Fußball-WM 2018

Die Metamorphose zur Reife Frankreich ist wegen Pogba Weltmeister

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Mit dem WM-Titel und seinem Anteil daran widerlegt Pogba viele seiner Kritiker.

(Foto: AP)

Frankreich hat viele Top-Fußballer. Beim WM-Triumph wird aber ein Mann zum Entscheider, den selbst in der Heimat viele gerne fallen sehen wollten: Paul Pogba. Mit seiner Urgewalt und Technik ist er der Schlüsselspieler beim Weltmeister.

Große Spiele werden von großen Spielern entschieden. Die Leistung von Frankreich im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft war alles andere als souverän, aber die individuelle Überlegenheit machte beim 4:2 (2:1)-Erfolge gegen Kroatien den Unterschied. Ganz besonders stach Paul Pogba heraus, der einsprang, als sein sonst fehlerloser Nebenmann N’Golo Kanté ins Straucheln geriet. Es war die vorentscheidende Szene des Endspiels. In der 59. Minute traf Pogba zum 3:1 für Frankreich. Das Aufbäumen Kroatiens wurde mit einem schmerzhaften Nadelstich gestoppt. Doch ebenso beeindruckend wie die Beidfüßigkeit, die Pogba bei seinen zwei Schussversuchen an der Strafraumgrenze demonstrierte, war sein einleitender Pass wenige Momente zuvor. Der 25-Jährige initiierte den Konterangriff mit einem präzisen Anspiel auf Kylian Mbappé, der ausnahmsweise weit vorn wartete.

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So spielten beide Teams im Finale. Pogba agierte auf der halbrechten Sechserposition im französischen Mittelfeld – zunächst an der Seite von Kanté, später neben dem eingewechselten Steven Nzonzi.

Nonchalant legte er den Ball über 40 oder 50 Meter in den Fuß seines Mitspielers. Es ist diese Außergewöhnlichkeit, auf die Fans von Pogba immer hoffen. Der begabte Mittelfeldmann ist der personifizierte Swag. Immer mit einem Schuss Leichtigkeit, immer mit einem leichten Hang zum Arroganten. Gelingt Pogba alles auf dem Rasen, wird er gefeiert. Wirkt er hingegen gehemmt und fehleranfällig, wie etwa bei Manchester United in der abgelaufenen Saison, werden die vielen Kritiker auf den Plan gerufen – die sich so gerne ein Versagen Pogbas wünschen. So auch zuletzt, als er in einer Filmreihe namens "Pogserie" auftauchte, in welcher sein Weg zur WM dokumentiert wurde. Der erste Teil erschien im März. Zu jener Zeit hatte ihn Klub-Trainer José Mourinho gerade auf die Bank verbannt. Und auch im Nationalteam war er alles andere als unumstritten. Die Kritik, dass Pogba nur ein verspielter Junge sei, kochte einmal mehr hoch.

Die neugewonnene Reife

Doch der 25-Jährige ist mittlerweile gereift. Das stellte er gerade in den letzten vier Wochen unter Beweis. Denn obwohl er so manche Freiheit im französischen Spielsystem genoss, waren undisziplinierte Ausflüge unter Didier Deschamps nicht erlaubt. Dafür legt der Nationaltrainer viel zu viel Wert auf Stabilität und Absicherung. Frankreich gewann die Weltmeisterschaft gewiss nicht mit einem fußballerischen Feuerwerk.Pogba ordnete sich dem gemeinsamen Ziel unter. Er war aber in den entscheidenden Momenten zur Stelle. Tauchte er noch in der Gruppenphase ab, leuchtete sein Stern ab dem Achtelfinale immer heller.

Im Endspiel war er jedoch umso mehr gefragt. Denn Nebenmann Kanté erlebte einen rabenschwarzen Tag. Eigentlich war jener dafür verantwortlich, Pogba den Rücken frei- und die Defensive am Laufen zu halten. Davon war allerdings nur wenig zu sehen. Die beiden Innenverteidiger Raphaël Varane und Samuel Umtiti mussten in der ersten Halbzeit vielfach in höchster Not retten. Als Kanté zudem ein unnötiges Foul im Mittelfeld beging, verursachte er den Freistoß, der zum kroatischen Ausgleich führte. Deschamps nahm ihn früh in der zweiten Halbzeit vom Platz. Das war im Matchplan der Franzosen so nicht vorgesehen. Pogba blieb unbeirrt und drehte mit zunehmender Spielzeit auf. Zu Beginn hielt er sich defensiv noch zurück und attackierte nur vereinzelt seinen Gegenspieler Ivan Rakitić. Doch als sich mehr Räume im Mittelfeld ergaben und Pogba unter weniger Druck, seine Pässe anbringen konnte, gewann Frankreich als ganzes Team an offensiver Durchschlagskraft.

Metamorphose zum Spielmacher

An sich war es zu Beginn seiner Karriere schwierig, genau zu definieren, was Pogba hauptsächlich auszeichnet und welche Rolle er im Mittelfeld übernehmen sollte. Er vereinte eine urgewaltige Athletik mit exzellenter Technik und einer unstrukturierten Kreativität. Das kann Trainer in den Wahnsinn treiben, denn sie wissen um das nahezu unerschöpfliche Talent und sehen zugleich den überschaubaren Ertrag.

Pogba funktionierte in der Vergangenheit immer dann am besten, wenn er sich innerhalb klar definierter Systeme bewegte. Bei Juventus hatte er beispielsweise Andrea Pirlo hinter sich. Im französischen Nationalteam teilte er sich lange Zeit die Mittelfeldzentrale mit Blaise Matuidi. Doch die Zeiten der Nebenrollen sind vorbei. Wie im gestrigen Endspiel zog Pogba auch schon in den Partien zuvor immer mehr die Strippen. Er spielte lange Pässe, die an einen Pirlo erinnerten. Und gab Kommandos wie einst Deschamps in seinen aktiven Tagen.Wer meinte, Pogba könnte sein Spielverständnis nicht verbessern und würde immer der talentierte, aber unreife Exzentriker bleiben, der sieht sich durch dieses WM-Turnier und ganz speziell das gestrige Finale widerlegt.

Quelle: n-tv.de

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