil der Show ist, gab Trainer Gareth Southgate nach dem Spiel bemerkenswert freimütig zu. Der Erfolg sei ja auch so zu erklären: "Vielleicht sind wir einfach ein bisschen klüger geworden. Vielleicht spielen wir jetzt auch nach den Regeln, nach denen der Rest der Welt spielt." Ein würdevoller Mann in einem unwürdigen Spiel, schrieb der britische "Guardian" dazu - wohl in Anspielung auf die erfrischende Ehrlichkeit des früheren Nationalspielers. Wir spielen jetzt nach den Regeln, das meint auch: Jetzt sind wir nicht mehr die Dummen, die sich ans Fair Play halten.

Gut im Sinne von erfolgreich ist heute, wer sich all jener Tricks bedient, über die man wohl sagen kann, dass sie ziemlich schmutzig sind. Fußball ist nicht unbedingt der Tummelplatz für das Ausleben höchster moralischer Standards, das wissen wir spätestens seit Eric Cantona. Wenn allerdings schon die Sportler nicht in der Lage sind, zu erkennen wie unwürdig ihr Verhalten ist, sollte die Fifa das für sie tun. Im hauseigenen Kodex heißt es: "Fair Play bringt Anerkennung, Betrügen nur Schande. Vergiss nie: Fußball ist nur ein Spiel, das ohne Fairness, wie jedes andere Spiel auch, sinnlos ist." Schön wär's. Die Hoffnung ruht nun auf dem Videobeweis und seinen 33 Kameras, die die filmreifen Schauspieleinlagen einfangen. Was (noch) fehlt, sind die richtigen Konsequenzen aus dem Material.

Quelle: ntv.de