Fußball-WM 2018

Das WM-Finale im Schnellcheck #Deschampions mit List, VAR und Wucht

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#Deschampions - Frankreich feiert sich als neuen Fußball-Weltmeister.

(Foto: REUTERS)

Frankreich ist neuer Fußball-Weltmeister. Eine Überraschung ist das nicht. Ein Gesprächsthema aber allemal. Denn der knappe Sieg über leidenschaftliche Kroaten hat ein bitteres G'schmäckle.

Was ist im Moskauer Luschniki-Stadion passiert?

Die Welt hat einen neuen Weltmeister. Er heißt Frankreich. Und für die Franzosen ist es ganz besonders gut, dass ein Fußballspiel trotz Infantino'scher Veränderungswut immer noch zwei Halbzeiten hat. Denn im Finale der Weltmeisterschaft 2018 korrigierte die Mannschaft von Coach Didier Deschamps mit ihrem phasenweise wuchtigen Spiel nach der Pause den Eindruck, den Fifa-WM-Pokal vor allem dank der Hilfe von Schiedsrichter Nestor Pitana überreicht zu bekommen. Ein Freistoß nach einer klaren Schwalbe von Antoine Griezmann führte zum 1:0, ein umstrittener Handelfmeter zum 2:1 für die Franzosen, die das Endspiel nach 90 Minuten gegen leidenschaftlich kämpfende aber von ihrem Verlängerungs-Marathon in der K.-o.-Runde schwer gezeichneten Kroaten dann auch eher deutlich als souverän mit 4:2 (2:1) für sich entschieden. Nach 1998 ist es der zweite WM-Triumph für die "Equipe Tricolore". Coach Deschamps war damals übrigens auch schon dabei. Ebenfalls als General. Nur halt auf dem Spielfeld. Mit seinem nun im ausverkauften Luschniki-Stadion vollendeten Doppel-Titel steigt der "Deschampion" (das Wortspiel haben wir uns bei den Kollegen der "Süddeutschen Zeitung" entliehen, danke und beste Grüße) in einen elitären Zirkel auf: Denn vor ihm hatten nur Franz Beckenbauer und der Brasilianer Mario Zagallo den WM-Pokal als Spieler und Trainer gewonnen.

Teams & Tore

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Mit seinen Standards Mann des Spiels: Antoine Griezmann.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Frankreich: Lloris - Pavard, Varane, Umtiti, Hernandez - Pogba, Kanté (55. Nzonzi) - Mbappé, Griezmann, Matuidi (73. Tolisso) - Giroud (81. Fekir); Trainer: Deschamps.
Kroatien: Subašić - Vrsaljko, Lovren, Vida, Strinić (81. Pjaca)- Rakitić, Brozović - Rebić (71. Kramarić) , Modrić, Perišić - Mandžukić; Coach: Dalić.
Tore: 1:0 Mandžukić (18. Eigentor), 1:1 Perišić (28.), 2:1 Griezmann (38. Handelfmeter), 3:1 Pogba (59.), 4:1 Mbappé (65.), 4:2 Mandžukić (69.)
Schiedsrichter:
Pitana (Argentinien)
Zuschauer:
78.011 (Luschniki-Stadion)

Die weltmeisterliche #TORFLUT im Spielfilm

18. Minute TOR FÜR FRANKREICH (1:0): Was für ein grande drame zum Auftakt. Erst fällt Griezmann nach einer flüchtig-flüchtigsten Berührung (wenn es die denn überhaupt gab) und beschert Frankreich einen mehr als umstrittenen Freistoß 25 Meter vor dem kroatischen Tor. Den anschließenden Standard fälscht Mario Mandžukić unhaltbar (oder warten wir mal ab, was Titan Oliver Kahn sagt) ins eigene Tor ab. Ein denkbar bescheidener Start für Kroatien, Frankreich im Glück.

29. Minute TOR FÜR KROATIEN (1:1): Der starke Ivan "Mr. Impossible" Perišić schafft das Unmögliche und knackt die Franzosen bei eigenem Rückstand. Ein Kunststück, von dem wir nach #FRABEL dachten, das sei ähnlich abwegig wie die Präsidentschaft Donald Trumps. Aber: Coole Reaktion der Kroaten. Nach Freistoß (diesmal verdient) legt Domagoj Vida die Kugel auf den früheren BVB-Star ab, der hält nach kurzem Tänzchen mit N'Golo Kanté voll drauf und zimmert das Spielgerät halbhoch ins lange Eck. Und Keeper Hugo Lloris? Den erklären wir ganz ohne Mithilfe von Kahn für völlig machtlos.

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Sein Handspiel war die strittigste Szene im WM-Finale: Ivan Perišić.

(Foto: AP)

38. Minute TOR FÜR FRANKREICH (2:1): Elfmeter für Frankreich, der ist richtig umstritten. Dass Perišić den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand berührt, ist klar. Eher fragwürdig ist dagegen, ob mit Absicht. Die "Video Assisant Referees" (VAR) sagen offenbar: Ja. Wir sagen: Jein, Schiedsrichter Pitana hält's mit Moskau. Griezmann läuft an, Keeper Danijel Subasic ist ohne Chance. Les Bleus erneut in Führung. Rest egal. Schon jetzt denkwürdig, dieses Finale. #TORFLUT.

59. Minute TOR FÜR FRANKREICH (3:1): Gab es noch Hoffnung, dass Kroatien das noch unmöglichere schafft? Wenn ja, dann ist die spätestens jetzt begraben. Ausnahmsweise entsteht das Tor mal aus dem Spiel raus, was Kommentatoren-Urgestein Béla Rethy zu sowas ähnlichem wie Jubelausbrüchen eskalieren lässt. Griezmann zieht die kroatischen Verteidiger auf sich, legt ab, die Kugel kommt zu Paul Pogba. Der zieht beeindruckend kaltschnäuzig ab und netzt halbhoch links zur 3:1-Führung ein. Alors, das muss doch der Titel sein?

65. Minute TOR FÜR FRANKREICH (4:1): Wir gratulieren Kylian Mbappé zu seinem WM-Treffer und Frankreich zum Titel. Nach Vorarbeit von Lucas Hernandez kommt der PSG-Star bei 16 Metern zentral frei zum Schuss und macht das unfassbar lässig. Le petit Mbappé, il n'est pas si petit.

69. Minute TOR FÜR KROATIEN (4:2): Što se ovdje događa - was ist denn hier los? Wer zwischendurch rausgeht, läuft Gefahr Episches zu verpassen. Nur vier Minuten nach dem (vermeintlichen) Treffer zur Vorentscheidung leistet sich Frankreich einen kolossalen Klops. Samuel Umtiti spielt einen irren Rückpass zu Keeper Hugo Lloris, der ist im Zweikampf mit Mandžukić klar unterlegen und kassiert das zweite Tor des Abends. Geht da noch was? Non.

Was war gut?

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Stark vom Punkt: Antoine Griezmann verwandelte auch seinen dritten Elfmeter für Frankreich.

(Foto: REUTERS)

Antoine Griezmann - auch wenn sein Arbeitstag mit einer schäbigen Szene begann. Auf seinem trabenden Weg Richtung kroatisches Tor lässt er sich bestenfalls hauchzart von Marcelo Brozovićs Beinen touchieren. Der Stürmer empfindet die Berührung als so grob, dass er stürzt und von Schiedsrichter Pitana mit einem Pfiff beschenkt wird. Eine folgenschwere Schwalbe - für Kroatien. Denn der dann wuchtig in den Strafraum gehobene Freistoß wird von Mario Mandžukić unhaltbar zur Führung abgefälscht. Nach diesem unnötigen, aber erfolgreichen Schauspiel konzentriert sich Griezmann auf das, was er besonders gut kann: Kämpfen und Fußballspielen. Zwar hat der zentrale Offensivmann hinter Stürmer Olivier Giroud nur 51 Kontakte am Ball, die aber meist effektvoll. Das zweite Tor der Franzosen erzielt er per Strafstoß - sein dritter Treffer im dritten Versuch. Und das sehenswerte 3:1 des starken und im Mittelfeld clever agierenden und stark verteidigenden Paul Pogba zur Vorentscheidung legt er auf. Nachdem er jahrelang unter einem Final-Flucht gelitten hat - mit seinem Klub Atlético Madrid und den "Les Bleus" - wird Griezmann im Sommer 2018 zum Endspiel-Entscheider. Bereits im Europa-League-Finale hatte der 27-Jährige beim 3:0 seiner Rojiblancos gegen Olympique Marseille zwei Treffer erzielt.

Das war nicht gut

Der bei dieser WM ins internationale Schaufenster gerückte Stuttgarter Benjamin Pavard erlebte eine Anfangsphase des Grauens. Gleich drei schwere Patzer leistete sich der Rechtsverteidiger. Doch weder sein Ballverlust im Mittelfeld, noch der Tunnel von Gegenspieler Ivan Perišić, oder aber seine geöffnete Seite stürzten Frankreich in ein frühes Chaos. Den fatalsten Patzer im Spiel leistete sich aber ohnehin der Torwart der "Les Bleus", als beim 2:4 völlig unnötig in ein Dribbling mit Mandžukić ging - und verlor.

Die bittere Finalpremiere

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Mario Mandžukić hadert mit seinem Eigentor zum 0:1.

(Foto: REUTERS)

Für die sorgte Mario Mandžukić. Denn der Stürmer hat für das erste Final-Eigentor der WM-Geschichte gesorgt. Nach offizieller Fifa-Zählung war es das 72. Tor in einem Endspiel. Dabei werden auch die Treffer aus dem entscheidenden Spiel der WM 1950 zwischen Uruguay und Brasilien (2:1) mitgezählt, das aber eigentlich kein Finale war. Mandžukić erzielte damit auch das zwölfte Eigentor bei der WM 2018 und verdoppelte damit den bisherigen Negativrekord. Die Höchstmarke lag bei sechs Eigentoren während der WM 1998.

Die Szene des Spiels (I)

Wenn wir schon kein Video des streitbaren Handelfmeters finden, dann machen wir einfach eine andere Szene zu der des Spiels: In der zweiten Halbzeit des Endspiels (sie war ja durchaus spannend und wohl auch eine der besseren im Turnier) signierte Fifa-Chef Gianna Infantino Bälle. #Superstar

Die Szene des Spiels (II)

*Datenschutz

Bilder, die die Fifa nicht haben will, Bilder die die Fifa aber zeigte – beziehungsweise zeigen musste. Denn so schnell wie gleich vier FlitzerInnen in der 52. Minute das Spielfeld stürmten, konnten nicht einmal die offiziellen Kamerateams im Luschniki-Stadion reagieren. Wenige Minuten später folgte dann ein erstes Statement: Bei der Aktion handelt es sich offenbar um eine Protestaktion der russischen Politik-Punk-Band Pussy Riot. "Vier Mitglieder von Pussy Riot im Finale der Fußball-WM", hieß es auf Facebook. Glückwunsch dazu. Und Kylian Mbappé? Fand's super.

Wie war's im Stadion?

Schwül, warm - und mit 78.011 Zuschauern natürlich ausverkauft. Nun hat unser WM-Reporter Stefan Giannakoulis nicht jeden einzelnen gezählt, aber es drängte sich der Eindruck auf, dass die Anhänger Kroatiens in ihren küchentuchartigen, rot-weißen Trikots den blaugekleideten Fans der Équipe de France zahlenmäßig überlegen waren. Die gute Nachricht zuerst: Beide Lager hatten die WM-Abschlussfeier mit Tanz, Musik, dem rappenden Will Smith und dem trommelnden Ronaldinho gut überstanden und konzentrierten sich ganz auf Fußball. Wer hinterher mehr zu feiern hatte, war klar, spätestens bei der Ehrung des neuen Weltmeisters hatten die Franzosen Oberwasser. Für die Kroaten aber geht nicht nur ein erfolgreiches, sondern auch ein Turnier der Leiden zu Ende. Zum vierten Mal nach dem Achtelfinale, dem Viertelfinale und dem Halbfinale geriet ihr Lieblingsteam in Rückstand. Doch wieder kam es mit der Unterstützung seiner Fans zurück. Mehr als der Ausgleich war in diesem für die Kroaten so verflixten siebten Spiel aber nicht drin. Und ihre Fans? Feierten ihre großartige Mannschaft dennoch. Das Fazit des Abends aber lautet: Vive la France!

Wie war der Schiedsrichter?

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Gute Spielleitung, außer beim 1:0 für die Franzosen: Nestor Pitana.

(Foto: AP)

Erst als zweiter Schiedsrichter der WM-Geschichte wurde Néstor Pitana die Ehre zuteil, nach dem Eröffnungsspiel auch das Finale leiten zu dürfen. Das hatte er sich mit herausragenden Leistungen während des Turniers auch redlich verdient, urteilt unser Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt von „Collinas Erben“. Der 43-jährige Argentinier verfügt nicht nur über ein gutes Gespür für die Erfordernisse eines Spiels, sondern verschafft sich mit seiner energischen, oftmals unorthodoxen Körpersprache rasch den Respekt der Spieler. An Akzeptanz fehlte es ihm auch diesmal nicht, allerdings stand er in zwei spielrelevanten Situationen im Mittelpunkt. In der 17. Minute ging Antoine Griezmann in der Nähe des kroatischen Strafraums bereits zu Boden, kurz bevor Marcelo Brozović ihn am Bein traf. Eine Schwalbe also, auch wenn das in der Realgeschwindigkeit schwer zu erkennen war. Der Unparteiische entschied jedenfalls auf Freistoß für Frankreich, und da der Video-Assistent bei Freistößen nicht eingreifen darf, war keine Überprüfung möglich. Aus dieser Situation resultierte der Führungstreffer für die Franzosen durch ein Eigentor von Mario Mandžukić. Der frühere Bayern-Stürmer wurde dabei von Paul Pogba bedrängt, der sich allerdings nicht, wie es die Fernsehbilder zunächst suggerierten, im Abseits befand.

Nach 34 Minuten lenkte Ivan Perišić im eigenen Strafraum den Ball nach einem Eckstoß mit dem Arm ins Toraus. Pitana ging davon aus, dass Blaise Matuidi zuletzt am Ball war, und entschied deshalb auf Abstoß, hatte das Handspiel also gar nicht bemerkt. Das rief den Video-Assistenten auf den Plan, der dem Referee ein On-Field-Review empfahl. Dieser studierte die Bilder sehr lange, bevor er auf Elfmeter für Frankreich entschied. Dafür gab es nachvollziehbare Gründe: Perišić hatte seinen Arm unter Spannung und in die Flugbahn des Balles gebracht. Hierin keine natürliche, reguläre Bewegung zu sehen, sondern eine ahndungswürdige Vergrößerung der Körperfläche, entspricht der gängigen Regelauslegung, der Strafstoß war damit vertretbar. Ansonsten hatte Pitana insgesamt wenig Mühe mit dem fairen Endspiel, seine gute Gesamtleistung wurde durch den Fehler vor dem 1:0 allerdings etwas getrübt.

Der Tweet zum Spiel

*Datenschutz

 

Quelle: n-tv.de

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