Wirtschaft

Deutschlands Boom geht zu Ende Abschwung, Rezession oder Krise?

imago70180206h.jpg

Der Welthandel ist in Gefahr. Beim kommenden Abschwung könnten Regierungen - angeführt von US-Präsident Trump - die Lage mit protektionistischen Maßnahmen verschärfen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Die Boomphase in Deutschland geht nach einhelliger Meinung der Ökonomen zu Ende. Im vergangenen Quartal ist die Wirtschaft sogar erstmals seit Jahren geschrumpft. Steuern wir auf eine Krise zu? Und was kann die Politik dagegen tun?

Der Aufschwung, darin sind sich alle einig, ist vorbei. Die Bundesregierung, die Wirtschaftsweisen, der Internationale Währungsfonds und sämtliche großen Wirtschaftsforschungsinstitute haben in den vergangenen Monaten ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum für dieses und die kommenden Jahre deutlich nach unten korrigiert - für Deutschland ebenso wie für die meisten großen Volkswirtschaften in der Welt. Auch die großen deutschen Unternehmen sehen sich vor wachsenden, teils dramatischen Schwierigkeiten: Von der Post über den Gesundheitskonzern Fresenius bis hin zu den großen Autobauern und –zulieferern haben zahlreiche Dax-Konzerne, die im vergangenen Jahr noch mit Rekordergebnissen aufwarten konnten, Gewinnwarnungen herausgegeben.

In den Monaten Juli bis September schrumpfte das deutsche Bruttoinlandsprodukt sogar leicht. Für das gesamte Jahr 2018 trauen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschland noch ein Wachstum von 1,7 Prozent zu. Bis vor wenigen Monaten hatten sie noch prognostiziert, dass das Bruttoinlandsprodukt 2,2 Prozent zulegen würde, genausoviel wie im vergangenen Jahr.

Doch wie schlimm ist die Situation wirklich? Droht eine Rezession, ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung, oder gar eine ausgewachsene Wirtschaftskrise mit allen dazugehörigen Folgen vom Finanzmarktcrash bis zur Massenarbeitslosigkeit? Oder sinkt das zuletzt deutlich über dem langjährigen Mittel von rund 1,5 Prozent liegende Wirtschaftswachstum lediglich wieder auf das Durchschnittsniveau? Bei dieser Frage endet die Einigkeit der Experten. Die wichtigsten Argumente:

Warum geht das Wirtschaftswachstum zurück?

Zum einem Großteil beruht der gerade zurückgehende Rückgang der Wachstumsraten auf einem erwartbaren Anpassungsprozess. Die Wirtschaft in Deutschland war zuletzt mit als zwei Prozent pro Jahr relativ schnell gewachsen und stößt an ihre Grenzen: So können manche Firmen trotz großer Nachfrage kaum noch wachsen, da der Arbeitsmarkt leergefegt ist. Auch Gewerbeimmobilien werden knapp, die Infrastruktur - man denke an das Flugchaos und die sich auf den Autobahnen stauenden Lkws - ist in vielen Bereichen ausgelastet.

Zu diesem zyklischen Abschwung kommen jedoch weitere Bremsfaktoren. So wächst die Nachfrage in wichtigen Exportmärkten langsamer oder geht sogar zurück. Die Ausfuhren aus der Eurozone nach China etwa legten zuletzt im Jahresvergleich noch um 4,4 Prozent zu, nach zweistelligen Wachstumsraten in den Jahren zuvor. Die Ausfuhren nach Großbritannien gingen in den vergangenen Quartalen sogar zurück. Aufgrund der Währungskrise in der Türkei brachen die Exporte in das Land zuletzt sogar um rund ein Drittel ein. Besonders kritisch aus deutscher Sicht: Zu den am stärksten getroffenen Branchen gehört jeweils der Automobilsektor.

Was spricht für eine weiche Landung?

"Obwohl das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal dieses Jahres sogar erstmals seit langer Zeit gesunken war, ist die Gefahr einer Rezession gering", sagt etwa der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Claus Michelsen. Der geringfügige Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung im dritten Quartal beruhte vor allem darauf, dass viele Autobauer ihre Produktion zurückfahren mussten, weil sie ihre Prüfverfahren nicht rechtzeitig auf die neuen Abgas- und Verbrauchsnormen umgestellt hatten. Das Problem dürfte allerdings in Kürze behoben sein.

Anders als bei vergangenen Boomphasen haben sich in Deutschland in den vergangenen Jahren keine Blasen gebildet, die groß genug wären, die ganze Wirtschaft in den Abgrund reißen könnten. Die Banken mussten nach der letzten Krise ihre Kapitalpolster erheblich aufbessern und gelten nun als besser gerüstet für schlechte Zeiten. 

Zu den wichtigsten Faktoren, die laut Ökonomen die deutsche Wirtschaft vor einem Absturz bewahren werden, gehört die gesunde Binnenkonjunktur in Deutschland. Die Nachfrage aus dem Inland hatte schon in den vergangenen Jahren den größten Teil zum Boom beigetragen. Die geringe Arbeitslosigkeit und moderat gestiegene Einkommen sprechen dafür, dass vor allem der private Konsum weiter steigt.

Dazu werden im kommenden Jahr auch weitere Entlastungen der Bürger beispielsweise durch sinkende Beiträge zu den Krankenkassen, zur Arbeitslosenversicherung und die steigende Mütterrente beitragen. Die boomende Bauwirtschaft weiter anzukurbeln, ist erklärtes Ziel der Bundesregierung.

Welche Risiken könnten trotzdem zu einer Krise führen?

Während die deutsche Wirtschaft relativ gut gerüstet ist für eine Phase des Abschwungs, sieht es für die Weltwirtschaft insgesamt schlechter aus. Anders als in Deutschland sind die Schulden vieler Staaten seit der letzten Krise stark gestiegen. Die Regierungen haben daher weniger Spielraum, die Wirtschaft zu stützen, sondern könnten sogar gezwungen sein, mit Sparmaßnahmen etwaige Krisen zu verschärfen.

Auch die Zentralbanken weltweit haben einen großen Teil ihrer Munition bereits verschossen. Die Leitzinsen liegen vielerorts bereits nahe oder unter Null. Im Fall der EZB sind auch die Möglichkeiten, Geld mit Anleihekäufen in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen, nahezu ausgeschöpft. 

Die politischen Voraussetzungen für ein weltweit gemeinsames Vorgehen im Krisenfall haben sich im Vergleich zu Finanzkrise von 2007/2008 dramatisch verschlechtert. Damals riefen die Regierungen der führenden Wirtschaftsmächte die G20 und konnten immerhin eine Verschärfung der Probleme durch Protektionismus oder einen Abwertungswettbewerb bei den Währungen verhindern. Mit Donald Trump an der Spitze der mächtigsten Wirtschaftsnation dürfte das kaum möglich sein. Im Gegenteil: Ein Abschwung, den nahezu alle Ökonomen auch den USA voraussagen, könnte Trumps Nationalismus in der Wirtschaftspolitik und damit den Zollkonflikt mit Europa und China weiter anheizen und die Wirtschaft in einen gefährlichen Abwärtsstrudel geraten.

Wie kann die Politik einer Krise vorbeugen?

Die deutsche Politik ist im Vergleich zu anderen Ländern in der komfortablen Lage, finanziellen Spielraum zu haben, um auf den kommenden Abschwung zu reagieren, indem sie die Staatsausgaben erhöht. Wirtschaftsforschern zufolge kann die Bundesregierung auch in den kommenden Jahren mit einem Überschuss im Haushalt rechnen. Sie kann sowohl den Konsum fördern, etwa durch Steuerentlastungen oder Erhöhungen von Transferleistungen, als auch mehr investieren.

Experten etwa von Internationalen Währungsfonds oder der Industrieländerorganisation OECD empfehlen Deutschland vor allem mehr Investitionen in die Bildung und die Infrastruktur. Damit würde die Regierung auch dazu beitragen, das Potenzialwachstum - also die Rate mit der die Wirtschaft langfristig, unabhängig von konjunkturellen Schwankungen wachsen kann - zu steigern.

Quelle: ntv.de