Fußball-WM 2018

Weibliche Stimmen im Fußball Hass gegen Kommentatorinnen macht Schule

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Auch Marklund (r.), 118-fache schwedische Nationalspielerin, wird als TV-Kommentatorin angefeindet.

(Foto: imago/Bildbyran)

Schockiert reagiert das ZDF auf den Internet-Wutanfall, der sich immer dann entlädt, wenn Claudia Neumann bei der Fußball-Weltmeisterschaft ihre Arbeit macht. Doch ein Blick nach Europa zeigt: Der Fall der TV-Kommentatorin ist leider keine Ausnahme.

Wenn sich Claudia Neumann ans WM-Mikrofon setzt, regiert in sozialen Netzwerken der Hass. Es beginnt ein Meinungskrieg, der des 21. Jahrhunderts nicht würdig ist. Wenn überhaupt, dann solle die ZDF-Journalistin doch bitte Frauenfußball kommentieren, ihre Stimme sei ohnehin nervig, heißt es - und das sind noch die harmloseren Posts, die das Social-Media-Team des Senders dieser Tage moderieren muss.

*Datenschutz

Der Hass gegen die 54-Jährige ist indessen kein Einzelfall, auch im Ausland haben es Frauen im Haifischbecken WM-Berichterstattung schwer. "Offenbar hat ein Teil der Zuschauer ein Problem damit, dass eine Frau Fußball kommentiert", sagte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann der "Süddeutschen Zeitung". Besonders schlimm hatte es Neumann nach ihren ersten beiden Einsätzen bei Argentinien gegen Island (1:1) und Kolumbien gegen Japan (1:2) erwischt. Hochpersönliche Beleidigungen waren dort die Regel. Am Donnerstag bei Dänemark gegen Australien (1:1) waren dann viele Augen auf sie gerichtet. "Es geht nicht um fachliche Fehler, sondern schlicht um ihr Geschlecht - und dass sie deswegen angeblich nicht kommentieren könne", sagte Fuhrmann.

Freilich hat sich Neumann bei der WM bereits Fehler geleistet. So nannte sie den japanischen Bundesliga-Legionär Yuya Osako fälschlicherweise Osaka und ordnete ihn dem FSV Mainz 05 statt dem 1. FC Köln zu. Ein Fauxpas, der auch dem besten Kommentator unterlaufen kann. Das weiß auch Fuhrmann. "Männlichen Kommentatoren passieren solche Fehler ja auch, aber über die wird nicht so viel Hass ausgeschüttet. Da greifen irgendwelche Urinstinkte, ich weiß gar nicht, ob da ein Rückgriff auf die Fünfziger Jahre noch reicht."

Häme für Kolleginnen aus Schweden und England

Dass Pöbeleien gegen Fußball-Reporterinnen derzeit Schule machen, zeigt auch ein Blick über die deutschen Landesgrenzen hinaus. Nach Schweden und England zum Beispiel. So wird Hanna Marklund, die 118 Länderspiele für die Skandinavier absolvierte und als erste Frau im schwedischen Fernsehen eine Männer-WM kommentiert, ebenfalls schwer angefeindet. In Großbritannien teilt die Engländerin Vicki Sparks Neumanns Schicksal. Die BBC-Kommentatorin begleitete am Dienstag bei der Partie Portugal gegen Marokko (1:0) als erste Frau im britischen Fernsehen ein WM-Spiel. Häme gab es reichlich, auch von Ex-Nationalspieler John Terry, der bei Instagram postete, sich das Spiel ohne Ton anschauen zu müssen - und sofort selbst Zielscheibe der Kritik wurde. Als Erklärung dafür gab er später technische Probleme an.

Neumann äußert sich zur Sachlage nicht öffentlich. Von Journalisten-Kollegen gab es viel Beistand, Unterstützer machten sich gar dafür stark, dass Neumann das Finale am 15. Juli, das das ZDF zeigt, kommentieren solle. Was die Situation vielleicht entschärfen könnte, wären mehr WM-Kommentatorinnen, um den Druck von Neumann zu nehmen. Laut Fuhrmann ist das aber schwierig: "Das würde ich ja gern. Aber so viele Frauen, die dafür infrage kommen, gibt es nicht. Zumal Sie sich vorstellen können, dass so eine Häme und Hass nicht gerade Werbung für den Job sind." Es wäre zumindest ein Zeichen.

Quelle: n-tv.de, Florian Krebl, sid