Wirtschaft

Kampf gegen die Inflation "Am besten, die EZB hält die Füße still"

88808042.jpg

Angesichts der dramatischen Preissteigerungen ist der politische Druck auf die EZB groß.

(Foto: picture alliance / Arne Dedert/d)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Angesichts historisch hoher Inflationsraten hat die EZB ihre Nullzinspolitik beendet. Weitere Zinserhöhungen in den kommenden Monaten gelten weithin als notwendig, um die Preise zu stabilisieren. Maurice Höfgen gehört zu einer kleinen Minderheit unter den Ökonomen, die weiterhin für niedrige Zinsen plädiert. Im ntv.de-Interview erklärt er, warum.

ntv.de: Jahrelang waren die Experten zerstritten über die Niedrigzinspolitik der EZB. Jetzt aber, mit Inflationsraten so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr, sind sich alle einig: Die Zinsen müssen steigen und zwar kräftig, um die Inflation wieder unter Kontrolle zu bekommen, oder?

DSC00662_2.JPG

Maurice Höfgen ist Ökonom und Betriebswirt. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Finanzpolitik beim Bundestag.

(Foto: Maurice Höfgen)

Maurice Höfgen: Ich sehe die Zinserhöhungen sehr skeptisch. Inflation ist ja nicht gleich Inflation. Zinserhöhungen der Zentralbank und eine Sparpolitik des Staates sind vielleicht ein geeignetes Beruhigungsmittel, wenn brummende Wirtschaft und überhitzte Nachfrage die Preise treiben. Das ist aber nicht der Fall. Wir haben einen klassischen Angebotsschock: Ein Mangel vor allem an Gas lässt die Energiepreise und damit die Preise aller Güter, in denen viel Energie steckt, stark steigen. Bevor ein Arzt eine Therapie verschreibt, muss er eine fundierte Diagnose erstellen. Um die Preissteigerungen derzeit in den Griff zu bekommen, sind Zinserhöhungen sicher nicht die richtige Medizin. Wer das fordert, verlangt Unmögliches von der EZB.

Und was ist die richtige Therapie?

Wir müssen alles tun, um die Angebotsengpässe zu beheben, also möglichst schnell Ersatz für das russische Gas finden. Alternative Energiequellen wie Solar- und Windenergie ausbauen, aber auch kurzfristig Kohlekraftwerke ans Netz bekommen, um Gas bei der Verstromung zu sparen und den explodierenden Strompreis wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ebenso Anreize und Hilfen für Firmen, die von Gas auf Alternativen umstellen. Hier ist Wirtschaftsminister Robert Habeck gefragt, nicht die EZB. Die Idee, gerade in der jetzigen Krise durch Zinserhöhungen und auch durch eine Sparpolitik des Staates die Wirtschaft abzuwürgen, Unternehmenspleiten herbeizuführen, die Arbeitslosigkeit zu erhöhen, um dadurch die Nachfrage und letztlich die Preise zu senken, halte ich für fragwürdig - und obendrein unsozial.

Die Notenbank soll die Geldpolitik also gar nicht ändern?

Zinserhöhungen und auch die Beendigung der Anleihekäufe machen Geld und Kredite teurer. Das erschwert Investitionen. Aber um die aktuelle Energiekrise zu bewältigen, müssen wir doch investieren: Unternehmen müssen ihre gasbetriebenen Anlagen umrüsten, erneuerbare Energien ausbauen, Privatleute müssen ihre Häuser dämmen, auf Wärmepumpen umstellen, der Staat muss das alles fördern und die Infrastruktur für die Energiewende aufbauen. Je schneller, desto besser. Hohe Zinsen bremsen aber.

Bundesfinanzminister Lindner will im Bundeshaushalt allerdings sparen, unter anderem mit dem Argument, dass die Staatsverschuldung die Inflation antreibe.

Das ist doch unlogisch. Der Staat muss mehr investieren, nicht weniger, um vor allem für mehr günstige Energie zu sorgen und Deutschland unabhängig vom russischen Gas zu machen. 16 Jahre Investitionsstau haben uns ja erst abhängig und verletzlich gemacht.

Welche Rolle bleibt da überhaupt der Zentralbank bei der Inflationsbekämpfung? Die Preisstabilität ist doch ihre wichtigste Aufgabe?

Die Inflation wird wieder zurückgehen, sobald der Krieg in der Ukraine vorbei ist oder Deutschland ausreichend Ersatz für die Energieimporte aus Russland hat. Ich weiß, das ist angesichts der aktuell dramatischen Preissteigerungen und des großen politischen Drucks schwierig: Aber am besten wäre es, die EZB hält einfach so lange die Füße still. Sie sollte mit niedrigen Zinsen ermöglichen, dass Verbraucher, Unternehmen und Staaten die dringend notwendigen Investitionen finanzieren können.

Ein Argument, das immer wieder für deutliche Zinserhöhungen ins Feld geführt wird, ist, dass die EZB die Inflationserwartungen dämpfen müsse. Sie soll also ein Zeichen setzen, dass sie energisch und wirksam gegen die Inflation vorgeht, damit eine allgemeine Erwartung weiterer Preissteigerungen nicht zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Ist das nicht ein wichtiges Argument?

Dabei geht es ja vor allem um die Sorge vor einer Lohn-Preis-Spirale. Die Zentralbank soll also durch ihre Zinserhöhungen die Gewerkschaften von hohen Lohnforderungen abhalten. Dass das funktioniert, bezweifle ich stark. Da ist es viel erfolgversprechender, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammenzubringen, wie der Bundeskanzler das bei der Konzertierten Aktion macht, damit diese miteinander aushandeln, wie sie die Lasten durch die Inflation untereinander aufteilen.

Mit Maurice Höfgen sprach Max Borowski

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen