Wirtschaft

Kampf im Onlinehandel "Amazon ist nicht aufzuhalten"

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Dass selbst Amazon bald an seine Grenzen stoßen wird, sieht Handelsexperte Heinemann nicht kommen.

(Foto: imago images/Ralph Lueger)

Die Einkaufsstraßen in deutschen Innenstädten sind wie leer gefegt. Auch wenn die Vermutung nahe liegt: Das Onlinegeschäft profitiert nicht flächendeckend von Filialschließungen. Alle Onlinehändler sind von einem krisenbedingten Einbruch betroffen, sagt Handelsexperte Heinemann ntv.de. Mit einer Ausnahme.

ntv.de: Ist die Corona-Krise das Ende für den stationären Einzelhandel?

Gerrit Heinemann: Das ist eine sehr steile These. Der stationäre Handel ist nicht komplett am Ende. Der Lebensmitteleinzelhandel und auch Drogerieläden sind schließlich noch weiter offen. Damit ist die Hälfte des deutschen Einzelhandels schon mal nicht betroffen. Im Gegenteil: Da geht zurzeit sogar richtig die Post ab. Zusätzlich sind weiterhin Baumärkte und Gartengeschäfte offen. Unter der Corona-Krise und den Filialschließungen leidet ungefähr ein Viertel des gesamten Einzelhandelsumsatzes, allerdings, drei Viertel aller Geschäfte. Wen es wirklich trifft, sind kleine lokale Händler in der Innenstadt, die keinen Onlineshop haben.

Kann der verlorene Umsatz aus den Filialen online kompensiert werden?

Gerrit Heinemann ist E-Commerce-Experte an der Hochschule Niederrhein.

Gerrit Heinemann ist E-Commerce-Experte an der Hochschule Niederrhein.

(Foto: Recordbay)

Filialketten werden den verlorenen Umsatz aus den Geschäften online nur schwer ausgleichen können. Die Infrastruktur von Onlineshops, das Packen von Paketen - all das können viele nicht von jetzt auf gleich hochfahren. Die Unternehmen, mit denen ich spreche, haben je nach Warengruppe sehr unterschiedliche Onlineanteile im Markt. Dass Bücher und andere Medien im Internet stark nachgefragt werden, wundert niemanden. Hier wurden bereits deutlich über 40 Prozent online verkauft. Diese Anteile erreichen viele Buchhandlungen mit ihren eigenen Onlineshops noch nicht. Einzelne Ausnahmen wie Thalia, die ihren Umsatz zu 25 Prozent im Netz machen, gibt es. Damit sind sie aber auch immer noch unter dem Marktdurchschnitt. Vor allem bei Elektronik liegen Media Markt und Saturn mit 10 Prozent deutlich drunter.

Auch wenn die Vermutung nahe liegen würde: Das Onlinegeschäft profitiert nicht flächendeckend von Filialschließungen. Beim Onlinehändler Zalando geht die Nachfrage beispielsweise sogar zurück.

Modehändler haben den Start der Sommersaison Ende Februar verpasst, weil aus China die Lieferungen ausgeblieben sind. Bei Sortiment und Lieferung gibt es erhebliche Engpässe. Im März und April werden für gewöhnlich mindestens 50 Prozent der Sommerwaren verkauft. Wenn dann die Ware einfach nicht da ist, dann merkt das auch Zalando.

Welche Onlineshops machen derzeit noch schlechte Geschäfte?

Im Grunde kann man sagen, dass, bis auf Lebensmittel, bei allen Onlinehändlern krisenbedingt ein Einbruch festzustellen ist. Auch das Suchvolumen im Netz, das sieht man anhand der Suchanfragen bei Google, ist im März deutlich gesunken. Das sind typische Verhaltensweisen einer Rezession: Verbraucher kaufen aus Angst einfach weniger.

Besonders beliebt sind zurzeit Online-Lebensmittelhändler. Die Nachfrage ist in den vergangenen Wochen explodiert. Liefertermine zwei Wochen nach Bestelldatum sind längst normal. Schafft es die Branche mit der Corona-Krise aus der Nische?

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Auch Online-Lebensmittelhändler stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Sie lassen sich nicht per Knopfdruck hochfahren. Wenn ein Kunde Lebensmittel braucht, dann will er die auch zügig geliefert bekommen. Das rächt sich ein bisschen. Auch wenn solche Anbieter anfangs mit einem dicken Plus angegeben haben, spätestens wenn Kunden ihre Waren zu spät bekommen, überlegen sie sich, doch lieber selber in die noch offenen Supermärkte um die Ecke zu gehen. Zusätzlich schrecken sehr hohe Mindestkaufbeträge und Liefergebühren viele ab. Ich glaube nicht, dass die Corona-Krise den Online-Supermärkten eine neue Generation an Kunden beschert.

Welchen Vorteil hat Amazon gegenüber anderen Onlinehändlern?

Das Warenangebot von Amazon ist unschlagbar. Kunden finden schnell wonach sie suchen und schätzen die Schnelligkeit der Zustellung. In Deutschland gibt es mehr als 18 Millionen Amazon-Prime-Mitglieder. Es zeichnet sich ab, dass ein Amazon-Prime-Kunde für den Rest des Einzelhandels verloren ist. Durch die eigene Zustellung ist Amazon nicht auf die Lieferdienste angewiesen, die immer länger brauchen und nicht so zuverlässig liefern. Ich schätze, dass mindestens ein Drittel, wenn nicht sogar mehr, inzwischen von Amazon selbst zugestellt wird. Amazon ist der klare Gewinner der Corona-Krise.

Inwiefern stößt selbst Amazon mit der steigenden Nachfrage an seine Grenzen?

Ich wüsste nicht, an welche Grenzen Amazon stoßen soll. Weder der Gesetzgeber, noch das Kartellamt haben es bislang geschafft, Amazon aufzuhalten. Organisches Wachstum gibt dem Bundeskartellamt keinen Anlass einzuschreiten. Mich würde es nicht wundern, wenn Amazon eines Tages auf einen ähnlichen Marktanteil wie Google kommt. Amazon ist nicht aufzuhalten.

Wird Amazon noch stärker aus der Krise hervorgehen?

Absolut. Auf der anderen Seite muss man auch sehen: Auf dem Marktplatz können gerade jetzt viele kleine stationäre Händler einen Teil ihrer Umsatzausfälle kompensieren. Fast zwei Drittel des Amazon-Handelsvolumens wird auf dem Marktplatz mit Verkäufern beziehungsweise Partnern gemacht, zu denen auch etliche der betroffenen lokalen Händler gehören. Selbst ohne eigenen Onlineshop machen diese hier zum Teil beträchtliche Umsätze. Gleiches gilt für eBay-Verkäufer, bei denen es sich überwiegend um kleinere Händler handelt.

Werden sich die Einkaufsgewohnheiten in Deutschland durch die Corona-Krise nachhaltig ändern?

Kunden werden in Zukunft sicher mehr auf hygienische Standards in Geschäften achten und sich zweimal überlegen, ob sie ihre Einkäufe zu hoch frequentierten Zeiten erledigen. Verbraucher werden sich noch lange daran erinnern, dass zu volle Läden ein gesundheitliches Risiko sind. Sicherlich wird sich die Corona-Krise auch auf das Bezahlverhalten auswirken. Viele Verbraucher werden in Zukunft auf dreckiges Bargeld verzichten wollen und zum Beispiel mit dem Handy kontaktlos bezahlen. Dafür muss die Kreditwirtschaft aber auch die Beträge, die man kontaktlos bezahlen kann, deutlich anheben.

Mit Gerrit Heinemann sprach Juliane Kipper.

Quelle: ntv.de