Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 29. Juni 1958 Infantil? Pelé widerlegt die Psychologen

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Mit 17 Jahren ging der Stern von Pelé auf.

(Foto: imago/Horstmüller)

In Schweden geht bei der WM 1958 ein neuer Stern auf. Es ist der vielleicht hellste Stern, den die Fußballgeschichte je gesehen hat. Doch Pelé hätte damals fast nicht gespielt. Psychologen wollten seinen Einsatz verhindern.

Die Weltmeisterschaft 1958 in Schweden gewinnt Brasilien mit 5:2 im Finale gegen den skandinavischen Gastgeber. Das Bemerkenswerte: Maßgeblich am Erfolg der Südamerikaner sind zwei Spieler beteiligt, die eigentlich gar nicht auf dem Platz hätten stehen sollen. Denn vor der WM mussten sich die brasilianischen Kicker aufwendigen ärztlichen Untersuchungen unterziehen. Dabei wurden unter anderem 470 Zähne plombiert und 32 gezogen. Psychologen erklärten nach Tests den 17-jährigen Pelé für "infantil" und bezeichneten Garrincha gar als "debil". Die Einschätzung der Ärzte: Der Rechtsaußen sei so dumm, dass er noch nicht einmal dazu geeignet sei, als Fahrer zu arbeiten.

Schweden - Brasilien 2:5 (1:2)

Schweden: Svensson - Bergmark, Axbom - Börjesson, Gustavsson, Parling - Hamrin, Gren, Simonsson, Liedholm, Skoglund; Trainer: Raynor.
Brasilien: Gilmar - Djalma Santos, Bellini, Pecanha, Nilton Santos - Zito, Didi - Garrinch, Vavá, Pelé, Zagallo; Trainer: Feola.
Tore: 1:0 Liedholm (4.), 1:1 Vavá (9.), 1:2 Vavá (32.), 1:3 Pelé (55), 1:4 Zagallo (68.), 2:4 Simonsson (80.), 2:5 Pelé (90.)
Schiedsrichter: Guigue (Frankreich)
Zuschauer: 49.737 (Råsundastadion, Stockholm)

Das musste Garrincha allerdings nach dieser WM auch nicht mehr. Denn spätestens nach seinen Tor-Vorlagen im Finale war der vielleicht beste Rechtsaußen, den der Fußball je gesehen hat, in Brasilien unsterblich geworden. Und Pelé? Der schießt an diesem 29. Juni 1958 im Endspiel gar zwei Tore selbst. Bis heute ist er mit 17 Jahren, 8 Monaten und sechs Tagen der jüngste Torschütze in einem WM-Finale aller Zeiten. Seit dieser Nacht in Schweden trägt er den Beinamen "Rei Pelé" – "König Pelé".

Eigentlich war der Mann, der als Edson Arantes do Nascimento geboren wurde, fast schon wieder auf der Heimreise nach Brasilien gewesen. Pelé fühlte sich nicht gut. Er war mit einer Knieverletzung angereist und bat, als er spürte, es würde nicht besser werden, seinen Trainer Vicente Feola darum, wieder nach Hause zu dürfen. Doch Feola sagte nein, obwohl er selbst nicht mehr wirklich damit rechnete, dass dieser kleine, kindliche Bursche ihm noch einmal zu etwas nutze sein würde.

Keine Verletzung sondern ein Knie-Komplex

Americo, der Masseur, hatte ihm zwar gesagt, dass Pelé in Wahrheit keine Verletzung sondern eher einen Knie-Komplex habe, doch Feola gab nicht so viel auf die Worte des Physiotherapeuten. Dabei schien die Begründung Americos durchaus sinnvoll: Hatte doch Pelés Vater seine Karriere wegen eines komplizierten Knieschadens frühzeitig beenden müssen. Und nun, als die brasilianische Nachwuchshoffnung leichte Schmerzen im Knie verspürte, spielte der Kopf des jungen Menschen verständlicherweise verrückt. Medizinisch jedoch hatte der Masseur nichts finden können.

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Und so vergingen die Tage und die ersten beiden Spiele der WM, ohne dass Pelé zum Einsatz kam. Doch mittlerweile hatte sich der 17jährige – vor allem abseits des Fußballplatzes - in Schweden eingelebt, wie der Journalist Fritz Hack in seinem Buch "Schwarze Perle Pelé" schildert: "Wie eine Wildkatze lag er auf der Lauer und jauchzte auf, wenn er ein Eichkätzchen sah. Brasilien ist ein einziger Tierpark, aber so ein Ding mit einem langen Schweif hatte er noch nie gesehen. Stundenlang konnte er die rotbraunen Bewohner der schwedischen Wälder jagen. Und er fasste es einfach nicht, dass er danebengriff, wenn er sich wie ein Torwart darauf stürzte. Mit ihm, dem jungen Brasilianer, schwarz wie die Nacht, jagten vier schwedische Mädchen, blond wie ein Weizenfeld. ‚Pe-Lä’, das konnten sie schnell sagen, aber sonst verstanden sie kein Wort. Doch ließ sie die Weltsprache der Herzen vieles begreifen."

Garrincha wirbelt und Pelé hämmert

Und nach dem enttäuschenden 0:0 gegen England im zweiten Gruppenspiel ist es dann endlich soweit. Trainer Feola beugt sich dem Druck der brasilianischen Presse und Öffentlichkeit – und bringt Garrincha und Pelé ins Spiel. Und er muss seine Entscheidung keine Sekunde bereuen. Direkt nach dem Anpfiff wirbelt Garrincha die Abwehr der Sowjetunion durcheinander und schießt den Ball an den Pfosten. Sekunden später hämmert Pelé die Kugel ans Gebälk. Der Führungstreffer nach nicht einmal 120 Sekunden durch Vavá ist nur eine logische Folge der kompletten Verwirrtheit der sowjetischen Hintermannschaft.

Von nun an sind Garrincha und Pelé gesetzt. Im Viertelfinale schießt der Jungstar das entscheidende 1:0 gegen Wales und im Halbfinale gegen Frankreich verzückt Edson Arantes do Nascimento die ganze Welt zwischen der 52. und 75. Minute mit einem lupenreinen Hattrick. Zwölf Jahre später wird nach dem Gewinn der WM 1970 in Mexiko die Überschrift der "Sunday Times" lauten: "Wie buchstabiert man Pelé? G-O-T-T!" In den Tagen von Schweden im Jahr 1958 wird genau dieser Mythos geboren.

Nach der Weltmeisterschaft stapeln sich zu Hause bei seinen Eltern über vierhundert Heiratsanträge, die der siebzehnjährige Kicker feinsäuberlich in einer großen Holzkiste sammelt. Aus dem kleinen Jungen ist nach dem Finaltag am 29. Juni 1958 der König des Fußballs geworden. Im Herzen jedoch ist dieser Edson Arantes do Nascimento noch immer das kleine Kind, das den neuen Ruhm erst einmal verarbeiten muss – wie diese zwei Fragen aus einem Interview, das Fritz Hack für sein Buch mit ihm führte, zeigen. Frage: "Wer ist Ihr bester Freund?" Pelé: "Ganz Brasilien und mein Vater." F.: "Wer ist Ihre beste Freundin?" P.: "Meine Mutter – und der Fußball."

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Quelle: ntv.de