Auch Kritik an Hassbotschaften von RechtsextremistenNorwegen gedenkt 15 Jahre nach Utøya der Toten

Im Regierungsviertel werden die Namen der Getöteten verlesen. Ein Überlebender berichtet von Hassbotschaften - und hat einen Vorschlag, wie man damit umgeht.
Gedenken im Schatten des Hasses - 15 Jahre nach den Terroranschlägen von Oslo und Utøya hat Norwegen an die 77 überwiegend jungen Todesopfer erinnert. «Norwegen trauert seit 15 Jahren», sagte der Vorsitzende der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten (AUF), Gaute Børstad Skjervø, ein Überlebender des Massakers auf Utøya. Er und Selbsthilfegruppen kritisierten eine Zunahme von Hassbotschaften von Rechtsextremisten im Internet. Skjervø und Ministerpräsident Jonas Gahr Støre legten an einem neuen Mahnmal des Künstlers Matias Faldbakken Kränze nieder. An einem Gedenkgottesdienst im Dom nahmen König Harald V. und Königin Sonja teil. Dort sprach unter anderem Entwicklungsminister Åsmund Aukrust, ein weiterer Überlebender von Utøya. Auf der Insel selbst gab es am Nachmittag eine Erinnerungsveranstaltung.
Am 22. Juli 2011 hatte der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik eine Autobombe im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt gezündet und dabei acht Menschen getötet. Danach fuhr er auf die Insel Utøya, wo er sich als Polizist ausgab und das Feuer auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des jährlichen AUF-Sommerlagers eröffnete. 69 Menschen, darunter vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, kamen auf der Insel ums Leben.
Überlebender bewundert Hinterbliebene
Skjervø sagte, den Schmerz der Hinterbliebenen könne kein Außenstehender wirklich begreifen. «Wir bewundern euch», sagte er. «Wie ihr es geschafft habt, weiterzuleben. Wie ihr gezeigt habt, dass es möglich ist, wieder glücklich zu werden, sich wieder aufzurichten und weiterzukämpfen.» Norwegen brauche dieKraft der Gemeinsamkeit, denn heute bedauerten Menschen unter vollem Namen im Internet, dass der Attentäter damals nicht noch mehr Menschen getötet habe. Støre sagte, die Stärke der norwegischen Gesellschaft sei, dass die Menschen in schmerzhaften und glücklichen Augenblicken zusammenstünden. «Wir müssen weiterhin offen und ehrlich darüber sprechen, was geschehen ist, über die Motive des Terroristen, seine Herkunft, die Folgen von Rechtsextremismus, Hass und Verachtung der Demokratie», forderte er. Die brutale Geschichte dieses politisch motivierten Massenmords müsse erzählt und erklärt werden, auch angesichts von Lügen und Verschwörungserzählungen, wie der Behauptung, die Anschläge vor 15 Jahren seien inszeniert gewesen.
Geheimdienst warnt vor Nachahmern
Breivik ist 2012 zur damals möglichen Höchststrafe von 21 Jahren Haft verurteilt worden. Seine Anschläge gelten als die schlimmsten Gewalttaten der norwegischen Nachkriegszeit. Dennoch wird der Massenmörder nach Angaben des norwegischen Inlandsgeheimdienstes PST inzwischen immer mehr zu einer Motivationsquelle für Rechtsextreme. Bei verübten oder verhinderten Terroranschlägen im In- und Ausland werde der 47-Jährige immer wieder als Vorbild genannt, besonders seit 2019, dem Jahr, in dem der australische Rechtsterrorist Brenton Tarrant in zwei Moscheen in Neuseeland 51 Menschen tötete, schrieb der PST kurz vor dem Jahrestag.
Die Vorsitzende der nationalen Selbsthilfegruppe, Merete Stamneshagen, sagte auf Utøya, das Gedankengut, das 77 Menschen das Leben gekostet habe, sei immer noch vorhanden und habe weiteren Nährboden gefunden. «Es inspiriert zu neuen Terrorakten, und wir hören den Nachhall und den Hass aus den Wohnzimmern, von den Rednerpulten», sagte Stamneshagen, deren Tochter auf Utøya getötet wurde. Skjervø mahnte seine Landsleute, sich nicht auf das Niveau von Rechtsextremisten zu begeben. Hass lasse sich nicht mit Hass, sondern nur durch Liebe vertreiben, sagte er unter Verweis auf den US-Bürgerrechtler Martin Luther King. Dieses Ziel verlange der norwegischen Gesellschaft und jedem Einzelnen das Beste ab