Fußball-WM 2018

Weltmeister mit Perspektive Das formidable französische Versprechen

106580591.jpg

Paul Pogba - mit Unterstützung von ganz oben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Frankreichs Fußballer sind Weltmeister - und gleichzeitig das größte Versprechen, das es in dieser Sportart gibt. Trainer Didier Deschamps weiß das und mahnt in Moskau auch in der Stunde des Triumphes. Paul Pogba dreht völlig auf.

Am Ende wurden sie alle nass. Die Gewinner, die Verlierer, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und  Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović. Nur einer blieb trocken: Wladimir Putin. Bei der Ehrung des neuen Fußball-Weltmeisters im Moskauer Luschniki-Stadion stellte sich, als der wolkenbruchartige Regen einsetzte, prompt ein Helfer hinter ihn und hielt schützend einen Schirm über Russlands Präsidenten. Davon profitierte an diesem Sonntagabend als erster Fifa-Chef Gianni Infantino, der neben ihm stand und flugs noch mehr Nähe suchte als ohnehin in den vergangenen fünf Wochen. Ein treffendes Bild zum Abschluss dieser WM. Erst Minuten später bemerkte jemand, dass Macron und Grabar-Kitarović noch immer im Regen standen und organisierte weitere Schirme.

*Datenschutz

Doch die beiden nahmen es sportlich. Der Franzose, weil er sichtlich euphorisiert war ob des 4:2 (2:1)-Sieges seiner Équipe vor 78.011 Zuschauern, sein Jubelbild von der Ehrentribüne hatte ebenso ikonografische Züge wie die Regenbilder vom Rasen. Und die Kroatin, weil sie überschwänglich den größten Erfolg in der noch jungen Fußballgeschichte ihres 1991 gegründeten Staates feierte und alles und jeden umarmte. Und den Spielern der siegreichen Franzosen war das eh alles egal. Fußballer brauchen keinen Schirm. Als erstes ließen die jungen Weltmeister nach dem finalen Spektakel Didier Deschamps hochleben, der nun als dritter Fußballer auf diesem Planeten den WM-Titel als Spieler und als Trainer gewonnen hat. Sie warfen ihn in die Luft und fingen ihn freundlicherweise auch wieder auf. Später, als Frankreichs Spieler nach ungewöhnlich langer Wartezeit endlich ihre Medaillen und den Pokal bekommen hatten, stürmten sie pitschnass die Pressekonferenz. Sie sangen Deschamps‘ Namen und begossen den Architekten des Erfolgs mit Champagner, Bier und Wasser - kein Regenschirm in Sicht.

"Vive la France! Vive la République!"

Angeführt wurden sie vom völlig aufgedrehten Paul Pogba, der als letzter den Ort des Überfalls verließ, sich auf das Podium stellte, noch ein wenig scherzte und dann zum Abschluss rief: "Vive la France! Vive la République!" Der Mittelfeldspieler von Manchester United hatte sein bestes vieler guter Spiele bei diesem Turnier gezeigt und sein erstes Tor erzielt. Sein 3:1 nach einer knappen Stunde hatte das Finale so gut wie entschieden, nachdem in der ersten Halbzeit Mario Mandzukic per Eigentor (18.) und Antoine Griezmann per Handelfmeter (38.) für Frankreich getroffen und Ivan Perisic (28.) für Kroatien zwischendurch ausgeglichen hatte. Nach Pogbas 3:1 erhöhte erst der wunderbare Kylian Mbappé auf 4:1 (65.), ehe Mandzukic vier Minuten später seine Torbilanz an diesem Abend dank konstruktiver Mitarbeit von Frankreichs patzendem Torwart Hugo Lloris ausglich.

106580250.jpg

Antoine Griezmann brachte die Equipe auf die Siegerstraße im WM-Finale.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für Mbappé war es sein vierter Treffer in Russland, die Fifa kürte ihn mit seinen 19 Jahren zum besten Nachwuchsspieler des Turniers. Er war es auch, der während der Partie aus französischer Sicht am hellsten strahlte und danach am ungläubigsten in die Kameras zu lächeln schien. Mbappé folgte damit dem mittlerweile 25 Jahre alten Pogba, der diese Auszeichnung 2014 in Brasilien bekommen hatte und nun zum zweiten entscheidenden Spieler des Finales avancierte. Der dritte war der beim Elfmeter so nervenstarke Griezmann. Der 27 Jahre alte Angreifer von Atlético Madrid wurde offiziell zum Mann des Endspiels und prägte einen der schönsten Sätze über den Kader des neuen Weltmeisters, in dem 14 Spieler stehen, deren Eltern eingewandert sind: "Das ist das Frankreich, das wir lieben", sagte Griezmann: "Wir haben unterschiedliche Ursprünge, aber wir sind ein Team."

Das Verblüffende ist, dass diese Mannschaft zwar den wichtigsten Titel im Weltfußball gewonnen hat, aber noch längst nicht auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft zu sein scheint. Gewonnen haben Les Bleus die WM als Kollektiv, durch Cleverness auf hohem Niveau, ihre konsequente Defensivarbeit, gepaart aber mit überragender individueller Qualität, auch in der Offensive. Das haben sie im Finale bewiesen, als sie mehr taten als nur abzuwarten. Die überragenden Innenverteidiger, Real Madrids Raphaël Varane und Samuel Umtiti vom FC Barcelona, sind 25 und 24 Jahre jung. Die 22-jährigen Außenverteidiger Benjamin Parvard vom VfB Stuttgart und Lucas Hernández von Atlético Madrid gehören zu den Entdeckungen dieser WM. Vor der Viererkette regieren Pogba und, defensiv noch umsichtiger und stärker, N’Golo Kanté vom FC Chelsea, 27 Jahre alt.

Auf dem rechten Flügel wirbelt der verboten schnelle und technisch brillante Mbappé von Paris St. Germain, links spielt der 31 Jahre alte Blaise Matuidi von Juventus Turin. Hinter ihm steht der 23 Jahre alte Corentin Tolisso vom FC Bayern bereit, beim 2:0 im Viertelfinale gegen Uruguay hatte er den gesperrten Matuidi prima ersetzt. Und vorne ist Griezmann mit seinen vier Toren eine Bank. Für den tortechnisch glücklosen, mannschaftlich aber wichtigen Olivier Giroud vom FC Chelsea war es mit seinen 31 Jahren mutmaßlich die letzte WM. Dass der ebenso alte Kapitän Lloris in zwei Jahren bei der EM noch im Tor steht, davon ist auszugehen. Sein grotesker Aussetzer vor dem zweiten Tor der Kroaten trübt den hervorragenden Eindruck nicht, den er bei dieser WM hinterlassen hat. Während er auf die Siegerehrung wartete und auf der Stadionleinwand seinen Fauxpas vorgespielt bekam, konnte er darüber lachen.

EM-Final-Niederlage "hat uns auch geholfen"

Ob diese französische Mannschaft nun eine neue Ära prägt, wie es die Weltmeister von 1998 taten, die im Jahr 2000 auch die Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden gewannen, weiß Deschamps auch nicht. Aber indem er in der Stunde des Triumphes darauf hinwies, wie schwer das wird, bewies er ein gehöriges Maß an Reflektion, das so manchem seiner Kollegen abgeht. Vor zwei Jahren hatten die Franzosen und Deschamps im Pariser Stade de France das Endspiel ihrer Heim-EM gegen Portugal verloren. "Es hat sehr wehgetan, aber es hat uns auch geholfen. Das war ein wichtiger Prozess."

So habe seine Mannschaft in Russland versucht, die Sache zwar konzentriert, aber dennoch etwas entspannter anzugehen. "Vielleicht", sagte Deschamps, "wären wir nicht Weltmeister geworden, hätten wir die EM gewonnen." Er selbst hatte in Russland stets von seinen Lehrlingen gesprochen, die noch viel lernen müssten. "Es ist schön, es ist wunderbar für die Spieler, eine junge Generation. Wir haben viel Qualität gezeigt, auch mental, und oft genug getroffen. Es war nicht immer einfach, aber weil sie zugehört haben, haben wir schwere Momente hinter uns gelassen." Und in Richtung derer, die ihn und seine Mannschaft im Verlauf dieses Turniers mit dem hässlichen Begriff Anti-Fußball konfrontiert hatten, sagte er noch: "Frankreich ist Fußball-Weltmeister. Das heißt, wir haben Dinge besser gemacht als die anderen."

Das haben sie in der Tat, Deschamps Azubis haben ihre Meisterprüfung bestanden, viel schneller, als es ihr Lehrmeister vorausgesagt hatte. Aber im Grunde weiß auch er: Wenn nicht diese formidable Mannschaft ein Versprechen auf die Zukunft ist, welche bitteschön dann?

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema